Tina-Colada 07.07.2007, 11:22 Uhr 2 0

Zwischenzeiten

Früher dachte ich, Mitternacht sei um 0Uhr. Ein Trugschluss, denn der Wechsel von einem Tag zum Nächsten findet in Wahrheit erst viel später statt.

Zwischenzeiten- wenn er der eine Tag gerade erst aus den Federn kriecht und die Reste des alten noch nicht totzukriegen sind. Gedanken zum Tageswechsel.

Köln, 6.30Uhr. Ein Blockseminar, das mich zwingt samstags schon um acht Uhr im entlegensten Winkel Bonns zu sein, beschert mir einen ungewohnten Blick auf meine Stadt. Vielen Schichtarbeitern mag er wahrscheinlich sehr vertraut sein, mir als Student mit normalen Arbeitszeiten ist er aber höchst selten vergönnt. Schon zum 4.mal in diesem Semester muss ich so früh los und jedes Mal bin ich aufs Neue fasziniert von der wundersamen Stimmung. Heute ist es kalt draußen, zu kalt für die Jahreszeit. Ein klarer, sonniger Morgen. Fühlt sich ein bisschen an wie Mai, wenn der Sommer noch in den Kinderschuhen steckt, die Luft kalt ist und die Sonne erst tagsüber ihre volle Kraft erreicht. Doch es ist Juli und sollte eigentlich Hochsommer sein.

Am Rudolfplatz ist bereits geschäftiges Treiben. Die Bäckerfrau bei Kamps, hat ihre Brötchen fertig arrangiert und gönnt sich vor dem Laden die letzte Zigarette. Kehrmaschinen und Straßenfeger entfernen die Überbleibsel der Nacht, Flaschen, Scherben, McDonalds Abfülle. Mit einer Routine, die man nur in Städten findet, die gelernt haben, mit Müll umzugehen. Ob Karneval oder Christopher Street Day, ob Kotze oder Konfetti- spätestens am nächsten Tag um 10Uhr sind die Bürgersteige wieder blank. Die ersten Händler des Antiktrödelmarkts bauen ihre Stände auf, dazwischen Nachtschwärmer in derangierten Partyoutfits, aufgelöst, müde, blass, berauscht. Trotz der Betriebsamkeit herrscht eine ungewöhnliche Ruhe. Der Tag ist noch nicht richtig aus den Startlöchern gekommen, alles erscheint irgendwie unwirklich, wie in einem Zeitvakuum.

Ich radle die Ringe entlang und auf dem Weg zur Bahn begegnen sie mir an allen Straßenecken und einsamen Einfahrten: Knutschende Pärchen. Drei Stück sind es diesmal, alle eng umschlungen, in ihre eigene Welt versunken, fernab der Außenwelt. Es scheint eine Zeit der Entscheidungslosigkeit zu sein. Sie wollen nicht nach hause und alleine schlafen gehen, aber sie wollen einander auch nicht mitnehmen. Doch Loslassen kommt auch noch nicht in Frage. Also stehen sie da, eng umschlungen. Das Tageslicht hat sie des schützenden Mantels der Nacht beraubt, der zweisamkeitschaffenden, verhüllenden Dunkelheit. Ob sie sich wohl schon länger kennen? Eher nicht, denn sonst hätten sie sicherlich schon den Weg zu einem der beiden angetreten. Oder ob sie wohl die ganze Nacht geredet haben um sich im Morgengrauen, bierseelig und mittlerweile mutig das erste Mal zu küssen? Oder waren es einfach die einzigen Beiden, die um die Uhrzeit noch stehen konnten und noch niemanden zu anlehnen hatten? Ich werde es nie erfahren.

Als ich die Zülpicher Straßen herunterfahre, dröhnen aus dem „Venusceller“ noch die Bässe. Ein Ort, an dem man nur landet, wenn nichts anderes mehr offen hat, ein Ort derer, die noch nicht nach hause wollen, auch wenn die Nacht bereits lange ihren Zenit überschritten hat. Trotzdem ist es kein verzweifelter Ort. Auch wenn das Kellerloch nüchtern betrachtet- aber wer ist das dort schon- kein schöner Ort ist, landet man dort nicht, wenn der Abend scheisse war, sondern wenn die Stimmung so gut ist, dass noch keiner gehen möchte. Es ist ein Ort berauschter Menschen, die sich an die letzten Atemzüge der Partynacht klammern.


Ich bin am Südbahnhof angekommen. Außer mir wollen genau zwei andere auch schon nach Bonn, eine davon ist bei mir im Seminar. Wir nicken uns von weitem zu, doch reden wollen wir um die Uhrzeit noch nicht. Die Bahn ist fast leer, in meinem Abteil bin ich die Einzige. Aus meinem Ipod tönt Jamie Cullum, die Sonne scheint durchs Fenster. Ich habe keine aufregende Nacht hinter mir. Im Gegenteil, 8 Stunden mathematiklastiges Blockseminar warten auf mich. Doch sie haben mir einen neuen Blick auf die Stadt beschert. Einer, der so diametral anders ist, wenn man schon dem neuen Tag angehört, als wenn man ein Rest des Alten ist.

2 Antworten

Kommentare

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    Na ja, also wer SAMSTAGS um halb sieben auf der Straße ist, der ist doch entweder noch unterwegs oder auf dem Weg zur Arbeit....denn sonst gibts um die Uhrzeit ja noch nichts zu erledigen, denn selbst die meisten Bäcker haben noch zu.Sicher, im Park hätte man vielleicht noch Jogger gesehen, oder Leute, die Hunde ausführen, aber so mitten in der Innenstadt war es wirklich ganz eigenartig.

    Sicher ist halb sieben jetzt nicht sooo früh, aber an einem Samstag ist die Stimmung schon noch sehr speziell.

    Finde auch, man müsste sich das direkt öfter anschauen.

    08.07.2007, 22:09 von Tina-Colada
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    "mir als Student mit normalen Arbeitszeiten"

    Ich bin zwar keine Studentin, aber eine Schichtarbeiterin bin ich auch nicht und trotzdem stehe ich fast jeden Morgen um 5:40 Uhr oder 6 Uhr auf. Je nachdem, ob ich mit dem Bus fahre oder mit dem Fahrrad.

    Aber auch so, scheinen dir alle begegneten Personen von der Arbeit, Party oder sonstiges zu kommen. Da müssen bei dir doch noch mehr Leute um diese Uhrzeit unterwegs sein, oder nicht??

    Aber auch so, du hast schon recht, manchmal ist einfach ein irres Gefühl mitzubekommen, wie der Tag anfängt und alles lagsam erwacht. In genau solchen Momenten denke ich mir, allein dafür lohnt es sich schon so früh aufzustehen.

    07.07.2007, 23:28 von Fariana
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