Zwischen meinen Zeilen in einem packbraunen Umschlag
Wie oft kann man sich verpacken und versenden, ohne sich zu verlieren, und wie oft sich durchblättern, ohne sich zu verknicken?
Jeden Tag aufs Neue packe ich mich in Briefumschläge. Ich tüte mich in braunes Packpapier, beklebe mich mit unfrankierten Marken und versende mich in die Welt.
Damit ich mitsamt meinem Leben in die Tüte passe, habe ich alles in Stichworte gepresst: kompakt und schnörkellos auf 4 Seiten Din-A4. Die einzigen Zeichen meiner individuellen Persönlichkeit finden sich in der wagemutigen Abweichung vom genormten Schrifttyp und der freiheitlich gewählten Zentrierung wider den uniformen Blocksatz.
Bevor ich mich in die packbraunen Umschläge stecke, kontrolliere ich mich Mal um Mal auf orthographische Korrektheit, auf Vollständigkeit, auf Eselohrfreiheit und Übersichtlichkeit. Das letzte was mir ins Auge fällt ist mein eigenes Gesicht mit dem Lächeln, dass selbst mich kurzfristig überzeugt: es geht mir gut, ich bin dynamisch, aufgeschlossen, freundlich und kompetent. Ich würde mich nehmen.
Erst als der rechteckig verzerrte Schlund des gelbköpfigen Brieffressers mein Kuvert verschluckt, durchfährt mich der altbekannte plötzliche Schreck. War auch wirklich alles in Ordnung: das Porto ausreichend, die Anschrift korrekt? Hab ich mich oft genug durchblättert und korrigiert, ohne mich dabei zu verknicken? Oder sieht man meinem Gesicht, doch den letzten Rest Unsicherheit an, die unaufhaltsam wächst, desto öfter mein Lächeln auf mich zurückgeworfen wird, aus einem anderen Umschlag mit mir selbst als Adresse drauf?
Das dumpfe Schnappgeräusch des Briefkastens hallt noch kurz in mir nach, dann verliere ich mich aus den Augen. Irgendwann später werde ich gestempelt und verfrachtet, lande in Ablagen und auf Schreibtischen, wandere durch unzählige Hände - flüchtige Berührungen ohne Dauer und Bedeutung. Blicke streifen mich, manch einer verweilt.
Meistens lande ich in einer kalten Ablage, manchmal werde ich dort vergessen. Manchmal schaffe ich es nicht mal auf die Schreibtischunterlage, bevor ich aus meinem eigenen Pappumschlag in einen fremden und wieder durch Hände wandere, bevor ich zu mir zurückkehre.
Ganz selten legt mich jemand auf kleine warme Stapel mit anderen und holt mich wieder hervor, wägt mich ab wertet mich aus, sieht mir in die Augen, liest zwischen meinen Zeilen und versucht mich einzuordnen.
In einigen Büros liege ich schon ein halbes Jahr, ohne dass das Büro von meiner Anwesenheit weiß. Ich bin schon aus Versehen weggeworfen worden und wurde schrecklich ramponiert.
Meisten aber bin ich zu mir zurückgekommen, lächle mir entgegen aus einem papierenen Umschlag, wie um zu sagen: Da bin ich wieder! Hast Du mich vermisst?
Und dann sehe ich mir ins Gesicht und in meine Celluloid-Augen, suche nach dem was mich eigentlich ausmacht, und finde es nicht. Es steckt nicht in diesem Umschlag, und es kommt deshalb auch nirgends an. Also überarbeite ich mich, schreibe noch mehr zwischen meine Zeilen und hoffe, dass mich endlich irgendjemand dort finden wird. In einem packbraunen Briefumschlag, mit meinem Stichwort-Leben und meinem Lächeln drin.





Kommentare
Bildungsstreik 2009, Leute!
04.03.2009, 21:57 von Pipifuchsich bin auch beeindruckt. danke :-)
31.08.2008, 13:35 von Mein_jetziges_LebenWar echt ein toller Lesegenuß!
25.08.2008, 16:55 von TaneaBei "Packbrauner Umschlag" mußte ich mein Hirn immer zwingen nicht "Kackbraun" zu lesen *grins*
Ganz tolle Sprache und schöne Bilder.
Wow!! Dein text hat mich umgehaun!
19.04.2008, 15:02 von prinzessin_lillifeeIch kann mich den andren nur anschließen: Werd doch Autorin!
Bewunderswert geschrieben. Nicht sentimental oder gefühlslastig, aber sehr ausdrucksstark. (ja, ich kann es nicht verstehen... aber jetzt schon.)
13.01.2008, 14:40 von LolapenntDas klingt vielleicht seltsam aber:
16.09.2007, 13:21 von eli-peliDankeschön.
Ich habe bisher noch niemanden gefunden, der weiß, wie sich dieser ganze Ablauf anfühlt.
Das Einpacken, Loslassen und Zurückkommen. Oder das Vergessen werden, Achtlos weggewofen werden...
Von daher von meiner Seite:
Ich wünsch dir und allen anderen, die an der Suche zu verzweifeln drohen viel Glück, ein wenig Schicksal und etwas Zufall.
Irgendwann hat die Reise ein Ende.
"Und dann sehe ich mir ins Gesicht und in meine Celluloid-Augen, suche nach dem was mich eigentlich ausmacht, und finde es nicht. "
28.05.2007, 19:19 von PrincipessaDas kenne ich, vor allem wenn ich versuche mich in diesen dämlichen Motivationsschreiben zu verkaufen, und die kleinen Sterne in meinen Augen die ich bekomme, wenn ich von meinem Traumjob spreche, zum X-ten Mal nicht so ganz in Worte fassen kann wie ich gerne würde...
Viel Glück! Carina
Ahhh... furchtbar, nicht. Ich mache das im MOment auch. Und ich hasse es. Bin froh wenn ich eeeeendlichw as finde :-(
19.03.2007, 14:39 von ZoZe