Zum Flughafen, bitte
Ein kolumbianischer Taxifahrer, zwei deutsche Schülerinnen und die Anweisung "Zum Flughafen, bitte" sollte genügen, um alle glücklich zu machen...
Diesmal wollte ich es allen zeigen. All denen, die schmunzelten über die komische Spanisch-Ausprache der Deutschen; all denen die dachten, eine Deutsche könne lediglich ein Taxi zum 500m entfernten Einkaufszentrum 'Buena Vista' bestellen und ganz besonders all denen, die sich gestern Abend noch über mich lustig gemacht hatten, als ich verkündete, Kira und ich würden alleine zum Flughafen fahren, um uns dort von Tine, einer befreundeten Deutschen, zu verabschieden.
" Das kriegt ihr niemals hin! Ihr werdet nie am Flughafen ankommen", wurden wir ausgelacht. Doch keiner dieser Sprüche brachte uns auch nur annähernd aus der Ruhe; wir waren fest entschlossen zu beweisen, wie selbstständig wir waren.
Am Abend zuvor, hatten Kira und ich uns von Tine mit einem kurzen Kuß auf die Wange und dem Veweis auf das Treffen am Flughafen verabschiedet. Da ich nur 2 Häuser von Tine entfernt wohnte und wir am nächsten Morgen früh rausmussten, übernachtete Kira der Einfachheit halber bei mir.
Bereits um 5 Uhr am nächsten Morgen saßen wir dann, mehr schlafend als wachend im Taxi, wo ich dem Fahrer unser Ziel verkündete : "Al Aeropuerto". Selbst in meinem traumähnlichen Zustand war ich stolz, über meine sehr spanische Aussprache. Kira bewunderte meine Sprachkünste auch ein wenig, bevor wir uns, froh die erste Etappe unserer kleinen Weltreise so locker gemeistert zu haben, zurücklehnten, in der festen Überzeugung, nun könne mit Sicherheit nichts mehr schief gehen.
Da wir um die Fahrtzeit von etwa einer Stunde wußten, machten wir es uns erstmal im Taxi -so weit dies in einem kolumbianischen Taxi möglich war- bequem.
Der Fahrer war unüberhörbarer Vallenato-LIebhaber, sodass wir und während der ganzen Fahrt an volksmusikähnlichen Akkordeonklängen erfreuen durften; immer das Ziel "Flughafen" vor dem inneren Auge.
Fasziniert von der an uns vorbeikriechenden Landschaft, machte ich nach einer halben Stunde das Meer ausfindig und wies Kira entzückt darauf hin.
Wir waren begeistert von der Vielfalt unseres Gastlandes, welches wir auf der Fahrt durch zahllose niedliche Dörfer, näher kennenlernen durften. Obwohl wir bereits einen Monat in Kolumbien lebten, konnten wir uns an den Palmen und Kokosnüssen am Straßenrand nicht satt sehen.
Immer wieder gab es etwas neues, schönes zu sehen, auf das wir uns gegenseitig und sehr lautstark hinwiesen.
Irgendwann zwischen "Ooooh guck maaal die bunten Blumen an dem Haus daaa!" und "Sind diese weißen Häuser da nicht schnuuuckelig?!" fand ich das alles plötzlich irgendwie nicht mehr ganz so "niedlig".
Waren wir zum Flughafen sonst nicht immer durch trockene Landschaft gefahren, ohne jedes Anzeichen von schönen Blumen und Häusern? War das Meer nicht immer auf der anderen Seite gewesen; nicht aber in Richtung des Flughafen? Ich wurde nervös, sehr nervös und teilte Kira meine Befürchtungen mit, wir könnten uns verfahren haben. Kira jedoch beruhigte mich, das wäre bestimmt eine Abkürzung; der Taxifahrer wisse doch, wo der Flughafen sei.
Ich, für meine blühende Phantasie bekannt, war jedoch nicht so leicht zu beruhigen und malte mir die schrecklichsten Bilder aus: Man hatte doch immer wieder von Entführungen in Kolumbien gehört; was wenn auch wir Opfer einer skrupellosen Taxifahrer-Mafia geworden waren?
Kein Wunder, dass soviele Menschen darauf reinfielen, denn unser Fahrer sah wie ein netter Opa aus, gar nicht wie ein böser Lösegelderpresser.
Ich zwang mich ruhig zu bleiben, da ein Lösegelderpresser bestimmt nicht anhalten würde, um seine armen Geiseln freizulassen. Außerdem, wußten wir gar nicht wo wir waren!! Ich klammerte mich an die winzige Hoffnung, das Meer läge auf einer Abkürzung in Richtung Flughafen, als der Taxifahrer direkt am Wasser anhielt, sich lächelnd umdrehte und fragte: " Puerto Colombia, cierto?".
Ich verlor jegliche Fassung und rief beim Anblick unseres Ziels: "No, no!!!! Aeropuerto..con los aviones!!!"
Ich wollte zu keinem kolumbianischen Hafen, sondern nur noch zu Tine auf den Flughafen. Davon waren wir aber leider 2 Stunden weit entfernt, denn der Puerto Colombia lag dummerweise in genau entgegengesetzter Richtung zum Flughafen.
Bei meinem wütenden Ausbruch hörte der geschockte Nicht-Lösegelderpresser auf zu grinsen, murmelte etwas wie " so eine Scheiße, das dauert lange,...so eine scheiße.." und drehte glücklicherweise um.
Kira und ich, entrüstet über diesen Fehler des Taxifahrers bestanden darauf, dass wir nur die Fahrt zum Flughafen bezahlen würden, nicht aber die zum Hafen. Langsam wurden wurden wir, die wir so großzügig geplant hatten, kribbelig und hatten irgendwie auch jegliche Begeisterung für die schöne Natur verloren.
Die Rückfahrt schien eine Ewikgkeit zu dauern und als wir endlich auf die Straße zum Flughafen gelangten, waren wir alle drei schweißgebadet; was bei 39°C in einem Auto ohne Klimaanlage jedoch auch ohne Stress nicht verwunderlich gewesen wäre.
Als wir kurz vor dem Flughafen in einem kolumbianischen Stau stecken blieben, verlor sogar die eigentlich eher gelassene Kira die Beherrschung.
Ich sage "kolumbianischer Stau", weil dieses Phänomen in Deutschland quasi unmöglich ist. Man könnte es eher als Chaos von ineinader verkeilten Autos, Mofas, Lkws und Bussen bezeichnen, was bei den nicht vorhandenen Regeln allerdings kein Wunder ist.
Hinzu kommt hierbei das Motto: Es fährt wer hupt.
Es hupen also alle, jeder will fahren, aber keiner kommt voran.
Mein unablässiger Blick auf die Uhr machte den Taxifahrer immer nervöser, während wir uns durch die staubenden Automassen quälten. Wir waren mittlerweile so nah vor dem Flughafen, dass wir, wären wir lebensmüde gewesen, hätten aussteigen und zu Fuß zum Flughafen laufen können.
Wir ließen es dann doch lieber bleiben.
Endlich, nach gefühlten 4 Stunden kamen wir schließlich am Flughafen an. Die Uhr verhieß uns nichts gutes: Der Check-in war bereits abgeschlossen und selbst unser kopfloses-über-den -Flughafen-Gerenne konnte an dieser leidigen Tatsache nichts mehr ändern.
Völlig aufgelöst standen Kira und ich vor der Trennwand, hinter der wir Tine vermuteten, während wir vor uns hin schimpfen, verzweifelt über unsere eigene Unfähigkeit.
Wir müssen ein so erbärmliches Bild abgegeben haben, dass eine Flughafenangestellte uns besorgt nach unserem Befinden fragte; sie schien jeden Augenblick mit einem Nervenzusammenbruch der zwei "Monas", Blonden zu rechnen.
Mit Tränen in den Augen schilderte ich ihr von unserer Freundin hinter der Trennwand, von der wir uns nicht verabschieden konnten und die wir bestimmt niiie wieder sehen würden. Ich gebe zu, das war ein wenig übertrieben, erschien mir in dem Moment aber angemessen, um unserem Dilemma ordentlich Nachdruck zu verleihen.
Als die Beamtin die Trennwand öffnete,wurde meine Vermutung bestätigt: manchmal ist übertreiben eben doch ganz hilfreich.
Dummerweise hatten wir nicht mit der Größe der Wartehalle gerechnet; dort standen geschätzte tausend Passagiere und warteten auf ihren Flug, während Kira und ich doch nur EINE von diesen tausenden haben wollten. Was nun? Einfach wegfahren? Umsonst gezittert und gezetert?
Nach kurzer Überlegung waren wir uns einig: entweder ganz oder gar nicht! Also schrieen Kira und ich so laut wir konnten -nach dem Gesicht der Flughafenbeamtin zu urteilen, sehr laut- Tines Namen.
Und, siehe da: Sie war noch da! Mitsamt ihrem neu gekauften Sombrero und 3 Rucksäcken stand sie zwischen all den fremden, sich wundernden Menschen und winkte wild mit beiden Armen - wenigstens ein kleiner Trost.
Trotz unseres kleinen Sieges, waren wir enttäuscht. Nicht wegen des Geldes - wir hatten wirklich nur die Fahrt zum Flughafen bezahlt! Da sieht man mal das Durchsetzungsvermögen von zwei hysterischen Deutschen- sondern wegen des verlorenen Abschiedes; denn Winken und Weinen war eben nicht so gut, wie Winken und Umarmen.
Auf dem Rückweg waren Kira und ich ungewöhnlich schweigsam. Obwohl es - davon bin ich immer noch überzeugt- nicht meine Schuld gewesen war, sondern der Taxifahrer einfach nur "schlechte Ohren" hatte, war es peinlich genug, dass uns selbst der Anblick der Landschaft nicht verwundert hatte; wir waren schließlich schon oft genug mit Freunden zum Flughafen gefahren.
Zu Hause angekommen erzählten wir entrüstet von der ganzen Misere. Aber statt uns zu bemitleiden und mit uns gemeinsam auf den bösen, bösen Taxifahrer zu schimpfen, konnten sich die anderen gar nicht mehr halten vor Lachen.
"Du hast ganz bestimmt nicht 'Aeropuerto' gesagt! Die Taxifahrer fahren immer richtig, wenn du das Richtige sagst.", war -trotz Kiras vehementer Unterstützung meiner Sprachkünste- die am weitesten verbreitete Meinung.
Wir waren beleidigt. "Es war nicht unsere Schuld; das hätte jedem passieren können!" war unsere Antwort auf jeden Lachanfall des Gegenübers: mit wenig Erfolg. Wir blieben -trotz Protest - die Deutschen, die mit dem Taxi höchstens unbeschadet bis zum Buena Vista fahren konnten.
Als wir uns ein paar Tage später mit einigen Freunden bei mir Zuhause trafen, fehlte Daniel.
Da wir Daniel und seine Unpünktlichkeit nur zu gut kannten, machten wir uns keine Sorgen, sondern setzten uns mit Musik in den Garten.
Eineinhalb Stunden später hielt ein Taxi an, aus dem ein furchtbar wütender Kolumbianer ausstieg: Daniel.
Auf unsere Fragen, wo er so lange geblieben sei, antwortete er nur ungern:
Der Taxifahrer war - trotz korrekter Anweisung- fälschlicherweise an das andere Ende der Stadt gefahren.






Kommentare
o.k. den text habe ich gelesen .. wird es fortsetzungen geben??
05.11.2007, 19:13 von jangohja^^ wenn, dann habe ich das gelernt. ist ja auch was ;)
01.09.2007, 15:47 von lalumbia