Wohin du auch gehst, geh mit ganzem Herzen.
Einer von diesen hirnverbrannten Sprüchen.
Wie soll das möglich sein? Es gibt Menschen, die ganze Teile meines Herzens besitzen und damit machen, was sie wollen. Auf Parkbänken vergessen, mir vorwerfen oder im Zug auf der Ablage liegenlassen. Das einzige, womit man wirklich ganz gehen kann, ist mit ganzer Überzeugung. Verquererweise ist das meistens gerade dann so, wenn man keine Ahnung hat, wo genau sich die Splitter seines Herzens herumtreiben.
Man begeht stilvolle Fahnenflucht. Raus aus dem Leben, rein in ein neues. Am besten in ein anderes Land. In der Hoffnung, dass man durch die neuen Eindrücke und die neuen Menschen keine Zeit mehr hat, darüber nachzudenken, ob es Sinn macht, sich auf die Suche nach seinen Splittern zu begeben.
Tatsächlich ist aber genau das nicht der Fall. Denn einige von diesen behämmerten Sprüchen sind nämlich wahr.
Manchmal merkt man erst, wie wichtig etwas ist, wenn man es vermisst.
Milchreis zum Beispiel.
Gibt’s hier einfach nicht zu kaufen.
Du musst nicht weit gehen, um eine völlig andere Welt vorzufinden. Eine Stunde mit dem Flugzeug und die Menschen fahren auf der anderen Straßenseite. Drei Stunden mit dem Auto und die Menschen fahren fauchend bei jedem Wetter Fahrrad. Aber völlig egal, wie weit du gehst, fliegst oder fährst: deine Vergangenheit kannst du auf dem Weg nicht an der Raststätte aussetzen. Glaub mir, ich hab das ausprobiert. Mehr als einmal. Soll Menschen geben, die ihr aus dem Weg gehen können für längere Zeit, aber ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll und wohin man da geht. Man weiß ja nie, wo die Vergangenheit hingeht, wie soll man ihr da ausweichen? Meistens rennt man ja doch in sie rein und sie pinkelt dir ans Bein, wenn man am wenigsten damit rechnet. Selbst wenn der Wunsch zur Flucht das sicherste Kondom gegen ungewollte Heimwehschwangerschaft ist, ändert das nichts daran, dass man ab und zu seine Tage bekommt. Tage, an denen man sein altes Leben wiederhaben will. Mit Menschen, die einen kennen. Die einen nicht erst unbedingt kennenlernen müssen. Die wissen, was man sagt, wenn man es nicht sagt. Zeit heilt nicht alle Wunden. Zeit nimmt dir einfach alles weg. Gutes und Schlechtes. Sie frisst es einfach auf und spuckt dich mit einem Brei aus Akzeptanz wieder an, der dich verfolgt wie die Zahnpastaflecken auf jedem deiner Pullover. Der dir sagt, dass Zeiten sich ändern und dass du dich geändert hast. Dass du jetzt erwachsen seiest.
Aber was ein Unsinn. Was ein Baby, dieser Brei. Als ob ich erwachsen wäre, nur weil ich beim Bierkaufen nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt werde. Außerdem lasse ich nach wie vor nachts konsequent das Fenster auf. Für den Fall, dass Peter Pan doch noch vorbeikommt und mich ins Nimmerland mitnimmt. Oder irgendwohin, wo es keine Rolle spielt, ob man mit ganzem Herzen ankommt oder nur einen kleinen Splitter, ein Sixpack Bier und einen letzten Rest Würde am Eingang vorweisen kann. Irgendein Ort, an dem man sich unter vielen Menschen nicht einsam fühlt. Wo es nicht nötig ist, zu wissen, was aus einem mal werden wird, weil „Oma“ und „glücklich“ hier als Antworten akzeptiert werden. Wo ich mich so liebe, wie ich bin.
Oder er bringt mich einfach zu dir.
Aber das ist unwahrscheinlich. Es ist wahrscheinlicher, dass Peter Pan es schafft mich mitsamt meiner Vergangenheit an einer Raststätte auszusetzen.
Denn Erfahrung ist eben doch fast immer nur eine Parodie auf die Idee.






Kommentare
"Denn Erfahrung ist eben doch fast immer nur eine Parodie auf die Idee."
Mein Ex, der sich vor gut einem Monat von mir getrennt hat heißt Peter. Ironie irgendwie in meinem Fall. Aber ich lasss mein Fenster auch offen. Ich wünschte er würde kommen und zumindest den Rest meines Herzens auf der Fensterbank liegen lassen. Aber, wie sagt man so schön, das Leben ist nunmal kein Wunschkonzert.
22.01.2012, 22:46 von Das MädchenDer Text und der Inhalt ist sehr schön geschrieben, ich kann dir da vollkommen zustimmen. Nur die Einleitung passt nicht so ganz dazu. Find ich.
20.01.2012, 20:12 von Jensation82Aus meiner "Fluchterfahrung" kann ich dir aber noch nen Spruch an den Kopf knallen, der auch was Wahres hat: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied."
Ich weiß, dass ist leichter gesagt als getan, aber im Endeffekt kann in deiner neuen Heimat keiner so richtig wissen, woher du kommst, was du durch gemacht hast und warum du hier bist und es dir trotzdem nicht gefällt. Das spür ich selber auch gerade, nur kann ich die neuen Mitmenschen nicht für mein Leben verantwortlich machen, sondern muss selber rausfinden was ich will und wie/wo ich es bekomme. ;-)
Außerdem lasse ich nach wie vor
19.01.2012, 23:41 von Heldinachts konsequent das Fenster auf. Für den Fall, dass Peter Pan doch noch
vorbeikommt und mich ins Nimmerland mitnimmt. Oder irgendwohin, wo es keine
Rolle spielt, ob man mit ganzem Herzen ankommt oder nur einen kleinen Splitter,
ein Sixpack Bier und einen letzten Rest Würde am Eingang vorweisen kann.
Liebe♥
"Selbst wenn der Wunsch zur Flucht das sicherste Kondom
18.01.2012, 12:29 von euliggegen ungewollte Heimwehschwangerschaft ist, ändert das nichts daran, dass man
ab und zu seine Tage bekommt."
Das macht für mich irgendwie keinen Sinn. Wenn man keine Heimwehschwangerschaft will, sollte man sich doch über seine Tage freuen, als Indiz dafür, dass keine Schwangerschaft besteht!
Also ich denke nicht das Sie "DIESE TAGE" meint.Ich habe es so verstanden das es die Sehnsucht ist auf vergangenes,weil doch nicht alles schlecht war .....
23.01.2012, 21:59 von My_KeyAtemberaubend, der Text hat mir sehr gefallen, nicht zuletzt weil er mir aus der Seele spricht.
18.01.2012, 10:45 von Seraphina69Sehr schoen. Spricht mir an manchen Tagen aus der Seele.
Man nimmt sich immer selbst mit.
17.01.2012, 10:31 von sailorDem Text fehlt es an Stringenz. Ich kann ihn einfach nicht nachvollziehen. Was ist denn die Kernaussage? Ich glaube du kochst hier auf vielen verschiedenen Platten und bringst aber kein Gericht zu Ende.
17.01.2012, 09:41 von Sterling4ever