Wörter für Gottes Ohr
Der Brite Adam Jacot de Boinod hat Wörterbücher in 280 Sprachen gelesen – und viele nützliche Begriffe in ihnen gefunden.
Herr Jacot de Boinod, auf der ganzen Welt sterben Sprachen. Bekümmert Sie das?
Noch gibt es ungefähr 6800. Doch alle fünfzehn Tage verschwindet eine. Und mit ihr eine Wunderwelt vielsagender, aufschlussreicher, provozierender, amüsanter, bizarrer, schrulliger oder einfach nur lehrreicher Wörter. Gut dass wenigstens ein Teil in Büchern erhalten bleibt.
Sind die 27 Bezeichnungen für Schnurrbart, die Sie in einem albanischen Wörterbuch fanden, noch in Gebrauch?
Meines Wissens schon. »Mustaqe madh« ist der buschige Schnurrbart, »mustaqe glemb« der Schnurrbart mit gewachsten Spitzen oder »mustaqe fshes« der lange, besenartige Schnurrbart mit borstigen Haaren. Es gibt im Albanischen übrigens genauso viele Wörter für Augenbrauen. Was für eine Schatzkammer, was für eine fremde Welt!
Die Albanien-Recherche war der Beginn IhrerKarriere als Wörtersammler …
Ja, ich habe damals für eine BBC-Quizshow recherchiert. Und festgestellt: Wörtersammeln ist wie Goldwaschen. Alle fünf oder zehn Seiten stößt man auf ein Wort, das stutzig macht. So wurde aus einem Hobby eine Leidenschaft, dann Besessenheit.
Mittlerweile haben Sie Wörterbücher in 280 Sprachen durchforstet. Warum gibt es scheinbar überall Wörter, die sich kaum in andere Sprachen übersetzen lassen?
Von vielen Dingen würde man ja schon aus kulturellen oder klimatischen Gründen gar nicht erwarten, dass wir über eine entsprechende Präzision des Ausdrucks verfügen. Wofür bräuchten wir auch 108 Wörter für Süßkartoffeln wie die Hawaiianer? Auf Hawaii verfügt man außerdem über 47 verschiedene Bezeichnungen für Bananen und 65 Wörter für das Fischernetz. Auch ein einzelnes Verb kann sehr viel sagen. »Kapau’u« zum Beispiel: Fische in ein vorbereitetes Netz treiben, indem man mit einem blättrigen Ast das Wasser schlägt. Es kommt eben immer darauf an, was einem wichtig ist. Die brasilianischen Baniwa etwa verfügen über 29 Bezeichnungen für die Ameise. Und in Somali gibt es nicht weniger als 43 Wörter und Redensarten, die sich auf das Kamel beziehen. Das schönste Kamelwort kommt aber aus dem Persischen: »nakhur« – ein Kamel, das keine Milch gibt, wenn man es nicht an den Nüstern kitzelt.
Klingt nach einer Art Wörter-Freakshow.
Wie finden Sie »tuti’i pas ayina«? Das ist auch Persisch und bezeichnet eine Person, die hinter einem Spiegel sitzt und einen Papagei dasSprechen lehrt, indem sie ihn glauben macht, dass es ein anderer Papagei ist, der die Wörter vorspricht. Interessanter sind aber möglicherweise jene Begriffe, die man universell gebrauchen könnte, die aber nur in wenigen Sprachen existieren. Zum Beispiel die deutsche Bezeichnung für jemanden, der ein Restaurant verlässt, ohne zu bezahlen: »Zechpreller.« Oder »nedovtipa«, das ist Tschechisch für jemanden, dem es schwer fällt, einen Hinweis anzunehmen. Noch eins: »ataoso« – im mittelamerikanischen Spanisch einer, der mit allem ein Problem hat. Das Indonesische kennt mit »neko-neko« ein sehr praktisches Wort für »eine kreative Idee haben, die die Dinge nur schlechter macht«.
Apropos Zechpreller: Was zeichnet die von Ihnen gesammelten deutschen Wörter aus?
Mein Buch ist voll von deutschen Wörtern. Bei Ihnen gibt es für vieles eine präzise Bezeichnung, für dessen Erklärung wir im Englischen einen ganzen Satz oder noch mehr benötigen. »Weltschmerz« zum Beispiel oder »Torschlusspanik«. Und dann die Vielfalt der Spezialausdrücke aus der Arbeitswelt: »Urlaubsmuffel «, »Schwarzarbeit« oder »Technonomade «.
Technonomade?
So nennt man jemanden, der viel von unterwegs arbeitet, in Zügen zum Beispiel, mit Laptop und Handy.
Verstehe. Was sind Ihre Lieblingswörter aus – sagen wir – eher abseitigen Sprachen.
Zum Beispiel »areodjarekput«. Das ist Inuit und heißt »für einige Tage die Ehefrau tauschen «. In der Sprache der Ureinwohner der arktischen Regionen gibt es gibt es zwar eine Menge Wörter für Schnee, es sind aber in keiner die sprichwörtlichen tausend. »Apingaut « zum Beispiel ist der erste Schnee, »tiluktorpok « Schnee, der von der Kleidung geschlagen wurde, oder »pukaangajuq« der beste Schnee, um ein Iglu zu bauen. Bei nicht gefrorenen, kleinen Mengen Wasser sind aus offensichtlichen Gründen die Bewohner von Wüstengegenden präziser: »gurfa« etwa ist Arabisch und steht für die Menge Wasser, die man mit einer Hand schöpfen kann.
Bleiben wir beim Wetter. Wie sieht es im Englischen mit Wörtern für Regen aus?
Englisch interessiert mich nicht. Die Schotten sind da ganz gut. »Smirr« ist ein angenehm leichter, »dreep« ein regelmäßiger, aber nicht allzu starker Regen, »plype« ein plötzlicher, heftiger Schauer, ein »pish-oot« die nahezu vollständige Entleerung des Himmels und ein »thunder-plump« ein plötzlicher Regensturm, der von Blitz und Donner begleitet wird.
Ihre Lieblingssprache für die Wörtersuche?
Japanisch gehört zu den Favoriten. Da staunt an über Wörter wie »mukamuka« – so wütend sein, dass man sich übergeben möchte. Oder »bakku-shan«: ein Mädchen, das hübsch aussieht, wenn man es von hinten betrachtet, von vorne aber nicht. Bislang noch ein rein japanisches Phänomen ist »karoshi«: Tod durch Überarbeitung. Oder »koro«: der hysterische Glaube, dass sich der eigene Penis ins Körperinnere zurückzieht. Malaysisch ist auch gut, besonders in Bezug auf Körperbewegungen: »bongking« zum Beispiel – mit dem Gesicht nach unten ausgestreckt daliegen, den Hintern in der Luft. Oder »kontal-kontil« – »während des Gehens lange Ohrringe schwingen oder mit dem Kleid rascheln. Ein vielleicht nicht direkt erotisches, aber doch sehr sinnliches Wort.
Wie steht es mit Wörtern aus der Vergangenheit?
Da gibt es einiges. »Paukikape« zum Beispiel – altgriechisch für einen hervorstehenden Kragen, den Sklaven beim Kornmahlen tragen mussten, damit sie das Mehl nicht essen konnten. Oder »kunodesme«: Wörtlich heißt das »den Hund anleinen«. Im übertragenen Sinn bedeutete es eine Schnur um die Vorhaut schlingen, damit der Penis beim Sport nicht im Weg ist. Wie gefällt Ihnen übrigens die französische Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil »le petit chauve au col roulé« – der kleine Glatzkopf im Rollkragenpullover?
Sehr hübsch.
Die Franzosen verfügen über ein differenziertes Vokabular aus der Welt der Prostitution. Ein »kangarourou« ist ein Freier, der zögert und zwischen verschiedenen Mädchen hin und her springt, bevor er sich entscheidet. Eine »beguineuse« ist eine Prostituierte, auf die man sich nicht verlassen kann. Eine »wagonnière « arbeitet in Zügen, eine »cocotteminute « – wörtlich ein Dampfkochtopf – ist eine echte Profihure, die viele Tricks sehr schnell hintereinander anwendet.
Herr Jacot de Boinod, was hat Sie bei Ihren Recherchen letztlich am meisten verblüfft?
Sogar vermeintlich instinktive Ausrufe wie »Ouch!« unterscheiden sich von Land zu Land. In Korea schreit man »Aiya!«, auf den Philippinen »Aruy!«, in Frankreich »Aië!«, in Russland »Oj!«. Bei Ihnen sagt man glaube ich »Auwa! «. Aber es geht noch weiter. Die Menschen scheinen Dinge nicht nur auf verschiedene Weise auszudrücken, sondern auch verschieden zu hören. In England ist man weitgehend der Ansicht, dass Kühe »Moo!« machen. In Mexiko hingegen scheint man – zumindest wenn man Nahuatl-Sprecher ist – etwas anderes zu vernehmen: »Choka!« Bengalische Kühe hingegen machen »Hamba!«. Oder Frösche. Auf Afrikaans machen sie »Kwaakkwaak! «, auf Munduruku, der Sprache eines brasilianischen Urwaldstammes, hingegen »Korekorekore!«. Und in Argentinien kurz und trocken »Berb!«.
Haben Sie auch bemerkt, dass einen der Gebrauch einer anderen Sprache beinahe zu einem anderen Menschen macht?
Ich spreche nur Englisch. In der Schule lernte ich Latein und Altgriechisch und ein wenig Französisch, mit dem ich gerade so durchkomme. Es steht aber außer Frage, dass man anhand eines Wörterbuches sehr viel über eine Kultur lernen kann. Meines Wissens war es Salman Rushdie, der sagte, dass man eine Kultur mit Hilfe ihrer nicht übersetzbaren Wörter definieren kann. Auch wenn es ein wenig prätentiös klingt: Ein richtig dickes Wörterbuch in der Sprache, sagen wir, der Osterinseln, ist allemal aufschlussreicher als jeder Reiseführer.
Was heißt eigentlich »tingo«, der Titel Ihres Buches?
Das ist Pascuense, die Sprache der Osterinseln. Es heißt »so viele Dinge aus dem Haus eines Freundes leihen, bis nichts mehr übrig ist«. Ich finde, der Begriff sollte ins Englische übernommen werden.
Fehlende Worte
Eine kleine Auswahl von Begriffen, die wir gerne ins Deutsche übernehmen – oder wenigstens einmal laut vorgelesen bekommen – würden.
‘aua (hawaiianisch) Frau, die langsam faltig wird
besuk (indonesisch) sich weigern, einen Kranken zu besuchen
bigfella iron walking stick him go bang along topside (Tok Pisin, Papua-Neuguinea) Gewehr
cotisuelto (karibisches Spanisch) jemand, der das Hemd nicht in die Hose steckt
dhurna (anglo-indisch) jemanden zur Zahlung bewegen, indem man ohne Nahrungsmittel vor seiner Tür sitzt und so lange mit Gewalt droht, bis die Schulden beglichen wurden
dozvonit’sya (russisch) so lange klingeln oder klingeln lassen, bis jemand antwortet
huiji-jiyi (chinesisch) die Anweisungen des Doktors nicht befolgen aus Angst, als krank zu gelten
kakekomi-josha (japanisch) zu einem Zug rennen und gegen die sich schließenden Türen klopfen
kejeblos (indonesisch) aus Versehen in ein Loch fallen
liklik box you pull him he cry you push him he cry (Tok Pisin, Papua-Neuguinea) Akkordeon
masu-kagami (japanisch) vor einem Spiegel masturbieren
mencak-mencak (indonesisch) wiederholt mit dem Fuß aufstampfen und dabei sehr wütend werden
mpusho (Bemba, Kongo und Sambia) jede Einheit, die größer ist als zehn
murr-ma (Wagiman, Australien) im Wasser spazieren und dabei mit den Füßen nach etwas suchen
ngaobera (Pascuense, Osterinseln) leichte Entzündung des Rachenraumes, verursacht durch zu viel Schreien
olfrygt (Wikinger-Dänisch) Angst vor Bierknappheit
pana po’o (hawaiianisch) sich am Kopf kratzen, um sich an etwas Wichtiges zu erinnern
pi supuhui (mikronesisch) Feiertag, der dem Partnertausch dient
plimpplamppletteren (holländisch) Steine übers Wasser springen lassen
pu’ukaula (hawaiianisch) seine Frau als Einsatz beim Glücksspiel verwenden
puccekuli (Tulu, Indien) Zahn, der nach Erreichen des 80. Lebensjahres wächst
razbliuto (russisch) das Gefühl für jemanden, den man einmal geliebt hat, aber nicht mehr liebt
tsuji-giri (japanisch) ein neues Schwert an einem Passanten ausprobieren
ulaia (hawaiianisch) aufgrund von Enttäuschung als Eremit leben
umudrovat se (tschechisch) sich ins Irrenhaus philosophieren
varevare (Maori) sehr jung und trotzdem schon ziemlich verzweifelt sein
waham (arabisch) das heftige Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln während der Schwangerschaft





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