Ostrakosmos 10.01.2007, 09:47 Uhr 22 17

Willkommen im Dreck

Leben in Douala, Kamerun – einer typischen Millionenstadt in Afrika

Douala ist mit geschätzt 3,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Kameruns und dank des größten und wichtigsten Seehafens Zentralafrikas auch das Wirtschafts- und Finanzzentrum der Region. Ich bin vor kurzem von einem Aufenthalt aus diesem Moloch zurückgekehrt - die drastischste und einschneidendste Erfahrung meines Lebens. Eine Zeit lang habe ich das Leben der Einheimischen geteilt, zeitweise im Slum. Nach europäischen Maßstäben ist die Stadt eher ein dicht bevölkerter Schrottplatz, eine bebaute Mülldeponie. Wie es ist, in dieser Stadt zu leben, vermitteln am besten die Geschichten ihrer Bewohner.

Eric, 26 Jahre, stammt aus einem kleinen Ort im englischsprachigen Westen Kameruns. Sein Vater hatte drei Frauen, und nach dem Tod des Patriarchen und Ernährers geriet die Familie in Not. Erics älterer Bruder starb im Frühjahr 2006 an einer Sepsis, die er sich durch eine banale Fleischwunde am Arm zugezogen hatte – in Afrika ist das immer noch eine potenzielle Todesursache. Nach diesen Schicksalsschlägen zerstreute sich die Familie, Eric ging mit einer seiner Schwestern nach Douala. Nun versucht er sich hier irgendwie durchzuschlagen. Das ist für einen Englischsprachigen schwierig, weil in Douala vorwiegend französisch gesprochen wird. Trotzdem hat es Eric geschafft, einen Job zu bekommen. Der Masse an Arbeitswilligen stehen hier eigentlich nur drei gleichermaßen triste Berufswege offen: Bauchladenhändler, Fahrer eines Moped-Taxis oder Wachmann. Andere Arbeitsplätze gibt es fast gar nicht, und wer eine der raren und heiß begehrten Stellen als einfacher Arbeiter in Doualas Freihafen ergattert, gehört damit schon zu den gehobenen Schichten.

Eric hat also eine Durchschnittsstelle bei einer der unzähligen Security-Firmen bekommen, auf der untersten Hierarchieebene. Er verdient umgerechnet etwa 50 Euro im Monat. Davon muss er über zehn Euro Miete für einen sechs Quadratmeter großen Wellblech-Pappe-Verschlag im Slum bezahlen, die wiederum dem kranken Greis, dem neben anderen auch dieser Verschlag gehört, ein karges Überleben sichern. Der Verschlag ist fensterlos und besitzt statt einer Tür nur eine mit Stoff verhängte Öffnung. Das ist kein Problem, denn bei Eric gibt es ohnehin nichts zu holen. Auf dem Lehmboden liegt ein Schaumstoffquader als Matratze, eine nackte Glühbirne hängt von der Pappkartondecke, ansonsten gibt es keine Einrichtungsgegenstände. Sanitäranlagen oder Trinkwasser gibt es genauso wenig, die hygienischen Verhältnisse sind haarsträubend. Die Kindersterblichkeit ist hoch, nur wenige der hier lebenden Menschen werden älter als 50 oder 60. Wenn Erics Onkel hin und wieder mal etwas Geld schickt, kann er sich Second-Hand-Klamotten kaufen, die aus europäischen Altkleidersammlungen stammen und hier, anstatt wie vorgesehen als kostenlose Hilfe verteilt zu werden, von mafiösen Händlernetzwerken nochmals gewinnbringend an die Armen verhökert werden.

So bleibt Eric kaum mehr als ein Euro am Tag zum Leben, und das reicht gerade so für ein oder zwei bescheidene Mahlzeiten pro Tag. Getrunken wird ohnehin nur Leitungswasser, das aber oft keine Trinkwasserqualität hat. Dabei geht es Eric noch vergleichsweise gut, denn er muss von seinem Geld nur sich selbst versorgen – viele wie er müssen davon auch noch irgendwie Frau und Kinder durchbringen; das ist im Rahmen der Legalität kaum möglich. Als ich ihn frage, ob er eine Nachricht für die Menschen in Europa hat, sagt er nur: „Do you see how we suffer here?“

Marie-Louise ist vielleicht 20 Jahre alt, attraktiv und auffällig gekleidet. Sie sitzt in einer der teuersten Bars der Stadt und schlürft an einem Drink. Es geht ihr materiell nicht schlecht. Wie so viele junge Frauen in Douala finanziert sie ihren Lebensstil, indem sie sich einen „Sugar Daddy“ sucht, einen reichen Geschäftsmann aus der Oberschicht Kameruns. Oder einen Touristen, von dem sie sich eine Zeit lang ihr Leben finanzieren lässt – und so lange der Mann das Geld liefert, bleibt sie mit ihm zusammen. Eigentlich hätte sie das gar nicht unbedingt nötig, denn ihren Eltern geht es besser als den meisten Menschen hier. Sie gehören nämlich zu den wenigen, die sich für umgerechnet 12000 Euro ein kleines gemauertes Häuschen mit Stromanschluss und fließendem Wasser bauen konnten, sogar in einem Oberschicht-Viertel, wo sonst Luxusvillen dominieren, die alle von mindestens drei Meter hohen Betonmauern mit Stacheldraht und schweren Eisengittern geschützt sind – wie überhaupt alles irgendwie wertvolle Eigentum hier geschützt werden muss: Kein kleines Ladengeschäft, das ohne eine Wachmannschaft auskäme, kein Hotel, das nicht eine Sicherheitsschleuse im Eingangsbereich hat.

Paul, ein alter Freund von Marie-Louise, der wie sie aus einem kleinen Ort im Südwesten des Landes nach Douala zugewandert ist, leitet die Wachmannschaft eines Hotels. Gegen Provision schanzt er ihr Reisende mit locker sitzendem Geldbeutel zu, die während ihres Aufenthalts nicht allein bleiben, aber auch keine Prostituierte (von denen es natürlich unzählige gibt) anheuern wollen. Obwohl der Tarif – auf der Straße sind junge, attraktive Frauen ab umgerechnet 20 Euro für eine ganze Nacht zu haben, von älteren und unattraktiven Männern werden allerdings weit höhere Preise verlangt – nach europäischen Maßstäben lächerlich sind. Dieses Preisniveau muss man jedoch vor dem Hintergrund des dortigen Lohnniveaus sehen. Dann wird klar, dass eine Prostituierte in einer Nacht leicht das Monatsgehalt eines normalen Arbeiters verdienen kann. Das „Sugar Daddy“-Phänomen ist in Douala keineswegs nur männlich: Es sind auch viele weiße Frauen zu sehen, die sich ihre Zeit in Afrika in Gesellschaft junger einheimischer Männer vertreiben, die dadurch in den Genuss eines für afrikanische Verhältnisse unerhört luxuriösen Lebensstils kommen.

Obwohl sie sich vieles leisten kann, wovon normale Einwohner Doualas nur träumen können, macht Marie-Louise einen traurigen, fast depressiven Eindruck. Sie hofft immer wieder, unter ihren Sugar Daddys den Mann fürs Leben zu finden, der sie heiratet oder wenigstens nach Europa mitnimmt – doch die Männer verschwinden fast immer spurlos aus ihrem Leben, wenn es auch hin und wieder einen gibt, der wenigstens noch eine Weile E-Mails schreibt. Jineteras wie Marie-Louise und auch die zahllosen Gelegenheitsprostituierten, meist sitzen gelassene junge Mütter, die nicht unter dem Schutz eines Zuhälters stehen, leben äußerst gefährlich: Bei vielen frustrierten einheimischen jungen Männern gelten sie, die sich regelmäßig berechnend mit Fremden einlassen, als sexuelles Freiwild – und Vergewaltigung wird in diesen Fällen als eine Art Kavaliersdelikt betrachtet.

Der Mann, der sich mir als Mario vorstellt – wie auch immer sein wirklicher Name lauten mag – ist einer der Bosse in der Unterwelt von Douala. Er besitzt mehrere Pässe. Er pendelt zwischen seinen diversen Wohnsitzen in Europa und Afrika. Frauen hat er viele, das bringen die Geschäfte mit sich, mit einer kaum 20-jährigen einheimischen Schönheit hat er eine zweijährige Tochter. Angefangen hat der Mittfünfziger vor über 20 Jahren mit dem Verschieben von Autos aus Europa nach Afrika – ein Geschäft, das inzwischen von libanesischen Clans dominiert wird. Heute verdient er sein Geld hauptsächlich mit Prostitution, auch Kinderprostitution, Menschenhandel und Blutdiamanten, für die Douala offenbar eine beliebte Zwischenhandelsstation geworden ist. Er hat jedenfalls die nötigen Verbindungen auf dem Balkan, um die Steine am internationalen Monopol vorbei nach Europa zu bringen.

Viele hohe Beamte und Politiker stehen auf seiner Gehaltsliste, auf dem Immobilienmarkt von Douala geht kaum etwas ohne ihn. Wenn ihm ein Behördenleiter gute Dienste leistet, belohnt er das auch mal mit einer neuen M-Klasse als Dankeschön – und die Behörden helfen ihm bei seinen Geschäften. In den Hauptverkehrsstraßen von Douala leben ganze Heerscharen von Straßenkindern davon, diese Luxuskarossen zu waschen, womit sich etwa ein Euro am Tag verdienen lässt, was ihnen das nackte Überleben hart am absoluten Existenzminimum sichert.

Obwohl der Cash-Flow in der kamerunischen Staatskasse gar nicht klein ist, kommt so gut wie nichts davon dort an, wo es benötigt wird. Die Gelder versickern im bodenlosen Korruptions- und Nepotismussumpf des nur mit einem demokratischen Firnis dekorierten, im Kern autoritär geprägten Obrigkeitsstaats. Die Eliten mästen sich bis ins Unvorstellbare, eine kleine aber unersättliche Oberschicht saugt die Geldströme auf, während die normalen Menschen in bestürzenden Verhältnissen um ihr tägliches Überleben kämpfen. Das Überraschende: Trotz dieser Verhältnisse ist von Volkszorn, Aufruhr oder Revolutionsstimmung keine Spur. Die Massen leiden still und demütig, Bürgersinn oder Zivilgesellschaft sind, so wie auch Umweltbewusstsein, absolute Fremdworte.

Auch politisches Bewusstsein existiert kaum, obwohl es keine eigentliche Zensur und eine durchaus kritische – wenn auch nach unseren Maßstäben amateurhafte und geradezu primitive – Medienlandschaft gibt. Die größten Zeitungen des Landes sehen in Umfang und Layout aus wie das Mitteilungsblatt eines durchschnittlichen deutschen Kleintierzuchtvereins. Die Medien erreichen allerdings nur wenige, die Mehrheit ist ungebildet und uninteressiert, fast apathisch.

Ein Lösungsansatz für diese himmelschreienden Nöte und Probleme unterhalb der utopischen Dimension „alle Bewohner evakuieren, die gesamte Stadt einebnen und an einem anderen Ort von Grund auf neu aufbauen“ ist von vornherein zum Scheitern verurteilt – die Missstände sind zu groß, als dass man sie auf andere Weise noch irgendwie in den Griff bekommen könnte. Angenommen, Bill Gates würde eine Milliarde US-Dollar springen lassen, um diesen Rettungsplan für Douala umzusetzen: Auch diese neue Stadt würde nach einigen Jahren wieder genau so aussehen wie Douala heute, wenn man nicht gleichzeitig auch die Gesellschaft – und das heißt die Mentalität der Menschen, die Machtverhältnisse, die Staatsverfassung – von Grund auf ändern würde. Und spätestens hier ist man natürlich endgültig im Reich der völlig unrealistischen Wunschträume angelangt. Gibt es also noch Hoffnung für die Slums Afrikas? Nach menschlichem Ermessen: Nein.

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22 Antworten

Kommentare

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    Auf StudiVZ wurde mir gerade per Werbeanzeige diese Seite vorgeschlagen: http://www.mysugardaddy.de/

    Wie ... mir fehlen die Worte.

    09.07.2010, 22:19 von eyesclosed
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    taekwon,

    bist du hier der selbsternannte missionar der modernen zeit, so ein durchgeknallter zeuge jehovas oder was ziehst du hier ab??!

    gruß und bitte antworte hier nicht mit einer gegenfrage und nein, ich bin nicht gottlos, lol....

    20.05.2009, 13:57 von invi27
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    Da wird einem dann mal wieder klar, wie pupsig die eigenen Alltagsproblemchen sind, und in welchem Luxus man in Deutschland und Europa lebt. Reisen und im Ausland leben bildet und ist sehr empfehlenswert, um mal wieder eine neue Perspektive auf das eigene Leben zu bekommen.

    14.08.2008, 23:53 von Bundesbeer
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    Spannend! Gern mehr!

    14.08.2008, 23:50 von Bundesbeer
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    Sehr gelungener Artikel!

    Ich bin vor kurzen von einem einjährigen Aufenthalt in Südafrika heimgekehrt. Was ich dort manchmal gesehen habe, hat mich schockiert und bestürtzt und ich bin mir sicher, dass die Sitution in den meisten afrikanischen Ländern noch viel schlechter ist.
    Was mich immer am meisten bewegt hat, waren die riesigen Unterschiede zwischen arm und reich. Die riesigen Villen hinter Mauern und Stacheldraht und daneben die winzigen Wellblechhütten in denen große Familien leben.
    Ich habe mich immer so hilflos gefühlt, hätte so gerne irgendwie geholfen und wusste doch nicht wie. Gut, Geld hätte ich geben können, aber das bringt meiner Meinung nach rein gar nichts (oder nur sehr wenig). Die Menschen dort müssen vor allem die Möglichkeit bekommen, zu lernen, wie sie sich selbst helfen müssen und sie haben noch einen langen Weg vor sich...
    Aber es gab einige Menschen, dir mir Hoffnung für die Zukunft gegeben haben.

    14.09.2007, 22:19 von Nordlicht-Franzi
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    Hi,
    Ich glaube, dass ein ganz großes Problem hier in Europa liegt. Nach hunderten von Jahren der Kolonialherrschaft haben wir verlernt, die Länder Afrikas angemessen zu betrachten. Mindestens unbewusst haben wir alle ungalublich viele Vorurteile und maßen uns an, über Dinge zu sprechen, von denen wir nur sehr wenig wissen.
    Wie schon einige andere Kommentare glaube ich, dass Lösungen aus Afrika selbst kommen müssen. Und es gibt einen Aufbruch in Afrika. Es gibt zahlreiche WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen, die im Sinne einer "Afrikanischen Renaissance" arbeiten und lehren und ein neues Selbstbewusstsein herstellen.
    Gerade in Douala lebt einer von ihnen, Prince Kum'a Ndumbe III.
    Natürlich ist diese Bewegung ein langfristiger Prozess, der nichts an den unmittelbaren Lebensbedinungen der Menschen, von denen du schreibst, ändern kann. Doch ich möchte deine Schlussfolgerung nicht so stehen lassen.
    Daher glaube ich, liegt die Aufgabe von uns Weißen EuropäerInnen darin, afrikanischen Stimmen Raum und Gehör zu verschaffen und unsere eigene Position in der Welt und gerade der Beziehung zu Afrika selbstkritisch zu hinterfragen.

    Viele Grüße

    PS: @Leay: Afrika ist kein Land!

    17.02.2007, 21:20 von polly.peachum
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    danke, dass es menschen wie dich gibt, die uns hier, im westen, die eingebildete, total-über-dem-durchschnitt-gutgehende- masse mit solchem stoff versorgst °°°
    und ich hoffe afrika schafft es nachoben, ganz an die spitze....
    wir haben auch schlieslich alles zerstört. wie wäre afrika hetue ohne kolonialzeit?
    vielleicht das bewundernste land der welt, wenn es das ncith schon ist.

    mfg leay

    17.02.2007, 18:10 von Leay
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      @Leay Ohne die Kolonialzeit wär in Afrika schon viel früher die Hölle losgebrochen.

      22.02.2007, 12:15 von groovejunkee
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      @groovejunkee bitte begründe mir deine aussage?
      ich kann dir nicht folgen..
      mfg

      10.03.2007, 20:50 von Leay
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    @ Taekwon hier sind paar ernste Zeilen an dich. Es ist ja schön, dass es ein Nomen für die Zweibeiner namens Menschen gibt.
    Diese Wesen haben alle das gleiche Hirn, fünf Finger und ein paar Füße.
    Sie können die gleichen mathematischen Gleichungen lösen und vorallem eigene Moralvorstellungen entwickeln.

    War Kamerun nicht eine deutsche Kolonie? War man nicht der Meinung als wir noch einen Kaiser hatten, dass die Welt am deutschen Wesen genesen soll? Ist die Kolonialzeit nicht einer der wichtigsten Gründe für die Armut?
    Vielleicht findet mit der Hailsarmee keine Ausbeutung statt.
    Doch die Aussage, dass die Menschen in diesem Land christliche Moralvorstellungen brauchen, finde ich einfach nur arrogant!
    Geanu so arrogant wie Bush den Irak befreit hat.

    Ach übrigens ich muss nicht unbedingt dem Rest der Leser mitteilen, was für gute taten ich schon vollbracht habe.
    Und vor dir muss ich mich auch nicht rechtfertigen.

    17.02.2007, 17:18 von CupOfCoffee
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