Riif-Sa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 22 21

Wie wir mal Besuch bekamen

Warum das Empfangen von Besuch in einer WG durchaus sehr lustig sein kann.

Eines Mittags stand ich in der Küche und hatte meine Hände zwecks einer lange überfälligen Reinigung des Geschirrs in das schmutzige Spülwasser eingetaucht. Detlev kam mit hypnotisiertem Blick in die Küche geschleift, erstarrte jedoch sofort, als er sah, was ich da tat.
„Was tust du da?“ fragte er.
Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Abwaschen.“
„Warum?“ fragte er entgeistert.
Er hatte mich durchschaut. Wenn ich in diesem Moment behauptet hätte, ich würde das tun, weil es getan werden müsste, wäre das ungefähr genau so glaubhaft gewesen, als wenn ein Politiker verspricht, sich um die Probleme der Bürger zu kümmern. Der Abwasch und die Probleme der Bürger nehmen hier eine gleichwertige Position ein: Man weiß, dass es da ist, aber man hat weder Lust noch Zeit, sich darum zu kümmern.
Es nützte nichts, ich musste mit der Wahrheit heraus rücken.
„Na ja, ich will nur, dass die Küche ein bisschen ordentlich aussieht, wenn mein Besuch da ist.“
Detlev war augenblicklich hellwach. „Besuch?“
„Ja, Besuch.“
Für einen Moment hielt er inne und bewegte sich kein Stück vom Fleck. Sein Körper war wie eingefroren, als würde seine Zeit stehen bleiben. Das hätte direkt cool ausgesehen, hätte er schwarze, verstaubte Klamotten und einen schweren, langen Ledermantel angehabt anstatt hellgrauen Shorts und einem Unterhemd mit eingetrockneten Bierflecken.
Oberflächlich war es mucksmäuschenstill, aber über die Distanz von zwei Metern konnte ich sein Hirn arbeiten hören. ‚Beh – Such.’ Es schien, als würde er seinen kompletten Datensatz nach diesem Begriff durchsuchen, eine Suche, die nicht ganz unberechtigt war. Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal Besuch bekommen hatte, wenn man mal von GEZ – Mann, der Postbotin und den Zeugen Jehovas absah. Da kam in mir das Bedürfnis auf, Detlev zu bedauern. Das passiert nur etwa zwei Mal im Jahr, trotzdem beließ ich es bei dem Bedürfnis, denn ich wollte ihn nicht beim Nachdenken stören.
Während er arbeitete, versuchte ich, ein paar angebrannte Nudeln aus meinem Lieblingstopf zu entfernen. Sie waren sehr hartnäckig. Es waren einmal Fertignudeln gewesen, das konnte ich erkennen, ungefähr sieben Millimeter breit, einen Millimeter dick, leicht gebogen und mit einer für Nudeln untypischen Blässe. Ich war mir sicher, dass es die waren, die in der Tüte immer mit Käsesauce zu finden sind (so etwas baut mich immer unheimlich auf. Gil Grissom kennt sich mit Insekten aus, Horatio Caine mit Bomben und ich eben mit Fertignudeln. Wenn ich damit nicht mindestens einen Fall beim CSI lösen könnte, dann weiß ich auch nicht). Sie sind furchtbar und sie sind frech. Nachdem ich mir einen Wolf geschrubbt hatte, schien es, als würden sie mich angrinsen und mir zurufen: „Du wirst uns nicht aufessen! Du nicht!“ Nun kann man sich ja denken, dass Nudeln von Natur aus doof sind, deswegen stellte ich mir vor, wie ich ihnen schelmisch vorgaukelte, dass ihnen nichts passieren würde. Sie müssten das nur verstehen, der Topf würde ja schließlich noch gebraucht. Doch dann, nachdem sie freiwillig ihren angestammten Platz verlassen hätten, würde ich sie einfach packen und mit hämischem Lachen in den Mülleimer werfen.
Dann fiel mir aber auf, dass das ja äußerst grausam wäre und überhaupt würde es sehr dämlich aussehen, wenn ich mit den angebrannten Nudeln im Topf unterhalten hätte.
„Wie, Besuch?“
Ich zuckte zusammen. Detlev stand noch immer in der Tür. Es sah wohl ganz so aus, als sei er zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis gekommen. Irgendwie hatte ich das auch nicht erwartet.
„Eine Frau kommt uns besuchen.“ Sagte ich hinzufügend, um ihn wieder für ein paar Augenblicke zu beschäftigen.
Es klappte. Sofort begann es neben mir wieder zu Rattern. ‚Frau…’
Die Wahrscheinlichkeit, dass er dieses Mal zu einem Ergebnis kommen würde, schätzte ich ebenfalls nicht viel höher. Doch dann fiel mir auf, dass er nicht ganz so starr blieb wie eben. Sein Gesichtsausdruck verriet mir ganz deutlich, dass er mindestens einen Querverweis zu diesem Begriff in seinem Hirn abgespeichert hatte. ‚Brüs – Teh.’
Es schien, als hätte er sogar ein Bild dazu abgespeichert. Ein sehr altes, wie ich vermutete, doch anscheinend gefiel es ihm.
Einen kleinen Anreiz gab ich ihm noch: „Naja, sie ist zwar nur 1,60 groß, aber ihr Körper kann Meisterleistungen vollbringen. Sie hat blondes Haar und umwerfend schöne Augen.“
Jetzt ging das Gerattere und Gerumpel in seinem Hirn erst wirklich los. So wie in unserer Küche in diesem Moment, so muss es in Inneren des Big Ben klingen. Nun ja, ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie es da klingt, aber ich hatte als Kind mal Basel, den großen Mäusedetektiv gesehen, da lieferten sich Basel und Professor Rattenzahn am Ende einen erbitterten Kampf im Inneren des Big Ben und so wie in dieser Szene, so muss es in diesem Moment in Detlevs Kopf ausgesehen haben.
Es passierte erstmal nichts. Ich wollte mich grade wieder den Nudeln widmen, da produzierten Detlevs Ausgabegeräte schon die ersten Ergebnisse seiner Kombinationsfähigkeit.
„Mhh…“ sagte er. „Eigenlich könnte ich ja das Bad mal sauber machen, das ist ja auch schon lange nicht mehr gemacht wurden.“
Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass wir das Bad schon irgendwann einmal sauber gemacht hätten.
Ich nickte. „Okay.“
Er zog ab und für ein paar Minuten war es wieder still. Ich befürchtete schon, er hätte das einfach nur so dahin gesagt, aber ich habe Detlev als einen Menschen kennen gelernt, der nichts einfach so dahin sagt. Höchstens vor sich hin, aber ich glaube, er würde das selbst als „lautes Nachdenken“ bezeichnen. Jedenfalls hielt die Ruhe nicht lange an.
Mit einem Mal drang ein lautes und unerträgliches Brüllen durch die Wohnung. Detlev machte Ernst, er machte sich daran, das Badezimmer zu reinigen und er begann mit dem Staubsaugen. Seitdem ich hier wohnte, hatte ich mich gefragt, warum dieser gelbe Mülleimer mit dem Schlauch da im Vorraum des Bades steht. In diesem Moment wusste ich: Das ist kein Mülleimer, das ist ein Staubsauger. Ein Kärcher aus dem Jahre 1995. Wahnsinn. Ich widmete mich wieder dem Abwasch.
Böse Nudeln. Ganz böse Nudeln. Am Topf festkleben, damit dem Koch auch nichts nützen, weil man sie nicht essen kann und dann auch noch beim Schrubben kleben bleiben wollen. Das haben wir gerne. Ganz spontan verlor ich die Lust am Abwaschen, ließ alles im Wasser liegen und trat in den Flur hinaus. Im selben Moment ging die Tür gegenüber auf und Yves trat hervor.
„Was ist denn das für ein Krach?“ konnte ich ihn durch den Herbststurm rufen hören, den der 95’er Kärcher verursachte. Detlev betätigte den überdimensionalen Schalter, der oben auf dem Ding angebracht war und brachte es damit zum Schweigen.
„Ich dachte, ich mach mal sauber.“ Sagte er.
„Aha.“ Sagte Yves völlig begeisterungslos.
„Ja, wir kriegen nämlich Besuch.“ Fügte Detlev freudig hinzu.
„Aha, Besuch also.“ Antwortete Yves mit spürbar wachsendem Interesse.
„Genau,“ nichte Detlev mit einem enthusiastischem Grinsen, „von einer Frau.“
„Soso, ein Frau.“ Gab Yves seinen berechtigten Bedenken Ausdruck.
„Ja, eine Frau.“ Sagte Detlev und machte eine bedeutungsschwangere Geste.
Yves blickte mich an. „Du wäschst grade ab?“ fragte er.
Ich sah über meine Schulter in die Küche zurück. Leise, ganz leise konnte ich die Nudeln kichern hören. „Uns nicht!“ Ohne Zögern lächelte ich verlegen und nickte.
„Ich wollte grade anfangen und auch die Küche generell, die sieht ja nun wirklich nicht mehr…“
„Ich mach das.“ Fiel er mir ins Wort. Dann schob er sich an mir vorbei, nahm den Schwamm und fing sofort begeistert an, gegen die Nudeln zu kämpfen. Nun schaltete auch Detlev sein Saugmonster wieder ein und machte sich an die Arbeit. Da stand ich nun und wusste nicht, was ich von den letzten Minuten halten sollte, doch ich wollte nicht darüber nachdenken. Warum auch? Seit ich die Bourne Identität gesehen habe weiß ich, wenn dir jemand einen Haufen Kohle gibt, damit du ihn nach Paris fährst, dann frag nicht wieso, sondern tu es einfach!
Philipp steckte seinen Kopf in den Flur und schaute ein wenig verdutzt. Ich ging auf ihn zu und betrat sein Zimmer. Ich erklärte ihm alles in Ruhe, wir tranken Cappuccino und aßen Haribo forever fun (ohne Fett, aber dafür mit 11 Vitaminen, Calcium und Magnesium).

Als ich meine Mutter zwei Tage später wieder zurück zum Bahnhof fuhr, wunderte sie sich, wie sauber meine WG doch sei.
„Alles Teamarbeit.“ Sagte ich.

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    Sonntag mittag in meiner WG, eine durchaus seeehr nette Freundin von mir kommt zu Besuch und wir wollen Kekse backen, mein Freund hilft mir beim Kueche aufraeumen, ein weiterer Mitbewohner der sie irgendwie zu moegen scheint ist voll dabei und wir machen 2 Stunden lang sauber! Warum denn nicht gleich so? Ich sollte oefters nette Freundinnen von mir einladen. :D

    finde den Text wirklich wunderbar, das beschriebene denken des einen Mitbewohners und die Fertignudel-Gedanken waren wirklich der Hammer. D

    16.02.2011, 02:36 von -Shushu-
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    Danke! Einfach nur lustig.

    27.10.2009, 15:24 von Ozelotte
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    Ich kann nicht mehr :D :D

    Gesichtsausdruck verriet mir ganz deutlich, dass er mindestens einen Querverweis zu diesem Begriff in seinem Hirn abgespeichert hatte. ‚Brüs – Teh.’ :D

    30.09.2009, 22:12 von Crazyblu
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    Herrlich! Super!!!

    28.02.2009, 21:05 von California-Sun
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    tränen gelacht. und soo hintertücks die armen kerls eingespannt, wenn's so ne mitbewohner irgendwo gibt, komm ich mal zu besuch.

    25.09.2008, 19:44 von sophietrauer
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    "brüs-teh" haha

    09.02.2008, 15:03 von snopstar
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    Die Hariboklammer am ende hätte ich weggelassen, abgesehen davon ist der text aber einfach genial. sehr schöne gedankengänge und wunderbare details!

    15.12.2007, 17:36 von pinkfish
    • 0

      @pinkfish Neeiiin! Die sind doch das Wichtigste am ganzen Text!

      19.12.2007, 16:49 von Riif-Sa
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