Siegel-7 21.02.2012, 14:10 Uhr 1 2

Wie jeden Tag

Eine ganze Woche

Heute. Ich bin daran festgeschlafen. Neuerdings stehen sie überall in der Stadt herum. Wahrscheinlich, weil sie erfunden haben, dass die wirklich guten Ideen nur geträumt werden. Dazu malen sie ganz kleine Leitern an jede Treppenstufe und werden verboten dafür. Erst, als ich sie sehen wollte, habe ich sie vergessen. Und ich wusste nicht mehr, auf welcher Seite ich stehe.

Heute. Die Nachbarn sagen, dass etwas im Wasser ist. Man soll es nicht mehr trinken. In der Zeitung steht nichts. Nur noch die Überschrift und darunter sind die Blätter leer. Es sei zuviel gelesen und so geht es los. Jetzt kostet der Wind auch Geld, haben sie gesagt. Weil es Arbeit ist, ihn zu machen. Und es muss sich doch lohnen. Alle freuen sich auf den Winter. Es gibt diese Anzüge dafür, die sich nach Schnee anfühlen.

Heute. ‚Verstören’ ist das Wort für gute Zeit. Dafür gibt es jetzt große Plätze, wo alle hingehen. Schwarz und Weiß soll man nicht mehr sagen. Aber eine Strafe ist es noch nicht. Alle sollen gleich sein. Den ganzen Tag. Eine Frau sagt auf der Straße, dass sie einen sprechenden Raben hat. Wo sie ihn her hat, habe ich gefragt. Sie konnte es nicht sagen. Ich glaube, sie ist verrückt. Raben können doch nicht sprechen.

Heute. Ein kleines Auto fährt jetzt durch die Stadt. Aus dem Dach ist ein großer Trichter. Gesagt hat er noch nichts, aber das wird wohl bald losgehen. ‚Du bist ein Beispiel’ steht an der Haustüre, als ich nach Hause komme. Die Treppen sind weg. Es stehen Leitern im Flur. Ganz nach oben kommt man nicht mehr. Es sei eine Fabrik im Haus, sagt die Nachbarin. Aber wir dürfen bleiben.

Heute. Heute bin ich in den Wald gegangen. Die Bäume sind weg. Das Holz brauchen sie für die vielen Leitern. Aus den Treppen bauen sie Häuser ohne Wände. Das sei Kunst. Wir sollen uns freuen, dass es uns gut geht. Ich freue mich nicht, weil ich vergessen habe, wie das geht. Die Geräusche im Himmel werden lauter. Da oben ist nichts.

Heute. Es wird nur noch einmal am Tag das Licht abgeschaltet. Die Nacht kostet zuviel, sagt der Mann, der es allen erklärt. Deswegen nehmen sie jetzt auch die Dächer von den Häusern. Damit das Licht bis nach unten kommt. Wer schlafen will, soll zu den Stellen gehen. Ich bin nicht müde. Einige fangen an, sich die Augen zuzubinden. In Zukunft wird es das nicht mehr geben.

Es ist Sonntag. Morgen habe ich frei. Auf der Straße habe ich kleine Tiere gesehen und bin ihnen nachgegangen. Auf dem Platz an der Kirche war ein Loch im Boden. Es war mit Glas zugedeckt. Sie fangen an, die Welt zu drehen. Hier kann man zusehen. Ein kleines Mädchen stand in der Mitte der Glasplatte und hatte einen Ball in den Händen. ‚Spielst du mit mir?’, hat sie gefragt und mir einen weißen Zettel gegeben. Ein kleiner schwarzer Kreis war darauf. ‚Für alle’ stand darunter’.

Es ist mein Urteil.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Sehr ideenreich. Ich würde so nicht leben wollen. Muss ich aber hoffentlich auch nie.

    22.02.2012, 12:16 von nyx_nyx
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