Wie funktioniert eine Uni ohne Numerus Clausus? Belgien gibt Beispiel
In Belgien kann jeder, der seine Schulzeit an einer weiterführenden Schule mit einem Abschluss beendet hat, an der Uni sein Wunschfach studieren.
"Wie es kommt, dass ich als Deutsche in Antwerpen wohne und studiere?" fragt Julia, zieht ihre Augenbrauen hoch, lächelt und antwortet gleich: "Na, aus dem gleichen Grund wie alle anderen deutschen und niederländischen Studenten hier in Belgien: weil mein Numerus Clausus bei 2,6 lag, also viel zu niedrig war, um in Deutschland Tiermedizin zu studieren... Seit ich sieben bin, träume ich davon, Tierärztin zu werden." Spricht Julias schlechte Note in Englisch auf dem Abiturzeugnis gegen die Verwirklichung dieses Traumes? Nein - mit einer Kuh würde sie ganz bestimmt anders als mit Hilfe der englischen Sprache kommunizieren. Dass Julia Niederländisch lernen musste, um in Flandern studieren zu können, war "dann halt so - ich wollte das, und habe das dann durchgezogen".
An der Universität Antwerpen waren im vergangenen akademischen Jahr zehn deutsche Studenten und Studentinnen eingeschrieben. Die Studiengänge Tiermedizin und Medizin sind an den Unis in Belgien dafür bekannt, dass viele ausländische Jugendliche die Möglichkeit nutzen, ein Fach zu studieren, das in ihrem Heimatland nicht für jeden zugänglich ist: etwa ein Viertel von den knapp tausend Tiermedizinstudenten an den belgischen Universitäten hat eine andere als die belgische Nationalität, die meisten Ausländer sind Niederländer.
Für einige wenige Fächer wie Medizin und Zahnmedizin müssen potenzielle Studenten allerdings an einer Eingangsprüfung bestehen, um sich einschreiben zu können.
Da es auch für die übrigen Fächer nicht unendlich viele Studienplätze gibt, muss es doch auch dort irgendeine Form der Auswahl geben. Oder etwa nicht?
Das sehr verschulte Studium an einer belgischen Universität ist kein Zuckerschlecken: Es wird erwartet, dass Studenten für ihren Abschluss fünf Tage der Woche mit ihrem Studium beschäftigt sind, von halb neun morgens bis halb sechs abends. Jedes Semester des Studienjahres wird mit Prüfungen abgeschlossen, das bedeutet: innerhalb von drei Wochen werden im Durchschnitt sechs Fächer geprüft - wer den Stoff nicht begriffen und nicht gelernt hat, fällt durch. Wer für mehrere Fächer durchgefallen ist, bleibt sitzen - das Studium verlängert sich also um ein Jahr. Und wer mehr als einmal nicht den Versetzungskriterien genügt, darf sich nicht mehr für sein Fach immatrikulieren.
Im Grundstudium findet man im Studienplan außerdem Fächer, die die Funktion von Stolpersteinen haben: Studenten der Chemie werden beispielsweise in den ersten zwei Semestern eingeführt in die höhere Mathematik - es wird ein Fach unterrichtet, in dem es vor allem um die Mathematik an sich geht. Mathematische Lösungswege von chemischen Problemstellungen spielen eher eine untergeordnete Rolle.
"Just-for-fun"-Studenten werden in diesem System also spätestens nach dem vierten Semester ausgesiebt. Studenten, die sich den Prüfungs-Strapazen im Januar und Juni, der jeweils letzte Monat des Semesters, aussetzen wollen und für ihrem Traumberuf die Zähne zusammen beißen möchten, werden in diesem System meist an ihr (Berufs-)Ziel kommen. Die belgischen Universitäten haben in In-und Ausland einen dementsprechenden Ruf: Von der Industrie werden die Absolventen sehr hoch eingeschätzt, während angehende Studenten ein akademisches Studium abschreckt. Aus diesem Grund sinkt jedes Jahr die Zahl der Immatrikulationen an Universitäten - und den Unis geht's an die Substanz: weniger Studenten bedeuten für die Fakultäten weniger Geld vom Staat. Seit 1992 hat beispielsweise die Zahl der Erstsemestler des Faches Chemie um etwa ein Viertel abgenommen. Immer mehr Abiturienten entscheiden sich gegen einen akademischen Studiengang und für ein stärker praxis-orientierte Studium an einer der zahlreichen Fachhochschulen in Belgien.
Es ist wohl das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Nachfrage der Industrie nach Universitäts-Absolventen und der tatsächlichen Anzahl der jährlichen Absolventen aus dem Gleichgewicht geraten. Inzwischen werben Universitäten mit Flyern auf der Straße und Werbespots in Radio und Fernsehen für ihre Ausbildungen mit besten Aussichten für die Zukunft und mit Lockrufen wie „Wissenschaft ist fun“.
Dieses System, in dem ein akademisches Studienfach für fast Jedermann zugänglich ist, gleicht auf keiner Weise dem deutschen System: hierzulande bleiben vielen Abiturienten der Weg zu ihrem Wunschfach versperrt, auch wenn sie sehr geeignet wären für jenes Fach und bereit sind, viel Energie in ihr Studium zu investieren. Schade.
Anmerkung der Autorin: Ich studiere seit Sommer 2002 an der Universität Antwerpen das Fach Chemie und werde voraussichtlich mein Studium im Sommer 2006 beenden.
Tags: Auslandsstudium






Kommentare
Als Franzose muss ich doch fragen: Ist das Leben in Belgien nicht doch furchtbar laaaaangsaaaam?
10.04.2005, 21:05 von napoleon_bonaparte(Sorry für den Belgierwitz, aber der musste einfach sein)
N.B.
sehr informativ.
03.04.2005, 21:27 von asklepiosin der schweiz haben wir - mit wenigen ausnahmefächern - eigentlich ein ganz ähnliches system. insbesondere in den technischen berufen/ingenieur-ausbildungen usw.
ein sehr informativr text. danke dafür. was muss man für eine solche ausbildung zahlen?
09.02.2005, 21:01 von LaPetiteFinlandaise@LaPetiteFinlandaise danke!
10.02.2005, 19:49 von maxie_eein ganzes Studienjahr (zwei Semester) kostet fuer Studenten, die kein Recht auf bafoeg haben, etwa 500 euro; Studenten, die kein "ganzes Recht" auf bafoeg haben, zahlen etwa 100 euro und Studenten, die "volles Recht" auf bafoeg haben, zahlen etwa 25 euro.
meiner meinung nach wirklich nicht viel und ziemlich gerecht.
@maxie_e und die bedingung ist aber, dass man flämisch spricht??
11.02.2005, 09:43 von LaPetiteFinlandaiseich könnte mir es durchaus auch vorstellen in belgien zu studieren..was spricvht schon dagegen..ein paar freunde wohnen auch dort. und in welcher stadt studierst du?
tschüßi
@LaPetiteFinlandaise Antwerpen, steht am Ende des Textes :P
11.02.2005, 10:46 von hapewas machen denn die Fachhochschulen, die ganzen Studierwilligen müssten dann doch dahin abwandern oder nicht?
Und habe ich das richtig verstanden, Belgien schafft das also, ohne NC auszukommen, indem das Studium so schwer gemacht wird, dass weniger Leute studieren wollen, als könnten, und dass man sein STudium nicht so lang ausdehnen kann, wie man möchte. Ob das bei uns so machbar wäre, weiß ich aber nicht, denn zum einen würden dann ja viel weniger Menschen studieren, was nicht unbedingt sinnvoll ist, während gleichzeitig mehr Bildung gegen die Arbeitslosigkeit gefordert wrid (wenn dann aber FHs gute Alternativen bieten, ist es vielleicht garn icht so schlecht). Aber dann müsste man auch das Bafög erhöhen und keine Studiengebühren fordern, denn jemand, der täglich 9 STunden in der Uni sitzt, hat wohl kaum Zeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber hat Chemie in Deutschland überhaupt einen NC? Und zumindest in den technischen Fächern wird auch hierzulande sehr stark gesiebt.