SteveStitches 01.11.2014, 00:31 Uhr 16 17

Wehende Haare

Sie floh aus ihrem Land

weit in den Norden, aus Gründen, die sie vergessen will, auf unbekannten Wegen, mit Helfern die sie aus Dankbarkeit verschweigt.

Dieses Land ist ihr Zuflucht und Fremde.

Sie kann sicher sein, dass niemand in der Nacht ihre Türe aufbricht, aber sie kann selbst nicht die Stahltüre dieser Sprache aufbrechen. Eine schwierige, eine harte Sprache, ohne den weichen, vertrauten Klang ihrer Heimat.

Fremd ist die Art, wie die Menschen sich kleiden oder wie sie schroff miteinander umgehen. Oft weiß sie nicht deren Mimik und Gesten zu deuten. Sie nickt an den falschen Stellen, lächelt, versucht im Lächeln ihre Hilflosigkeit zu verbergen.

Fremd waren die Gerüche, der häufige Regen, die Kälte, aber sie hat sich daran gewöhnt und dennoch vermisst sie die flirrende Hitze ihrer Heimat und die Geborgenheit des schattigen Hinterhofs ihrer Eltern.

Sie kommt aus einer Stadt, nun lebt sie in einem Dorf, voller misstrauischer Blicke, harter Gesichter und unnahbarem Schweigen. Im kleinen Krämerladen sind die Waren unerschwinglich. Sie spart das wenige das sie besitzt, aber es wird nicht mehr.

Sie wohnt in einem großen Haus, zusammen mit Menschen, die auch von fernen Ländern, fernen Verwandten, fernen Hoffnungen kommen, fern der Bedrohung. Alle tragen Erinnerungen, wie tote Babys, in sich, des Elends, des Hungers, der Folter, der Verfolgung. Jeder hat Geschichten die er nicht erzählen will, Erfahrungen die nicht zu teilen sind. Jeder Gedanke an die Zurückgebliebenen schmerzt.

Heimat ist verloren, diese Heimat ist noch nicht in ihrem Herzen angekommen. Manchmal flieht sie vor den Bewohnern, vor den stummen Gesichtern, vor den abwesenden Blicken, geht trotz des Regens spazieren, will sich verlaufen, verläuft sich wirklich, weil sie mehr auf ihre Gedanken als auf den Weg achtet und findet mit pochendem Herz und verschreckten Augen zurück, in dieses steinerne Nest.

Die fremden Eiheimischen sind ihr unnahbar, nur wenige die sich nähern, die Hilfe bieten und bringen, Geschirr, Möbel, ihre Sprache. Eines Tages lehnen rostige Räder am Wohnheim. Mehrere Männer nehmen sich der Räder an, erbetteln vom Sozialdienst Flickzeug und Schläuche, Schleifpapier und Lack.

Oft schaut sie den Männern bei der Arbeit zu. Sie kann nicht Rad fahren. Keine Frau in ihrem Land wagt sich breitbeinig auf einen Sattel zu setzen, hier ist es selbstverständlich. Das Fahrrad – eine Verlockung, die diese Welt ihr entgegenbringt. Ein Verlocken auf ein Fortkommen, Vorankommen, auf Erweiterung ihrer Kreise, auf eine neue Art der Flucht, Flucht in eine neue Lebendigkeit, durch Geschwindigkeit, dem Wind im Haar.

Wie wenn sie zu einem heimlichen Geliebten geht, schleicht sie zum Kellerraum mit den Rädern. Stößt dort auf Mayada mit demselben unaussprechlichen Wunsch. Sie treffen sich weit ab vom Heim, auf einem asphaltierten Feldweg und schieben sich gegenseitig an. Mit wunden Ellbogen und aufgeschürften Knien lernen sie, dass das Rad erst ab einer bestimmten Geschwindigkeit nicht kippt.

Wenn die beiden Frauen wieder um Verbände und Pflaster bitten, verdreht die Sozialarbeiterin die Augen, alle drei lachen.

Sie werden immer mutiger, lassen das Dorf weit hinter sich, werden schneller, Felder und Bäume sausen an ihnen vorbei und dann tun sie das unfassbare, sie streifen ihre Kopftücher ab, lösen ihre Haare und diese flattern wie Fahnen der Freiheit im Wind.

 



Alles weiß. Sie liegt in einem weißen, hellen Raum. Alles, besonders ihre Bettwäsche, riecht scharf nach Desinfektion. Neben ihr ein Bett, Schläuche, in und aus einem Menschen, sie selbst trägt Verbände am dröhnenden Kopf und am schmerzenden, rechten Bein. Ist das der Vorraum, der Vorraum zum Himmel? Zur Hölle? Personen in weißer Kleidung betreten den Raum, betrachten sie, sprechen über sie, zwei Männer reden auf sie ein, einer geht, kommt mit einem anderen zurück, der spricht arabisch. Sie versteht ein bisschen: Bein und Kopf kaputt, Heilung, Stätte der Heilung, alles gut, dem Herrn sei Dank. Müde nickt sie, versucht ein Lächeln, als Zeichen ihres Zustandes.

Sie liegt Tage, bleibt Wochen. Betreuer und Bewohner aus dem Wohnheim besuchen sie. Mayada schlüpft nach zögerlichem Klopfen ins Zimmer. Das ist ihr schönster Besuch, sie flüstert Mayada zu: „Bald, bald fahren wir wieder.“











Tags: bei wordpress ist MrsMcH
17

Diesen Text mochten auch

16 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich las mit Tränen in den Augen!

    04.11.2014, 08:06 von BremsBacke
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Danke, das ist lieb.

      04.11.2014, 20:00 von BremsBacke
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Schön, dass du wieder da bist!

    01.11.2014, 14:58 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      aber schon wieder auf´m Sprung

      03.11.2014, 00:42 von SteveStitches
    • 0

      :-/ 

      03.11.2014, 20:28 von TheCaptainsFiancee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gone, Girl.

    01.11.2014, 11:00 von cosmokatze
    • 0

      der läuft gerade im Kino?

      01.11.2014, 11:06 von SteveStitches
    • 0

      Das auch. Ist aber die Antwort auf  "Where is MrsMcH???"

      01.11.2014, 11:07 von cosmokatze
    • 0

      danke

      01.11.2014, 11:09 von SteveStitches
    • 1

      die kommen alle wieder, alles eine frage der zeit und der neuen nicks...

      03.11.2014, 21:48 von yuhi
    • 1

      In diesem Fall leider nicht. Die Mrs hat ihre eigene Website und braucht Fuzzelneon nicht für ihre Geschichten.

      04.11.2014, 14:46 von cosmokatze
    • 0

      das eine schließt das andere nicht aus

      04.11.2014, 16:48 von yuhi
    • 0

      kluge yuhi


      24.11.2014, 23:00 von FrankFrangible
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare