RAZim 28.10.2011, 20:55 Uhr 49 44

Warum ich trinke

Ich schließe das Fenster. Menschen! Wie ich sie hasse.

Während mir ein wenig wärmer wird und sich das bekannte leichte Kribbeln in mir ausbreitet, überschlage ich kurz im Kopf, ob die Vorräte im Eis- und Kühlschrank ausreichen. Die Party, zu der ich eingeladen wurde, werde ich nicht besuchen, so wie ich zu vielen Anlässen in letzter Zeit einfach nicht mehr erscheine.

Meine Hände sind mittlerweile ungewohnt ruhig und ich fühle mich gut. Ich liebe mich selbst für meinen ungewöhnlich guten Musikgeschmack und stelle die Playlist für die Nacht zusammen, während sich die erste Flasche Wodka dem Ende neigt. Zeit für ein paar Bier, nur so zwischendurch – gegen den Durst. Jetzt zu essen würde mich um Stunden zurückwerfen, also lasse ich es bleiben. Ich tauche ab in immer wieder neue Songs, recherchiere Texte nach und mache mir Notizen in meinem kleinen Buch, in dem ich seit Jahren Satzfetzen notiere. Nur so. Nur für mich.

Draußen sind die Straßen voll mit Menschen, die ihre Vorfreude auf den Absturz im nächsten Club lautstark zum Ausdruck bringen. Ich schließe das Fenster. Menschen! Wie ich sie hasse.

Ich würde mich noch nicht als betrunken einstufen, denke ich mir, während nun der eiskalte Jägermeister ins Glas fließt. Wenn ich trinke, bin ich nicht einsam oder traurig. Wenn ich trinke, fühle ich mich, als sei ich besser, stärker, schöner. Zigarette für Zigarette, Song für Song, Schnaps für Schnaps nimmt der Abend seinen Verlauf.

Gegen die einsetzende Müdigkeit koche ich mir einen Espresso, so kann ich länger und mehr trinken. Mein Handy blinkt auf, aber heute will ich keine Gesellschaft. Wenn ich trinke, will ich mich nicht zusammenreißen oder aufpassen müssen. Wenn ich trinke, möchte ich keine Gespräche führen. Wenn ich trinke, kommt es mir vor, als würde ich von mir selbst verreisen. Es ist ein schmaler Grat, nicht in sentimentale Gedanken abzudriften, doch ich habe Erfahrung damit, die Kurve zu kriegen. Das Foto von ihr bleibt also in der Schublade.

Eine langsam beginnende Schwere umgibt mich und schnell schenke ich mir noch ein letztes Glas ein. Während alles um mich herum verschwimmt, kann ich auch ohne Foto ihr Gesicht klar vor mir erkennen. Wenn ich trinke, will ich mich nicht erinnern sondern vergessen. Manchmal gelingt mir das. Wenn ich trinke, soll meine Welt für ein paar Stunden heller sein. Oft wird sie dunkler.

Manchmal, kurz vor dem Wegnicken, fällt er mir wieder ein. Der, der ich bin, bevor ich den ersten Schluck nehme.

Er ist der Grund, weshalb ich trinke.

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49 Antworten

Kommentare

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    sehr schön

    btw. glaube nicht, daß RAZim ein Alki ist.


    04.05.2012, 12:08 von Dr.Brot
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    Wer denkt denn hier alles, der RAZim sei wirklich 'n Alki?

    07.01.2012, 14:37 von Moogle
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    ehrlich...ohne allüren

    03.01.2012, 02:16 von pur_pur
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    oh wie ich deine gedanken kenne. beim ersten lesen dachte ich, du trankst aus sehnsucht zu einem mädchen, trennung. doch dann lass ich, wenn ich trinke will ich mich nicht mehr erinnern, sondern vergessen und dann kam, er ist der grund warum ich trinke. daraus schlussfolgere ich das der akohol eine beziehung zerstörte? auch ich habe sie durchlebt. 15 jahre war er der grund warum ich trank. (natürlich nicht wirklich, aber man redet es sich ja lang genug ein.) ich hoffe nur für dich dass du erkennst warum deine welt so dunkel ist, welches deine sehnsüchte und inneren löcher sind womit du den alkohol als füller benutzt. es ist so schwer das licht zu erkennen hinter all dem nebel und man zieht sich selbst immer mehr hinunter. aber auch aus depressionen kann man herauskommen, man kann sie nicht heilen, die depression, wie auch die sucht nicht. aber man kann mit ihnen arbeiten und vor allem mit ihnen leben. und ob man es glaubt oder nicht, sie können im nachhinein so bereichernd sein! alles gute! arschbacken zusammenkneifen und selbst in den hintern treten!

    18.11.2011, 20:47 von whoismy.ego
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    äußerst!

    18.11.2011, 19:32 von ma_ri
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    Espresso & Alkohol, eine Kombi, die es mir ekeln lässt.


    Der Text kommt mir leider ein bißchen zu ausgedacht vor. Ich stell mir die Beweggründe, die Entschuldigungen, warum an trinkt, und was dabei empfunden wird, wenn etwas empfunden wird, anders vor. Wie gesagt, ist allerdings meine subjektive Meinung, und ich denke, es wird zig Arten Menschen geben, die jeweils anders, und einer bestimmt auch so wie oben beschrieben, reagieren. Aber schön, dass es ein Thema ist, was hier ja eher selten angesprochen wird, in dem Sinne also, weiter so.

    14.11.2011, 16:35 von topfbluemchen
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    cheers !!!

    09.11.2011, 20:46 von Hayashi
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    Der Wahnsinn! Sehr gutes Ende. Betrunken sind die Menschen am ehrlichsten, deshalb kann er sich auch eingestehen, dass er das Problem ist. Super!

    07.11.2011, 23:19 von Sir_Tobi
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    es gefällt mir gar nicht wie sehr mich dieser Text anspricht. Tolle Arbeit

    06.11.2011, 11:38 von JuliaMaja
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  • 1

    Interessant ist diese Kombination aus Vereinsamung und Suchtverhalten.

    Der Punkt, an dem aus dem Rausch als lebensbejaendes Moment das genaue Gegenteil zu werden scheint. Der Rückzug aus einem sozialen Kontext (in einem solchen finden Drogen ja zumindest zu Beginn meistens statt) hin zu einer onanistisch anmutenden, destruktiven Selbstbezogenheit.

    Ich hatte so eine Phase auch einmal - allerdings nciht mit Alkohol (irgendwie könnte ich niemals über einen längeren Zeitraum regelmäßig trinken), sondern mit Amphetaminen und artverwandten Derivaten.

    Das Prinzip scheint aber das gleiche zu sein: Anfangs das Gefühl einer verstärketen Sinneserfahrung, einem "besseren" Erleben und einer verstärkten Schaffenskraft (was teilweise ja auch so ist: ich habe gute Arbeiten abgeliefert, die teilweise auf Droge entstanden sind, aber auch der sonstige Wahrnehmungshorizont erschien erweitert - und war es wohl auch, retrospektiv betrachtet)

    Aber nach einem Jahr oder so konnte ich zumindest den Beginn von Verelendeungstendenzen bei mir feststellen, die sich recht gut mit dem hier vorieigenden Text decken.

    Ich konnte relativ gut davon abspringen, weil ich Drogen eigentlich nie als Selbstflucht benutzen wollte. sondern sie zu großen Teilen eine Bereichering für mich und mein Leben darstellten - und als diese Bereicherung in das krasse Gegenteil umschlug, war der heilsame Selbstekel dann doch größer als die unbestreitbar vorhandene Macht der negativen Routine.

    Trotzdem hatte ich auch Glück, denke ich zumindest. Irgendeine Form privaten Unglücks oder eine sonstwie ausgelöste depressive Phase hätten mich zu auch ohne weiteres in einen Zustand absacken lassen können, aus dem ich mich nicht so ohne weiteres hätte lösen können.

    Ehrlicher, wichtiger Text.

    30.10.2011, 16:24 von holo...
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