War das schon alles?
Ein Satz, den man oft mit der Midlife-Crisis, mit unzufriedenen, verbitterten Mittdreißigern in Verbindung bringt. Könnte ich mir vorstellen.
War das schon alles?
Ein Satz, den man oft mit der Midlife-Crisis, mit unzufriedenen, verbitterten Mittdreißigern in Verbindung bringt. Der Job ist langweilig, die Freunde nerven und das „Schatz, ich liebe dich“ kommt wenn überhaupt, dann nur noch monoton über die eigenen Lippen. Könnte ich mir vorstellen. Nun ist es aber so, dass ich mich nicht zu den Midlife-Crisigen, Antidepressiva schluckenden Greisen zählen darf. Ich bin 20 und das ist mir auch ganz recht. Bis ich mal mit der Brigitte in der Hand neidisch auf die weichrasierten, organgenhautfreien Beine einer mindestens 10Jahre Jüngeren starre und mir selbst einrede, dass ich so etwas ja gar nicht nötig hätte, ist es hoffentlich noch eine Weile hin.
Trotzdem finde ich, dass auch ich Zweifel an meinen bisherigen Erfolgen haben darf. Gut, meine Mutter wusste mit 17 noch nicht, dass sie einmal fähig sein würde, einen Personenkraftwagen ohne Anleitung zu führen und mein Vater hätte von einem Abi auch nur träumen dürfen.
Aber trotzdem.
Ich finde, ich habe das Recht mein Leben doof zu finden. Wenn meine Großmutter mir von ihren verschiedenen, regelmäßig wechselnden Freunden und den ständigen Partybesuchen erzählt komme ich mir schon selbst ein bisschen wie ein altes Eisen vor. Ich habe nie, vor allem nicht ständig wechselnde Freunde. Ich hatte einen Freund, mit 18, und der hat geküsst wie ein Fisch. Hielt dafür auch 1 1/2 Jahre.
Immerhin.
Und mit den Partys ist das auch so eine Sache. Nicht, dass ich nicht gelegentlich gerne mal zitternd in schrecklich kurzen Hosen wartend und hoffend, nicht kontrolliert zu werden vor einer Diskothek stehen würde, nur um danach drei Stunden schwitzend möglichst cool und sexy von einem Bein aufs andere zu treten, damit mir dann doch niemand ein Smirnoff-Ice ausgibt und ich mal wieder 20€ für einen unnützen, ungeküssten Abend verplempert habe. Mir ist es einfach lieber, mit meinen wenigen, aber dafür guten Pappenheimern von Freunden in irgendeinem Kellerloch zu hocken und mich stilvoll zu alkoholisieren.
Eben diese Pappenheimer erzählen, meckern und haben seltsame Einfälle (wie z.B. die Wochenendtour, auf die ich hier nicht genauer eingehen will) und genau das ist es, was mir buchstäblich mein Herz öffnet. Doch schon das nach Hause fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad ist ungefähr das schrecklichste, was mir widerfahren kann.
Ich werde melancholisch, weil wieder einer dieser wundervollen Momente vorbei ist, die man doch in seiner Jugend auskosten soll. Dann komme ich nach Hause, und da ist niemand der weiß, wie toll diese Menschen grade waren, von denen ich mich so unpersönlich, aber herzlich wie es nur geht verabschiedet habe.
Noch schlimmer, wenn ich aus den Jugendurlauben wiederkomme. Da habe ich zwei Wochen in Begleitung sonnencremiger Mit-Jugendlichen seltsame Strand-Spiele gespielt oder mich Zig-Mal in furchtbar schnellem Tempo furchtbar lange Skipisten hinunter gequält, nur um dann abends mit dem Bild des Herz zerreißenden Momentes, in dem ich mit grässlichen abgewinkeltem Arm fast weinend in einem hübschen Hochschnee-Feld liege, und mir wünsche, niemals die 500€ für so eine bekloppte Tour ausgegeben zu haben, immerhin der Lacher des Abends zu sein. Und mal ehrlich, wofür das ganze?
Für mich.
Weil ich es liebe, meine Zeit, vor allem im Urlaub mit mir generell eher fremden, aber dafür nach den beiden Wochen neuen besten Freunden, zu verbringen. Weil ich es liebe, mich vor vielen Menschen zum Horst zu machen und dafür freundliches Schulter-klopfen oder kleine Zuzwinker-Augenblicke zu ernten. Weil ich es liebe, weg von meinem öden schulischen, von nicht enden wollenden Referaten durchzogenen, klausurenbeständigen Alltag zu fliehen, um etwas mit wirklich coolen Menschen zu machen.
Wirklich cool heißt, dass sie eigentlich alle auf ihre Weise einen völlig an der Klatsche haben. Sehr still, sehr laut, Schach spielend oder Trommeln trommelnd, Rot, Blau, Grün oder manchmal auch gepunktet. Eher lieb oder eher rüpel-mäßig, dumm, dämlich und hässlich noch dazu, aber einfach cool.
Und danach sitze ich dann zwischen 2 und 30 Stunden in irgendeinem stickigen Bus und wünsche mir, diese Fahrt würde noch ewig dauern, egal wie ekelhaft und luftleer sich alles anfühlt. Wenn ich daran denke, nach Haus zu kommen und meiner Mutter in ihr mutter-interessierten Gesicht zu blicken würde ich mich am Liebsten erhängen.
Mutter-interessiert heißt ja nicht interessiert, aber Interesse heuchelnd, weil ich nun mal ihr liebes, tolles Kind bin und sie mich ja ach so schrecklich vermisst hat und sie mir das Gefühl geben muss, dass dies auch wirklich stimmt und sie deswegen so tut, als würde sie interessieren, wer mir welchen Brei an welchem Ort mit welchem Löffel in den Rachen gestopft hat.
Ich habe sie nicht vermisst. Ich habe nicht einmal an sie gedacht. Ich habe da hinten die Tatsache, jemals aus dem Leib einer Frau geschnitten worden zu sein, total verdrängt. Da gibt es keine Mama oder Papa oder Mutti oder Papserl. Auch keine Geschwister, ausgenommen eins dieser Geschwister lief grad auch zufällig durch Norwegen, als ich zufällig in einen eiskalten Ekel-Teich geworfen wurde (und damit übrigens wieder den Lacher-des-Abends geerntet habe, Danke, Autogramme gibt’s später!) und mir von ihm wegen dieser angeborenen Geschwister-Solidarität aus dem Ekel-Teich geholfen wurde. Natürlich erst, nachdem es mich auch ausgelacht hat.
Und wenn ich dann letztendlich die Tür aufschließe, mir im Fernsehen schon die herrliche Visage von Alexander Hold, gekoppelt mit Vadderns „Pack aus, wir stellen heute noch die Wäsche an und jetzt RUHE!“ und Muttis „Ich hab dich ja so vermisst!“ entgegen schwingt, meine Gedanken noch auf meinem Esprit-Handtuch am Strand Italiens brutzeln - dann kommt mir wieder diese Frage hoch: War das jetzt schon alles?






Kommentare
Du hast Quarterlifecrisis,
19.03.2010, 10:47 von crashtestdummiedas ist noch harmlos. Du hast Quarterlifecrisis, wenn du jammerst, dass Du nicht jeden Tag von irgendwelchen Wichtigtuern auf Parties eingeladen wirst. Wenn Du dich von Bekannten beeindrucken lässt, die mal wieder (angeblich) die Nächte bis sechs Uhr früh durchgemacht haben. Oder beim Zivildienst, wo die Schwester sagt: "Mit 20 sollte man schon wissen, wie sexuell der Hase läuft." Selber wusste sie das mit 12 schon teilweise - Resultat ist Status alleinerziehend.
Brutaler ist da die Midlifecrisis, immer wieder rüttelt der Mensch sich blutig an den Fesseln seiner begrenzten räumlichen, zeitlichen und vor allem finanziellen Möglichkeiten. Neben "war das alles!" kommt dann hinzu: "hätte ich damals nur", "warum haben meine Eltern nicht?", "Warum hat mein Vater damals unbedingt Sex haben müssen, warum hat der denn nicht Formel Eins gesehen, Jochen Rindt verunglückte doch damals in Monza!"