griwo 16.12.2018, 17:50 Uhr 1 2

Vorweihnachtszeit

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Da rennen sie wieder und kaufen wie bekloppt, als wenn es kein morgen gäbe. Rempeln, drängeln, schimpfen, saufen, hasten, rennen. Hier 20 Prozent auf Alles(!), dort drüben 15 Prozent, aber dafür gibt es einen Lebkuchen dazu. Vor Karstadt sitzen die Hoffnungsvollen, die eigentlich schon mit dem Hoffen aufgehört haben, aber in ihrer kleinen 1-Zimmer-Wohnung in Waldstadt II ist es kalt und düster, und hier vor Karstadt springt der eine oder andere Taler aus einer schnell weiterhastenden Faust.“ Bitte, danke, Frohet Fest“ hört der Gebende schon nicht mehr. Er sieht auch die Person nicht an, der er das Geld gegeben hat, egal, hauptsache sie lassen ihn in Ruhe mit ihrem Elend. Die Münze landet in der linken Tasche, noch zwei Euro fünfzig und ein Glühwein ist drinne.
Vor dem Glühweinständen drängen sich die Menschen, es gibt Glühwein, Eierpunsch und Kinderpunsch (ohne Alkohol), sich dem Alkoholpegel angleichend steigt die Stimmung, die Verkäuferin hinter dem Stand lächelt gequält zum vierhunderdsten Kommentar über ihre Brüste und schenkt tapfer  weiter aus.
Vorbei an der schrecklich schief singenden Sintifamilie und dem zahnlosen Akkordeonspieler, vorbei an den ukrainischen Sängerknaben und der besoffenen Schülertanzgruppe hasten sie, den letzten Angeboten hinterherhechelnd, schließlich weiß doch jeder, dass es nach den Feiertagen nie wieder, NIE,NIE WIEDER etwas zu Essen geben wird.
Die bratwurstgeschwängerte Luft zieht bei jedem Öffnen der Kirchentür ins Innere der unbeheizten katholischen Kirche aus dem Jahre 1870, damals wurde nicht geheizt, heute muss man auch nicht heizen, schließlich hatte Jesus damals auch keine Heizung, ihr Memmen!


Wie jedes Jahr versprechen sich die Eheleute Heitmann, dass sie sich dieses Jahr nichts schenken, weil der Konsumterror scheiße ist und man das nicht auch noch unterstützen will, und wie jedes Jahr rennen Frau und Herr Heitmann unabhängig voneinander zum Buchladen, um wenigstens ein Geschenk für ihre bessere Hälfte zu erstehen. Wie jedes Jahr hat der Herr Buchhändler auch das passende Buch bereit, natürlich brandneu und in Hardcover, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und wo man schonmal in der Stadt ist, kann man auch gleich nach neuen Schuhen für den Göttergatten bzw. neuen Pralinen für die Frau Göttin suchen. Ach ja, Weihnachten, du altes Haus. 2000 Jahre, obwohl, es weiß doch jeder, dass Jesus nicht zu Weihnachten geboren ist und dieses Datum nur gewählt wurde, um die heidnischen Völker schneller zu bekehren, und außerdem sollte mal jemand der AFD sagen, dass Weihnachten ohne Asylbewerber und Asylanten nur aus Ochs und Esel bestünde, hihi, nicht wahr, Schatzi? Schatzi! Hörst Du mir zu???
Frau Heitmann starrt entgeistert zu Herr Heitmann, der sich gerade den dritten Glühwein (mit Schuss!) hinter die Binde kippt. „Aber Schatzi! Wir hatten doch gesagt, dass wir heute keinen Glühwein trinken!“. Frau Heitmann ist entsetzt ob des Benehmens von Schatzi. Energisch tritt sie neben ihn, seine Fahne schlägt ihr ins Gesicht und sie muss sämtliche ihr verbliebene Kraft aufwenden, um ihn wie einen fünfjährigen, ungezogenen Jungen hinter sich herzuziehen. „Komm, Schatzi, wir verpassen noch Sinterklaas!“. „Hohoho“ sagt Schatzi und dann rülpst er. „SwaardchnuurnkleenerBecha“ sagt Schatzi und rülpst erneut. Dann kichert er und taumelt hinter seiner Frau hinterher. Im Holländischen Viertel jedoch ist es so voll, dass Frau Heitmann aufgrund ihrer Panik vor Terroraschlägen lieber darauf verzichtet, Sinterklaas zu suchen, und sie begibt sich mit ihrem Mann in ein Cafe. Schatzi schläft ein und sie bestellt sich einen Café (in groß!), nimmt sich eine Zeitung und hofft, dass Schatzi lange genug schläft und sie bid zum Kulturteil kommt. Kultur ist wichtig, es wird viel zu viel gespart in diesen Zeiten.


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Kommentare

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  • 1

    Hihi, schön!

    16.12.2018, 21:21 von Gluecksaktivistin
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