Till_Hein 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

»Vorurteile erleichtern die Kommunikation«

Wer seine Vorurteile bekämpft, verstärkt sie häufig noch.

NEON: Ich hoffe, Sie haben mir gegenüber keine ...
Jens Förster: Ich denke schon. Manche Forscher behaupten, unser Denken und Fühlen wird zu 90 Prozent durch automatisierte Gedächtnisfunktionen bestimmt. Man könnte auch einfacher sagen: durch Vorurteile.

Wie sind Sie Vorurteilsforscher geworden?
Ich habe ursprünglich Gesang studiert. Erst später begann ich, mich der Psychologie zu widmen. Als Opernsänger fühlte ich mich den Regisseuren ausgeliefert. Wie ein dressierter Hund. Ich war ausgerechnet Tenor, müssen Sie wissen: Und Tenöre haben den Ruf, blöd zu sein.

Jetzt sind Sie Psychologie-Professor.
Richtig. Ich singe aber noch immer und habe neulich eine CD mit Chansons aufgenommen. Aber ich bin auch sehr gerne Professor. Als Sozialpsychologe interessiert mich besonders die Frage: Wie nehmen wir andere Personen wahr? Und dabei spielen Vorurteile natürlich eine immense Rolle.

Sind Vorurteile angeboren?
Nein. Angeboren ist lediglich unsere Neigung zu kategorisieren – also unsere Wahrnehmungen gleichsam in Schubladen zu ordnen. Vorurteile hingegen werden erlernt. Sie können sich im Lauf des Lebens verändern. Und man kann sie sogar wieder verlernen, wie unsere Experimente gezeigt haben. Das spricht eindeutig gegen eine genetische Basis.

Lassen Sie uns über Männer und Frauen sprechen: Was sind die verbreitetsten Vorurteile zwischen den Geschlechtern?
Männer riechen schlecht, ziehen sich miserabel an und funktionieren emotional nicht richtig. Frauen hingegen können nicht rechnen, sind in Chefpositionen unausstehlich und in technischen Berufen überfordert.

Ergab das die Auswertung von Fragebögen?
Aber nein. Fragen wie: »Glauben Sie, dass Frauen dümmer als Männer sind?«, würde doch niemand ehrlich beantworten. Ein bewährtes Verfahren in der Vorurteilsforschung ist hingegen der Implicit Association Test aus den USA: Dabei werden lediglich Reaktionsgeschwindigkeiten gemessen; man präsentiert den Versuchspersonen gleichzeitig ein Bild und ein Adjektiv, und sie sollen so schnell wie möglich angeben, ob dieses Adjektiv eine positive oder eine negative Bedeutung hat. Zum Beispiel »souverän«: Wenn gleichzeitig das Bild einer Frau präsentiert wird, brauchen die meisten Männer länger, um »souverän« als positiv einzustufen.

Tatsächlich?
Ja. Das liegt an der Irritation durch die für viele Männer ungewohnte Verknüpfung von »Frau« und »souverän«.

Die ungewohnte Verknüpfung?
Nach allem, was man weiß, ist unser Gedächtnis in assoziativen Netzwerken aufgebaut. Wenn wir etwa an »Frau« denken, dann wird im Gehirn nicht nur dieser Begriff aufgerufen, sondern gleichzeitig auch alle ergänzenden Informationen und Vorurteile, die für uns zu diesem Begriff gehören. Viele dieser Assoziationen sind in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet: Zum Beispiel verbinden die meisten Menschen Frauen eher mit Ästhetik als Männer. Wenn eine Ihrer Arbeitskolleginnen toll angezogen ist, machen Sie ihr ein Kompliment. Umgekehrt passiert das hingegen
praktisch nie, nicht wahr?

Könnte an meinem Kleidungsstil liegen. Aber, im Ernst: Lohnt es sich, diesen Implicit Association Test mal zu machen?
Absolut. Mit Hilfe dieses Tests kann man seine persönlichen Vorurteile gegen alle möglichen Bevölkerungsgruppen selbstständig testen. Er ist im Internet unter www.tolerance.org/hidden_bias zu finden. Das ist sehr lehrreich. Ich bin jedenfalls immer wieder erstaunt darüber, was so alles an Vorurteilen in mir schlummert.

Ist das nicht eher schockierend?
Weshalb denn? Nur wenn man seine Vorurteile kennt, kann man sie verändern. Wirklich schlimm sind Leute, die behaupten, sie hätten keine Vorurteile! Bei denen ist Hopfen und Malz verloren. Und vergessen Sie nicht: Automatisierte Assoziationen entsprechen sehr oft nicht der Meinung, die wir ernsthaft rational vertreten würden. Es handelt sich dabei um Gedächtnisinhalte, die wir zum Teil bereits in der frühen Kindheit erlernt haben. Es ist gut, sich in diesem Punkt besser kennen zu lernen.

Haben Vorurteile manchmal auch Vorteile?
Aber sicher. Wenn etwa ein Mann mit einem Messer auf uns zukommt, ist es doch prima, dass wir nicht lange überlegen müssen: Wir kategorisieren das Messer automatisch als Gefahr und rennen weg. Vorurteile erleichtern übrigens auch die Kommunikation ungemein: Es macht doch etwa durchaus Sinn, mit einer Kunstgeschichtestudentin nicht als Erstes ein Gespräch über Fußball anzufangen.

Ich kenne aber eine Kunstgeschichtestudentin, die …
Ausnahmen gibt es immer, klar. Es ist daher extrem wichtig zu prüfen, ob das Vorurteil bei der betreffenden Person auch wirklich zutrifft. Aber Vorurteile bieten zumindest Anhaltspunkte.

Sind Sie bei der Forschung auch auf unerwartete Vorurteile gestoßen?
Durchaus. Jeder kennt Blondinenwitze. Aber hätten Sie gedacht, dass manche Männer ernsthaft dran glauben, dass Frauen mit blondem Haar unintelligent sind? Das haben unsere Experimente ergeben.

Wie absurd.
Das kann man wohl sagen. Und was noch viel verblüffender ist: Wir konnten zeigen, dass solche Vorurteile nicht nur im Gedächtnis derer, die sie haben, wirken, sondern auch bei Opfern der Vorurteile: Wenn wir vor dem Intelligenztest einen Blondinenwitz erzählten, schnitten blonde Frauen prompt schlechter ab.

Vielleicht waren die Blondinen einfach nur verärgert und konnten sich daher schlechter konzentrieren?
Das denke ich nicht. In einem weiteren Experiment ließen wir Frauen mathematische Aufgaben lösen. Davor mussten sie einen Fragebogen ausfüllen mit Alter, Adresse und so weiter. Wenn sie im Fragebogen auch ihr Geschlecht ankreuzen mussten, zeigten sie hinterher schlechtere Leistungen. – Genau wie es das Vorurteil »Frauen sind mathematisch unbegabt« besagt.

Erstaunlich.
Das wirklich Spannende an diesem Experiment ist, dass nicht nur eigentliche Vorurteile eine Wirkung hatten, sondern auch so genanntes »stereotypes Wissen«. In diesem Fall das Wissen: »Sehr viele Männer denken, dass Frauen mathematisch unbegabt sind.« Selbst wenn die Frauen persönlich gar nicht an das Vorurteil mit der Mathematikschwäche glaubten, wurde ihre Leistung negativ beeinflusst.

Funktioniert das auch, sagen wir, beim Kickern?
Dazu gibt es noch keine Daten. Wir haben aber Experimente am Fahrsimulator gemacht. Sie kennen sicher das verbreitete Vorurteil: »Frau am Steuer – Ungeheuer«. Wenn die Frauen ihr Geschlecht angeben mussten, sind sie hinterher prompt übervorsichtig und verkrampft gefahren.

Männer lassen sich wahrscheinlich nicht so leicht manipulieren.
Da muss ich Sie leider enttäuschen. Wenn die im Fragebogen ihr Geschlecht ankreuzen mussten, schnitten sie hinterher bei den Mathe-Aufgaben besser ab. Bei Tests zur sprachlichen Intelligenz hingegen erreichten sie weniger Punkte. Das entspricht genau dem Vorurteil: »Männer können schlecht kommunizieren.«

Mein Eindruck ist, dass der permanente Zwang zur politischen Korrektheit manche Vorurteile eher zementiert. Vielleicht ist das Sprücheklopfen am Stammtisch als Ventil gelegentlich ganz befreiend?
Das dachte ich anfangs auch. Aber die Forschung hat gezeigt, dass, wenn Männer gemeinsam frauenverachtende Sprüche klopfen, ihre Vorurteile gegen Frauen nicht abnehmen, sondern stärker werden.

Was kann man sonst gegen übertriebene Vorurteile tun?
Man muss an sich arbeiten. Wer sie kennt, kann seine Vorurteile bis zu einem gewissen Grad in den Griff kriegen.

Tatsächlich?
Es gibt da doch dieses berühmte Beispiel: »Denken Sie jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten!« Richtig. Jeder Mensch stellt sich dann sofort einen rosa Elefanten vor. Diese Holzhammer-Methode funktioniert in der Tat nicht. Wir haben dazu ein interessantes Experiment gemacht: Studenten sollten Aufsätze über einen Ausländer verfassen und dabei ihre Vorurteile unterdrücken. Beispielsweise nicht schreiben, dass er nach Knoblauch riecht oder viele Kinder hat.

Und?
Als wir hinterher die Stärke ihrer Vorurteile gegen Ausländer testeten, stellten wir so genannte Rückschlageffekte fest. Die unterdrückten Vorurteile kamen nun umso massiver zum Ausdruck. Wer ein bestimmtes Vorurteil bekämpft, stärkt dadurch die jeweilige Gedächtnisspur sogar noch, haben wir herausgefunden. Ähnlich wie durch das Sprücheklopfen am Stammtisch.

Klingt fatal. Was schlagen Sie stattdessen vor?
Man sollte seine Vorurteile erst einmal akzeptieren und sie in Ruhe betrachten. Anschließend kann man sich daranmachen, eine negative, automatisierte Assoziation durch eine positive Assoziation zu ersetzen.

Man sollte sich also etwa nicht einreden: »Ich darf nicht denken, dass Frauen unsouverän sind!«, sondern: »Frauen sind souverän!«?
Genau. Das hört sich vielleicht etwas blöd an, ist aber wirksam. Sie können bei solchen Übungen auch mit inneren Vorstellungsbildern arbeiten. Bleiben wir beim Beispiel: »Frauen und Souveränität«: Da könnten sie etwa die Augen schließen, und sich eine starke Frau vorstellen, zum Beispiel Lara Croft. »Visualisieren« nennen wir Psychologen diese Technik. Eine eigentliche Therapie gegen übertrieben starke Vorurteile wurde bisher von der Wissenschaft aber leider noch nicht entwickelt.

Schade. Sonst könnte man da gleich mal einige Hardcore-Feministinnen anmelden.
Das haben Sie gesagt. Ich denke, es gibt andere Personengruppen, die eine solche Therapie viel nötiger hätten.


Jens Förster, 38, ist Vorurteilsforscher und Professor für Sozialpsychologie an der International University Bremen. Infos zu seinen Chanson-Programmen und seiner CD gibt es unter www.jensfoerster.de

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