Von den “Krauts” über die “Tommies” – und zurück
Ich lebe jetzt seit einem Jahr in England – Zeit mit ein paar alten Klischees aufzuräumen.
“Du gehst nach England? Was willst du denn da?”, fragte mich ein Klassenkamerad ganz entgeistert. “Die Inselaffen töten dich bestimmt, die mögen keine Deutschen.”
Letzteres war natürlich scherzhaft gemeint, doch es traf in einer bestimmten Weise den Nagel auf den Kopf.
Die Tommies gelten ohnehin als steif und Deutsche hassen die sowieso, nicht nur im Fußball, ich werde dort bestimmt alleine dastehen und überhaupt, das schlechte Essen, das schlechte Wetter… Wolle ich mir das wirklich antun?
Das war so ungefähr das Echo meiner Freunde und Bekannten in den letzten Wochen, bevor ich mich an einem denkwürdigen Julitag ins Flugzeug Richtung Manchester International Airport setzte und Deutschland mindestens für die nächsten Jahre “goodbye” sagte.
Nun, dieser denkwürdige Julitag jährt sich bald zum ersten Mal, ich wurde nicht getötet und erinnere mich nun mit einer gewissen Genugtuung an jene Kommentare, jene verstaubten Klischees, die immer wieder ausgegraben wurden, um mir meinen Abschied zu erleichtern.
In einer ziemlich amüsierenden Denkarbeit habe ich all diese Klischees zu vier Hauptkategorien kompensiert, um über sie nach diesem Jahr Bericht zu erstatten, gerichtet vor allem an die Urheber jener Kommentare, denn es besteht ja die kleine Chance, dass sie diesen Text auch zu lesen bekommen.
“God save the Queen”
Fans der Tratschsendung “Leute Heute” werden oft über das britische Königshaus informiert. Bei großen Veranstaltungen sieht man jubelnde Menschenmengen, die der Queen oder Prinz Phillip mit seiner neuen Frau(?) zujubeln.
Diese Bilder können leicht einen falschen Eindruck des englischen Volkes erzeugen, handelt es sich bei den Menschenmengen doch vornehmlich um Londoner, die natürlich und zurecht stolz auf das Windsor-Klientel, eine der vielen Attraktionen der Stadt, sind oder ausländische Touristen, die die Königsfamilie aus den Medien, also Sendungen, wie “Leute Heute” kennen - und vielleicht lieben gelernt haben.
Doch abseits Londoner Grenzen sieht es doch ein bisschen anders aus.
Klar, der Adel bringt mit dem Tourismus und dem Medieninteresse viel Geld in das Land und man darf sich international “United Kingdom – Vereinigtes Königreich” schimpfen – aber damit hat’s sich auch.
Generell stehen viele Briten, die meisten davon sind bekannterweise Engländer, auf dem Standpunkt, dass die Queen und auch der gesamte Adel, im dritten Jahrtausend eigentlich ziemlich überflüssig und eine bei dem Reichtum nicht unerhebliche Verschwendung wertvoller Steuergelder ist, die genausogut auch dem Volke zugute hätten kommen können.
Spätestens seit der Wirtschaftskrise in den Sechzigern und Siebzigern würde demnach wohl die Mehrheit der Engländer in einer theorischen Abstimmung für die Abschaffung des Adels stimmen.
Deshalb wird nicht nur im Fußballstadion bei Beckham&Co nicht “God save the Queen”, sondern “God save our precious Team” gesungen.
“Der steife Engländer”
Wie eingangs bereits erwähnt, hassen Engländer Deutsche angeblich. Demnach hätten sie mich in der Schule nach Strich und Faden fertigmachem müssen. Seltsamerweise habe ich Ähnliches zwar in einem bayerischen, also deutschen, Gymnasium, nicht aber in dem englischen College erlebt, das ich besuche.
Warum?
Weil es sowas wie Mobbing dort nicht gibt.
Engländer haben eigentlich alle Eigenschaften, die ich bei den Deutschen sosehr vermisse: Offenheit, Freundlichkeit, Patriotismus und nicht zuletzt Toleranz.
Wer auch immer die Engländer steif genannt hat, wird sich mit diesem Thema nicht richtig befasst haben.
Als Beispiel dient folgender Dialog. Ich frage in einem Laden nach einem Ferienjob, doch man hat bereits genug Angestellte.
In Deutschland bekam ich folgende Antwort:
“Watt wolln se? Fe’ienjob? Hamwa nich!”
Ein vergleichbarer Verkäufer in England wies mich allerdings so ab:
“Sorry, Kumpel, im Moment sind wir voll. Aber versuch’s doch im Herbst noch mal, da dürften wir wieder was haben.” (Sinngemäß übersetzt)
Und das ist authentisch.
Überhaupt, Engländer sind sehr interessiert an Deutschland, denn immerhin fahren zum Beispiel die meisten von ihnen deutsche Autos.
Ach ja, Kriegsklischees werden auch nur zu humoristischen Zwecken verwendet.
“Regnerisches England”
“Die Nähe zum Golfstrom und die ungewöhnlich Position als Insel verursachen, dass es in Großbritannien statistisch jeden zweiten Tag regnet.”
So ähnlich stand es in meinem Erdkundebuch der sechsten Klasse und so wurde ich in der Klassenarbeit auch abgefragt. Heute weiß ich, dass man mir Falsches beigebracht hat.
Natürlich ist das Klima in England feuchter als in Deutschland, doch das äußert sich nicht durch pausenlosen Regen, sondern durch etwas wechselhafteres Wetter. Im Sommer gibt es alle paar Tage mal kleinere Regenschauer, die Winter sind sehr mild, deshalb fällt der Schnee aufgetaut und in flüssiger Form vom Himmel.
Doch das hat gewaltige Vorteile.
England ist gespickt von Bäumen und Sträuchern, in den Vorgärten wachsen Palmen, die man sonst eher am Mittelmeer vermutet hätte und die Hecken glänzen auch zu Weihnachten und Neujahr mit ihrer Blätterpracht.
Grün ist die vorherrschende Farbe in England, auch wenn sich am Himmel zuweilen mal ein graues Wölkchen blicken lässt.
Für Romantiker bieten bestimmte wolkenfreie Nächte ein weiteres Highlight: der Mond scheint dort nämlich größer als in Deutschland, klar, man befindet sich ja nördlicher. Das sieht dann bei Vollmond besonders beeindruckend aus…
“Das schlechte englische Essen”
Das einzige Klischee, dem ich ohne Widerrede zustimmen muss.
Es grenzt schon an Pietätlosigkeit, wenn jemand ein Lamm selbst nach dessen Tod in Pfefferminzsoße demütigt und das auch noch lecker findet.
Ich erkannte auch erst in England, was wir Deutschen an unserem Brot haben.
Schmisse man das englische an die Wand, bliebe es wahrscheinlich kleben…
Doch das Schlimmste ist, dass den Engländern dieser kulinarische Missstand gar nicht bewusst ist. Für sie ist das englische Essen, das bis auf Lamm aus nicht viel mehr besteht als Pies (Gulasch in Blätterteig(!)) und Pasties(unbeschreibliche Backprodukte ohne Geschmack), das beste der Welt und sie essen ausländische, zum Beispiel deutsche, Spezialitäten nur mit größter Skepsis.
Doch abseits der eben genannten Abartigkeiten gibt es ja noch Bacon, gebratener oder gegrillter Schinken, ideal auf Brötchen (die diesen Ausdruck nicht verdienen). Seine Salzigkeit ist zwar geschmacksbedingt, doch meinen trifft er allemal.
Meine englischen Freunde konnten es gar nicht glauben, als ich ihnen erzählte, dass man in Deutschland ungebratenen Bacon, also Schwarzwälder Schinken isst. Ich durfte mir dann die nächsten Tage dumme Kommentare anhören…
Zu hoffen bleibt, dass sich manche Leute, vor allem die, die niemals vor Ort waren, ihre Meinungen über England noch mal überdenken und diesem wunderschönen Land vielleicht einen Besuch abstatten. Sein Geld ist es allemal wert…



Kommentare
"Pasties(unbeschreibliche Backprodukte ohne Geschmack)" - unglaublich, welch beleidigung...pasties sind (zumindest in meiner englischen "Heimat" Devon/COrnwall) ein wahrer Gaumenschmauss, dazu billig und sättigend...tztztz
30.05.2006, 20:29 von systemin allen anderen punkten kann ich aber wiederspruchslos zustimmen :-)
@system Ja, der Meinung schließ ich mich an...
04.06.2006, 06:33 von FarbschlurfIch hatte auch nie Grund, mich in England übers Essen zu beschweren! Und schon gar icht über Cornish Pasties!
Also ihr war mehrmals für ca. 1 Monat im Somer in England und habe fast nur positive Erfahrungen gemacht, was die Menschen angeht.
30.05.2006, 18:57 von GerberaEinmal hat mich jemand nach dem Weg gefragt und als ich sagte, den kenne ich auch nicht, weil ich aus Deutschland bin, sagte er ganz begeistert "Ick sprecke auck ein biscken Doitsch" und lud mich auf ein Bier ein und wir hatten einen netten Abend :-)
Aber das Essen war dort wirklich nicht der Renner, ausser Chips, die mag ich sogar, zumindest wenn nicht zu viel Essig draufkommt ....
Also ich kenne ein paar Engländer aus dem Urlaub und ich würde diese sooft angesprochene Feindschaft zwischen Deutschen und Engländern eher eine Hassliebe nennen. Ich habe meine Feindbilder liebgewonnen und andersrum war es bei mir im Urlaub genauso. Als ich deinen Text las,fiel mir ein Lied ein, welches mir ständig vorgesungen wurde. Hier der Link, einfach auf "Englische Sangeskünste: "Ten German Bombers" klicken http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,389776,00.html
03.01.2006, 00:21 von resignierter@frikadelle, danke fuer den tollen artikel!
19.12.2005, 11:48 von MapleLeafich hab mich schief gelacht, gerade bei den broetchen, die den ausdruck gar nicht verdient haben *lach* .. heissen die bei euch auch "rolls"?! konnte es auch nicht fassen als ich son ding das erste mal in der hand hatte *g*
also ich bin zwar gerade ein jahr als aupair (jupp, als kerl :P) in schottland unterwegs, aber ich hoffe das ich mich trotzdem der england-diskussion anschliessen darf *g* ich kann mich meinen vorrednern auch nur anschliessen, das alles trifft auch herlich auf schottland zu, und ich dachte das mit den freundschaften wuerde nur mir so gehen. ich kenne zwar viele nette leute mit denen ich ab und an mal quatschen kann, aber gerade was das vertiefen von bekanntschaften angeht bin ich schon sehr auf eigeninitiative angewiesen, und darin bin ich auch nicht gerade meisterhaft.
klische wetter: also leute, schoen wenn das bei euch in england nicht zutrifft, aber dann kommt mal 'ne woche nach schottland ;) es ist nicht mal die haeufigkeit, aber wenn es dafuer regelmaessig 4 tage am stueck nur regnet helfen auch viele sonnentage der wahrnehmung nicht mehr auf die spruenge. dafuer hab ich hier schoenere landschaft als ihr :P man kann hier sogar herlich windsurfen :) , in einigen der vielen tollen "lochs" , allerdings bin ich dann doch nicht der typ der ganz allein die landschaft erkunden geht, daher entgeht mir hier bestimmt auch viel.
zum essen: also da wurde ich eigentlich hier oben eines besseren belehrt. liegt vllt. aber auch daran das meine gastmutter auch ausgewanderte deutsche ist und ich regelmaessig ein schnitzel auf den tisch bekomme ;) yorkscher pudding (selbstgemacht) ist der hammer, und lamm in minzsauce ist doch auch nicht sooo uebel.
was mir wirklich aufstoesst sind die "sausages", und ueberhaupt das ganze englische fruehstueck *wuerg* ..die wuerstchen (haben den nahmen auch nicht verdient) schmecken genauso ekelhaft wie sie aussehen. aber zum glueck gibts hier in meinem kaff aldi und lidl :D es lebe die globalisierung *g*
ach und die fahren hier oben total auf deutsche weihnachtsspezialitaeten ab (pfefferkuchen, stollen, "gluhwein" ^^ und weinachtsmaerkte an sich)
Das Schlimme ist, dass die für ihr Essen teilweise horrende Preise verlangen...;) Selber kochen ist ne gute Lösung. Wobei ich in 4 Wochen trotzdem nicht verhungert bin, gab auch sehr leckere Sachen.
03.10.2005, 18:47 von SeesternchenIch liebe England und habe auch einen großteil meiner Familie in London. Also kann ich dir größtenteils zustimmen, was diese blöden Klischees angeht.
03.10.2005, 18:16 von Mierze123Aber ich mag das englische essen! Englisches Toastbrot mit Lemon Curd! Mjam. Und Minzsauce ist auch lecker! Ausserdem gibts nichts besseres nach einer Nacht mit zu viel Stella, als ein englisches Frühstück.
Aber Geschmäcker sind ja verschieden
Dem kann ich mich nur anschließen... Ich habe nach dem Abitur ein Jahr in Bournemouth verbracht und bin seit dem ein richtiger Fan. Die Hilfsbereitschaft ist einmalig! Einen Punkt hast du leider vergessen: Beziehungen/Freundschaften zu Engländern aufzubauen und diese dann auch zu halten sind eher schwierig. Sie geben dir gern einen "lift" oder auch mal ein pin aus, aber richtige Freundschaft, die länger hält (vor allem, wenn man wieder aus dem Land ist), ist eher selten zu finden... Da muss man dann doch Eigeninitiative ergreifen.. Ach ja, und noch was... England ist ein Paradies für ältere Leute... Dort stehen die Jungschen im Bus wenigstens noch auf...grins...
02.10.2005, 01:23 von romy.schulzBis denn denn,
die romy
Leider habe ich England dann doch ein bißchen anders erlebt. Liverpool ist nun mal auch noch ein bißchen anders als der Rest....
10.09.2005, 23:25 von SisterofEvilSteif sind die Engländer vielleicht nicht, aber doch recht oberflächlich. Die Freundlichkeit mit der dir geantwortet ist zwar anfangs nett, aber wenn sich eh nie wieder jemand auf den Job meldet, finde ich das nicht besser als gleich abzusagen. Außerdem kannten meine Kommilitonen z.B. nach 4 Semestern gemeinsamen Ausgehens nicht mal ihre Emailadressen. In den Ferien brach da sonst jeder Kontakt ab.
Außerdem ist das "How are you" bei Asda auch nie ehrlich interessiert gemeint. Von den rassistischen Bemerkungen vieler Teenager ganz zu schweigen. Beeindruckt hat mich eher, wie völlig unbekannte Menschen einander an der Bushaltestelle angesprochen haben und dann den Rest der Fahrt sich unterhalten haben.
Ferner gibt es jede Menge Chinesen, Inder und andere Restaurants, die aber alle auch Chips auf der Karte haben. Chicken Massala Curry ist inzwischen das beliebteste Gericht in England. Gibts ja auch bei Tesco in 5 verschiedenen Geschmacksrichtungen als Fertiggericht.
Ansonsten: Guter Artikel.
schlechter als hier in den niederlanden kann das wetter auch nicht sein! das essen ist bestimmt schlecht, das glaub ich auch!
23.08.2005, 14:10 von hollandmeisjeund das die was gegen deutsche haben hat meine schwester mir bewiesen! sie war neulich fuer ne woche in lonon und wurde angeflirtet von einem englaender, nach kurzer unterhaltung erfur er, dass sie deutsch ist und meinte "scheisse" und lief weg! oder ist das in england eine symphatiebekundung?
nein, nein! ich weiss! ausnahmen bestaetigen die regel! schon klar!
ich hab aber eigentlich keine ernsten vorurteile! mir ist das alles egal!