Vom kleinen dicken Mädchen in der Kunstausstellung
Das kleine dicke Mädchen grinst jetzt ein wenig. Das erkennt man daran, dass ihr Gesicht jetzt noch praller wird, als es ohnehin schon ist.
Soll sie mal machen, da ist schließlich nichts dabei, gar nichts Schlimmes, nichts Verkehrtes und vor allem nichts Sonderbares. Merkt sie in diesem Moment dann aber selbst und interveniert in monotoner Tonlage: »Das kann ich gut verstehen.« Gar nichts kannste, dummes, kleines, dickes Mädchen. Ach wenn du wüsstest, kleines dickes Mädchen. Wenn du wüsstest, wie ich schon auf die Fresse gefallen bin mit solch einer Aktion. Wie peinlich das für mich war. Das sage ich ihr nicht, ich erinnere mich nur gerade an Dinge, die ich schon längst vergessen wollte und die jetzt alle wieder hochkommen. Blöde Tina. Blödes Fahrrad, doofer Zettel, seltsamer Zufall und geregnet hat es auch. Den Namen vom kleinen dicken Mädchen verstehe ich nicht - nur, dass sie und ihre Freundin studieren. Sie plappert weiter und weiter und nach dem Satz, »Ich bin jetzt gerade ins erste Semester gekommen - Kunstwissenschaften, weißt du? Es ist die Hölle, es ist schlimmer als die Schule«, höre ich überhaupt gar nicht mehr hin denn ich habe jetzt einfach weder Augen, noch Ohren für das kleine dicke Mädchen, das den Mund bewegt.
Wir stehen in dieser Galerie rum und zum wiederholtem Mal falle ich auf ein Mädchen mit Dutt-Frisur rein. Manchmal bin ich sehr einfach zu durchschauen. Das merkt auch Juli, aber so ist das manchmal. Vor allem wenn man krampfhaft auf der Suche nach neuer Geborgenheit, neuem Duft und aufregender Nähe zu Menschen die man gar nicht kennt ist, obwohl man eigentlich nur bedingt Lust hat, seine komplette Lebensgeschichte jemandem haarklein und ganz von vorne anzuvertrauen. Das kann so anstrengend sein, aber das blende ich in solchen Momenten immer wieder aus. Man kann ja zur Not auch was weg lassen. Merkt kein Schwein. Vor Juli muss ich das ganze zum Glück nicht verstecken, denn eigentlich geht es ihr ja ganz genauso, also kann sie mir diesbezüglich keine Kassette drücken.
Die Dutt-Frisur hat schöne Beine. Can?t kick this feeling when it hits. Ok, es reicht. Was ist bloß mit mir los? Um mich selbst zu bremsen von diesem seltsam schwachsinnigen Zugzwang jetzt irgendetwas unternehmen zu müssen, will ich wahlweise ihr total hässliches Pott-Gesicht, ihre Hakennase, ihre Glubschaugen oder ihre kleinen, spitzen Lippen sehen. Meine Mutter gab mir vor Jahren mal den Rat, mich von Frauen mit spitzen Lippen fern zuhalten. Die lügen alle, die sind alle falsch. Alle. Daran halte ich mich. Doch um diese ausschlaggebenden Faktoren auf meiner Checkliste für einen potentiellen Flirtversuch zu überprüfen, muss ich jetzt an ihr vorbei, die Treppe hinauf zur Bar (gut, gibt schlechtere Umwege) Bier holen und wieder runter, um die Dutt-Frisur von vorne zu begutachten. Als wir die Treppe wieder hinuntergehen, steht sie da und zeichnet mit einem Kugelschreiber Bilder ins Gästebuch der Ausstellung. Neben ihr steht das kleine dicke Mädchen und malt sinnlose Kreise mit. Ein Blick genügt und ich habe die Bestätigung, dass keiner der genannten Faktoren meiner Checkliste aufgeführt ist. Das schlimme: Im Gegenteil. Schlimmer: Ich weiß schon eine Sekunde später was passieren wird. Nichts. Gar nichts. Jedenfalls was mich betrifft. Es wird wie immer sein. Ich werde am Spielfeldrand stehen bleiben, darauf warten, dass irgendetwas geschieht, für das ich keinen Finger krumm machen muss, dass so etwas passiert, wie auf der Stelle heiraten und Kinder zeugen (Aktionskunst!), dass mich der Trainer endlich von der Ersatzbank ruft oder sie wenigstens Blickkontakt mit mir aufnimmt.
Da! Jetzt, diese Augen, dieser Blick, wie sie lächelt, wie sie strahlt, meint sie mich? Nein! Natürlich nicht, sie meint nicht mich, oh Gott, sie meint ihren Freund der neben mir steht, er stürmt gutaussehend durch die Galerie, Zeitlupe, alle Mädchen schauen ihm mit offenem Mund hinterher, Replay, er rennt weiter, hat nur Augen für sie, sie umarmen und küssen sich innig, die Musik geht aus, alle Leute drehen sich zu ihnen um und applaudieren dem jungen Glück und dann gehen sie Hand in Hand und winkend gemeinsam mit dem kleinen dicken Mädchen schnell raus aus der Kunstbude, sie steigen in eine Limousine und machen sich auf den Heimweg, schön ab ins warme und gemachte Bett, erst kuscheln, dann krassen Sex haben, all night long, one more time, (ich vermute ohne das kleine dicke Mädchen), um am nächsten Morgen dann kurz nach dem Aufwachen wieder unglaublich krassen Sex in seiner unglaublich tollen Wohnung mit den hohen, Stuck besetzten Decken zu haben, danach Frühstück mit Kaffee - beste Bohne - frisches Obst, frischer Lachs, alles da auf dem Tisch - die gute Mövenpick-Marmelade und die Brötchen sind noch ganz warm, er ist extra zum Bäcker gefahren, mit seinem tollen Rennrad, das fährt voll schnell ey, und lässt ihn sogar noch besser aussehen und jetzt scheiss auf?s Frühstück, sie gehen zusammen duschen - nackt! - weil alleine duschen ist blöd, Sex unter der Dusche, na klar, Standardprogramm, aber bloß keine Standard-Stellungen, jeden Sonntag was neues ausprobieren, bis es dampft und qualmt, genau Rauchen nicht vergessen, im Flausche-Handtuch mit nassem Haar auf der Couch, die Zigarette nicht mal zur Hälfte geschafft, da fallen sie schon wieder übereinander her, wegen der Zeitumstellung hat man ja eine ganze Stunde gespart, das muss man ausnutzen, da kann man doch ruhig noch mal beigehen, das sagt er ihr auch so und sie kichert, weil er so witzig ist und dann küsst sie ihn und eigentlich muss sie nach Hause, sie trägt sein T-Shirt, weil es so gut nach ihm riecht und darunter trägt sie natürlich nichts, weil er das so unglaublich sexy findet und als sie sich dann doch umziehen will und am späten Sonntag Nachmittag aus seinem großen Bett pult, holt er sie sich beim Anblick ihrer blanken Brüste wieder zurück zu sich auf die wohl duftende und frischbezogene Fickwiese, um jetzt noch mal so richtig hemmungs- und bedingungslos zu knallen, danach bleibt sie dann doch einfach bei ihm liegen, völlig außer Atem, ganz aus der Puste, denn das war gerade ihr längster und stärkster Orgasmus den sie je hatte, keiner hat das je bei ihr geschafft und sie geht auch nicht ans Telefon als es klingelt, weil alles um sie herum egal ist, scheiss auf die Kunst und den Rest der Welt und als das kleine dicke Mädchen zum vierten mal anruft, schaltet sie ihr Handy ganz aus. Die Arme. Die ist bestimmt dann genauso traurig wie ich.
»Und?«, fragt Juli. »Äh was? Achso, ja scheiße. Sie sieht leider verdammt gut aus.« Ich schaue mir die Kunst an. »Na dann..«
Ich versuche an etwas anderes zu denken, dabei fallen mir bekannte und nicht so bekannte Hamburger Musiker ein. Muss an der ganzen Kunst hier drinnen liegen. Ich denke an Huah!, die Band von Knarf Rellöm aus den 90ern und den Sampler »Bessere Zeiten klingt gut« auf dem der Song »Ich Möchte Ein Mädchen Kennenlernen« wiederveröffentlicht wurde.
»Ich zeigte ihr die Stadt, ich zeigte ihr den Fluss und die Schiffe, ich fuhr mit ihr meinen Lieblingsbus, dann gebe ich ihr einen Kuss.«
Deutsche Texte können so scheisse sein. Und was machen Huah! jetzt? Scheißegal, aber bessere Zeiten klingt gut, aber irgendwie wird das alles jetzt gar nicht besser, sage ich zu Juli, aber Juli hört das nicht, Juli steht nämlich gar nicht mehr neben mir, Juli steht jetzt am Zeichentisch zusammen mit dem kleinen dicken Mädchen und Frau Dutt. Oh Gott und was mache ich jetzt? Ich muss, mein Bus. Ich atme tief durch, jedenfalls so gut das geht in dieser Raucherhöhle, und gehe langsam zum Zeichenbrett, wo sich Juli nach wenigen Sekunden schon prächtig mit Frau Dutt und dem Ethno-Kreise zeichnenden dicken Mädchen versteht. Ich rede wirr, ich bin betrunken, weiß aber, dass mir das keiner anmerkt, deshalb ist das jetzt auch egal. Hauptsache sie sieht mich und verliebt sich sofort unsterblich in mich. Habe ich doch schließlich auch, also tu das jetzt gefälligst auch, Mädchen mit Dutt. Tut sie natürlich nicht, sondern verabschiedet sich, die anderen suchen. Die anderen.
Na dann ist ja alles klar. Wir können gehen. Können wir nicht, denn Juli ist voll eingestiegen in die Malstunde mit dem kleinen dicken Mädchen. Also male ich mit. Wenn das dicke Mädchen hier bleibt, kommt Frau Dutt bestimmt auch bald wieder. Und bis dahin habe ich die schönsten Bilder der Welt in dieses Kondolenzbuch der Kunst gemalt, Frau Dutt wird mich dafür küssen, die von mir bemalten Seiten rausreißen und mir ihre Telefonnummer in die Hosentasche stecken und in die Nacht verschwinden. Na dann ist ja alles geritzt.
Vor Jahren hat mir meine Professorin für Illustration gesteckt, dass ich gar nicht zeichnen kann. Das ist nicht die beste Voraussetzung, wenn ich jetzt so ein Mädchen beeindrucken will, aber ich finde dennoch Gefallen daran, also male ich fleissig mit und frage das kleine dicke Mädchen nach dem Namen von Frau Dutt. Sie verrät ihn mir ohne mit der Wimper zu zucken, sogar die nicht geforderte Zusatzinformation, dass Frau Dutt nur ihre beiden Cousins suchen gegangen ist, die gerade auf Besuch in der großen Stadt sind. Frau Dutt ist also nicht wegen mir gegangen. Das ist schon mal gut und eigentlich müsste ich jetzt die prallen Wangen des dicken Mädchens in beide Hände nehmen und ihr einen langen Kuss auf ihre Stirn pressen. Muuuuuah! Das verkneife ich mir und male scheinbar unbeeindruckt weiter. Ich male und male und höre gar nicht mehr auf. Voller Euphorie und es fließt einfach so und in null-komma-nichts sind zwei Seiten von oben bis unten bemalt. Ich vergesse die Zeit und alles um mich herum, als sich plötzlich ein Kinn auf meine Schulter legt. Juli ist es nicht, sie müsste sich ziemlich stark dafür verrenken, sie steht neben mir und so einen langen Hals hat sie nicht, das kleine dicke Mädchen ist es aber auch nicht, ausserdem ist die viel zu klein, sie bräuchte einen Tritt, um auch nur ansatzweise ihren Kopf auf meine Schulter legen zu können.
Ich male den angesetzten Strich mit dem Kuli zu ende und drehe mich langsam um. Es ist Frau Dutt. Ich kann nichts sagen, ausser »du musst mit uns malen«, »nein«, sagt sie, »ich male nicht in der Öffentlichkeit.« Ich merke, sie sind auf dem Sprung. Jacken werden angezogen, Pläne geschmiedet, die letzten Toilettengänge vor dem Abflug werden erledigt. Ich reiße ein Stück Papier aus dem Kondolenzbuch der Kunst und schreibe schnell meine Email-Adresse drauf. »Respekt«, sagt Juli und schaut mich an. »Von dir kann man noch was lernen«. Kann man nicht, denke ich. Mir fällt Tina wieder ein. Es hat noch nie geklappt. Aber eigentlich ist der Trick gut.
Das kleine dicke Mädchen grinst jetzt schon wieder, als ich ihr einen Zettel in die Hand drücke, auf dem meine Email-Adresse steht. Betrunken wie ich bin erkläre ich, wie schwierig es für mich ist, Mädchen die man auf den ersten Blick sympathisch oder interessant findet anzusprechen. Es ist nichts dabei, doch weißt du, kleines dickes Mädchen, Freundin von Frau Dutt, ich habe das Pech, dass ich immer missverstanden werde. Es ist nicht so, dass es eines meiner größten Hobbys ist, fremden Mädchen mit Dutt Zettel in die Hand zu drücken. Erst recht nicht kleinen dicken Freundinnen von den Mädchen mit Dutt. Aber ich habe es satt und das ist der Grund, warum ich dir jetzt diesen Zettel gebe, warum ich nein gesagt habe, als du mir die Telefonnummer von Frau Dutt angeboten hast, verstehst du das kleines dickes Mädchen? Wenn Frau Dutt mich wahrgenommen hat, wenn Frau Dutt mich nett finden sollte, hat sie mit diesem Zettel die Möglichkeit sich bei mir zu melden. Vergiss bitte nicht ihr diesen Zettel zu geben, hörst du kleines dickes Mädchen? Das ist jetzt dein Auftrag. Vor einiger Zeit hatte ich mir geschworen nie wieder in meinem Leben einen Zettel für Frauen mit, aber auch ohne Dutt zu schreiben, auf dem meine Email-Adresse steht.
Es ist Sonntag morgen. Ich konnte heute eine Stunde länger schlafen, habe davon aber nichts gemerkt. Was ich sehr wohl gemerkt habe ist, dass ich einem Ethno-Kreise zeichnenden kleinen dicken Mädchen aus dem ersten Semester Kunstwissenschaft meine Email-Adresse gegeben habe, in der Hoffnung, dass sie diesen Zettel ihrer Freundin mit Dutt-Frisur gibt. Wie dämlich und feige kann man eigentlich sein?






Kommentare
Ich hab echt gut geschmunzelt, als ich deinen Text gelesen habe...
28.04.2011, 10:07 von easy_isiSehr schön ;)
in mir kam ein leichter brechreiz auf, als ich denk text gelesen habe.. vllt weil ich ständig an schanze und urban outfitter menschen denken musste.. oder an blogger mädchen die so arty sind wie ikea individuell..
20.08.2010, 13:45 von Vici.Vicious.text ist so la la.. so richtig umgehauen hat er mich nicht.. eher klischees bedient. neon niveau wurde aber erreicht. ding ding ding..
@Vici.Vicious. ja stimmt, an die musste ich auch denken. musste mich ganz fürchterlich übergeben.
20.08.2010, 16:43 von dispokugelIch habe die schlechte Angewohnheit vorm Lesen immer die Länge des Artikels zu überfliegen. Gott sei Dank habe ich ihn diesmal trotzdem gelesen.
19.08.2010, 07:40 von DanerSehr unterhaltsam!
"Man kann ja zur Not auch was weg lassen. Merkt kein Schwein."
16.08.2010, 10:31 von cookie.addictedIch könnte mich weghaun! Geiler Text!
Der Text ist eine einzige Diskriminierung dicken, kleinen Frauen gegenüber.
13.08.2010, 12:49 von PinzepuIch erhebe Einspruch. ^^
@Pinzepu issn Scherz, ne?
13.08.2010, 13:15 von dispokugel@dispokugel Isses das? *g*
14.08.2010, 16:55 von PinzepuWirklich, wirklich gut. Ich mag deine Sicht der Dinge. Sehr gut geschrieben.Ich habs in einem Rutsch durchgelesen und hätte gern mehr ^^ . Kriegst ne Empfehlung.
12.08.2010, 20:02 von Katze.Punktspitzenklasse, das leben mitgeschrieben.
12.08.2010, 18:56 von bizaretteIch liebe den Text! So oft musste ich selten lachen, und diese verworrenen Schachtelsätze sind genial! PERFECT, danke dafür!!
12.08.2010, 15:51 von abbsIch mag deinen Text.
12.08.2010, 15:37 von jiniHat mir ein lächeln ins Gesicht gezaubert, auch wenn es kein Happy End gab.