Verlorene Worte
So viele Geschichten, so viele Erinnerungen und Gedanken, die niedergeschrieben werden möchten...
Nachdenklich schaut er auf seine Tastatur.
Streicht sanft über die einzelnen Buchstaben.
Er hat es immer geliebt, sie zu nehmen, diese Buchstaben, aus ihnen Worte zu formen und zu Geschichten werden zu lassen. Schreiben war seine Möglichkeit, sich auszudrücken; auf diese Weise konnte er von Erinnerungen und Begegnungen erzählen, von Dingen, die ihn beschäftigten, und die er sonst nie auszusprechen gewagt hätte.
Buchstaben, Worte.
Für ihn waren sie wie ein kostbares Geschenk, dass er schätzte und hütete. Mit ihnen konnte er seiner Fantasie etwas Sichtbares, Greifbares geben, ihr immer wieder neue Farben und Töne entlocken und sie sprudelten nur so aus ihm heraus, diese Buchstaben und Worte, flossen mit Leidenschaft durch seine Finger und füllten die weißen Seiten, Zeile für Zeile. Wenn er schrieb, fühlte er sich wohl, es war wie eine Befreiung, ein besonderes Gefühl des Auflebens, des sich mitteilen können. Es war seine Art, Unsagbares in Bilder zu fassen und sie auszustellen.
Er war immer wieder aufs Neue überrascht.
Erstaunt und erfreut über die vielen Besucher seiner Wortgalerien, beeindruckt und berührt davon, wie andere seine Geschichten betrachteten, sie verstanden und mochten. Er konnte es oft nicht fassen, nahm ungläubig und verschüchtert die Resonanz auf seine Texte wahr, wusste gar nicht, wie ihm geschah, wenn sich andere in seinen Geschichten und Erzählungen wiederfanden, wenn sie ihm sagten, dass da eine ganz eigene, besondere Magie in seinen Texten sei, die die Menschen erreichte und etwas in ihnen auslöste, ihnen etwas gab. Er war stolz und dankbar für diese Wertschätzungen. Für jede einzelne.
Er schaut auf seine Hände.
Betrachtet jeden seiner Finger, berührt wieder sanft die Tasten, fühlt, dass etwas nicht mehr stimmt. Die Buchstaben warten darauf, dass er mit ihnen jongliert, sie flüstern ihm aufmunternd zu, wollen, dass er sie zusammenfügt, ihnen Leben einhaucht. So wie sonst auch. In seinem Kopf sind immer noch so viele Geschichten, so viele Erinnerungen und Gedanken, die niedergeschrieben werden möchten. Aber es ist, als hätte er keinen Kontakt, keinen Weg mehr, dies alles durch seine Finger in die Tastatur gleiten zu lassen. Traurig starrt er auf den weißen Bildschirm, weiß nicht, was geschehen sein könnte, horcht in sich hinein, fragend, suchend. Er findet keine Antwort, aber er ahnt, dass etwas verlorengegangen ist, spürt tief in sich, dass er nicht mehr kann, nicht mehr will.
Noch ein letztes Mal schaut er wehmütig auf die Buchstaben, die er so sehr liebte und die ihm so viel gegeben haben. Noch einmal streicht er zärtlich über die Tasten, unsicher und mit einem seltsamen, endgültigen Gefühl, das er sich nicht erklären kann und das ihn verwirrt, ihn schmerzt. Er weiß nicht, wann und warum ihm die Worte verlorengegangen sind, weshalb er auf einmal zweifelt, an sich und der Magie seiner Texte. Er weiß nur, dass er müde geworden ist.
So müde...






Kommentare
sehr mitreißender text... vom ersten bis zum letzten wort wunderschön zu lesen..
09.07.2007, 21:35 von cumuluswolkeWeiß genau, was du meinst. Manchmal fühlt man sich ziemlich müde und dann wollen die Worte nicht so richtig. Vor lauter Sprachlosigkeit fühlt man sich dann manchmal noch hilfloser.
18.06.2007, 09:19 von kate_netIch brauche meine Gedichte als Ausgleich. Eine Sprachblockade kann da schon recht schlimm sein.
Ich hab grade eben Versucht so was ähnliches zu schreiben. der ertse Absatz wäre auf jeden Fall ähnlich gewesen. Irgendwie Interressant
17.06.2007, 14:30 von Kleiner_OnkelIch glaube fest daran, dass man nichts verlieren kann, was tief in einem selbst ist.
21.03.2007, 23:42 von the_actresssie kommen wieder....ich habe dir auf deiner seite einen link geschickt...wenn ich das höre, dann fang ich an zu schreiben und die worte kommen...selbst wenn ich es nicht will...
21.03.2007, 14:29 von iananderson*
Es ist ein seltsam Ding um den, der sich ein „Schreiber“ nennt. Es drängt ihn dies zu tun, ja mehr noch, ein Schreiber, der nicht schriebe, was wäre der? Ein „Schweiger“? Und wenn er schweigt, was schweigt er dann? Nun denn, ein Schreiber der nicht schreibt, scheint nichts, denn das geschriebene erst, gibt ihm ein Gesicht. Das, was er schreibt, bringt ihn als solchen erst zum Sein. Schreibend entäußert er sich dessen, was zu schreiben ihn so drängt, so schreibt der Schreiber vor sich hin, leere Seiten anzufüllen, mit dem, was er so denkt und fabuliert. So läßt er denn aus seiner Phantasie Figuren und Geschichten wachsen, die die vorgestellte Welt beleben. Wenn seine Phantasien und Welten andere erreichen und beleben, ist er das was er ist. Ein Schreiber der auch ein Schweiger sein darf!
19.03.2007, 07:41 von CoraCora,-)
18.03.2007, 18:13 von PDKein gutbekanntes lied, ein alter nicht gar so guter freund, der blues, somehow...
lg
pdk
Es mag viel Geschriebenes übers Nichtschreibenkönnen geben, aber Dein Text ist der schönste!
18.03.2007, 16:57 von clara.tornovaDie Worte sind nicht verlorengegangen, sie sind nur woanders. Sie kommen wieder.
18.03.2007, 16:48 von clara.tornova