MsP. 17.12.2013, 16:15 Uhr 8 20

Unsichtbare Beobachterin

Stundenlang konnte sie einfach nur so dasitzen und Menschen beobachten.

Kleine und Große, gut aussehende und weniger gut aussehende. Gestresste und Entspannte, Verwirrte und Ziehlstrebige. Dicke und Dünne, Junge und Alte. Sie waren alle so unterschiedlich und das nicht nur in ihrem Aussehen. Jeder einzelne barg eine Geschichte, eine unbekannte Vergangenheit. Aus welchen Ecken und aus welchen Beweggründen sie auch immer hervorgekommen waren, und wie unterschiedlich sie sich auch sein mochten, eines hatten sie doch gemeinsam. Ihre Geschichten berührten sich. Sie berührten sich in genau dem Moment, da sie sich alle zur selben Zeit am selben Ort aufhielten. Ganz zufällig, oft nur für ein paar Sekunden und ohne, dass sie es wirklich wahrnahmen.

War es nicht verrückt, dass man oft mit wildfremden Menschen einen Moment gemeinsamer Vergangenheit teilte? ohne es zu wissen. Dass zwei unterschiedliche Individuen sich zufällig zur gleichen Zeit entschieden hatten, das Gleiche zu tun. Und nicht nur zwei, oft waren es ja hunderte und mehr. Rein logisch betrachtet war das ja absolut nichts besonderes. da war sie sich schon im Klaren darüber. Natürlich war man bei so vielen Menschen auf der Welt äußerst selten irgendwo ganz alleine und teilte somit andauernd Momente mit anderen. „Nur verpassen es die Meisten ganz einfach, diese Momente als solche überhaupt wahrzunehmen“, dachte sie.


Sie saß also da und beobachtete...

Da gab es den älteren Herrn, der zwei Parkbänke weiter saß, seine Hände auf einen Stock gestützt, eine Zeitung neben sich liegend und das Gesicht der Sonne zugewandt. Sein Gesicht faszinierte sie am Meisten. Die unzähligen kleinen Fältchen und die wettergegerbte, dunkle Haut erzählten von einem langen, anstrengenden Leben. Seine Augen jedoch, die waren so wach und lebendig, dass sie ihm eine ganz besondere Ausstrahlung von Freundlichkeit und Lebensfreude verliehen. „So will ich später auch mal auf einer Parkbank sitzen“, huschte es durch ihren Kopf.

Dann gab es da die zwei Kellnerinnen in dem nahen Café, die an einem so sonnigen und warmen Tag wie diesem alle Hände voll zu tun hatten. Auffallend war vor allem die große, braunhaarige, die immer laut lachend und fröhlich zwischen den Tischen umherwirbelte. Sie schien so ganz und gar mit sich und der Welt zufrieden. Ganz anders ihre Kollegin, die etwas kleiner und zierlicher war und die eher angestrengt bemüht ihr überladenes Tablett balancierte. „Irgendetwas bedrückt sie“, dachte sie. Es waren die kleinen Momente, wenn sie sich mit einem freundlichen „Vielen Dank und einen schönen Tag“ von einem Kunden verabschiedete, sich abwandte und ihr Lächeln für einen Augenblick in sich zusammen fiehl, sie innehielt und in die Leere schaute, bevor sie schlagartig ein neues Lächeln aufsetzte und zum nächsten Kunden ging. „An was sie in diesen Momenten wohl denkt?“

Von links konnte sie Kinder jauchzen, lachen und vergnügt umhertollen hören. Auch auf dem Spielplatz war an diesem sonnigen Frühlingstag natürlich die Hölle los.

Zwischen den ganzen fröhlichen Geräuschen war aber auch plötzlich ein Weinen zu vernehmen. Ein kleines Mädchen war von der Schaukel gefallen. „Kinder sind zu beneiden. Meistens, wenn sie weinen, hört es sich zwar so an, als würde die Welt untergehen und dann haben sie einen Moment später oft schon wieder vergessen, was eigentlich passiert ist“, dachte sie, als sie sah, wie dem Mädchen schon wieder ein Lächeln übers Gesicht huschte, als es bemerkte, dass nichts weiter schlimmes passiert war.

Ein bisschen abseits von den laut umhertobenden Kindern saß ein kleiner Junge im Sandkasten. Er hatte eine Brille mit dicken Gläsern auf, was seine ohnehin schon großen braunen Augen noch größer wirken ließ. Die anderen Kinder beachteten ihn gar nicht und so saß er ganz alleine im Sand und blickte nur immer verstohlen und sehnsüchtig zu den andern.

„Komm schon Kleiner, steh auf. Trau dich. Geh rüber zu den andern. Sprich sie einfach an. Denk nicht darüber nach, mach es einfach!“ dachte sie – laut gesagt hätte sie es nie.


Sie beobachtete. Und sie führte Gespräche in Gedanken, mit all den ihr fremden und doch vertrauten Personen. Sie saß nicht zum ersten Mal hier. Sie sah diese Personen nicht zum ersten Mal. Wie oft hatte sie sich schon neben den alten Mann gesetzt und seinen spannenden Geschichten aus früheren Zeiten gelauscht. Wie oft war sie schon an einem der Tische im Café gesessen und hatte versucht die traurig aussehende Kellnerin aufzumuntern. Wie oft war sie schon mit den Kindern über den Spielplatz getollt. Viele, viele tausende Male. 

In Gedanken.

In Wahrheit jedoch, so war sie sicher, würden die anderen sie nicht einmal erkennen. Sie war die unsichtbare Beobachterin – unbemerkt, unscheinbar, unsichtbar.


Sie ließ ihren Blick nach links schweifen. Der alte Mann wandte noch immer sein Gesicht der Sonne zu. Plötzlich öffnete er die Augen, drehte sein Gesicht und schaute sie an. Die kleinen Falten um seine Augen zogen sich zusammen, er lächelte. 

Er lächelte sie an.


[Der wunderschöne Text "Fremde Freunde" von execratedworld hat mich das hier in alten Notizen wiederfinden lassen - Danke!]


Tags: beobachten, schauen, Fremde
20

Diesen Text mochten auch

8 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Schon so oft erlebt, so oft darüber nachgedacht. In schöne Worte gehüllt :)

    03.02.2014, 19:10 von Mme_Butterfly
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Zuerst will ich einmal sagen. Schön. Ich hoffe dieser Text hat insofern etwas autobiographisches, als dass MsP selbst die Person ist, die diesen vielen Kleinigkeiten des Lebens einen wundervollen Wert gibt.

    Dieses Zitat:

    Ihre Geschichten berührten sich. Sie
    berührten sich in genau dem Moment, da sie sich alle zur selben Zeit
    am selben Ort aufhielten. Ganz zufällig, oft nur für ein paar
    Sekunden und ohne, dass sie es wirklich wahrnahmen.

    erinnert mich an meine Abschlussarbeit.
    Ich habe mich genau durch diese Art und Weise inspirieren lassen. Mir ist vor allem auch durch den Kopf, wie unfassbar krass die vielen Begegnungen sind, die man tagtäglich mit den Menschen macht.
    Deshalb, und nur kurz, hab ich eine Abschlussarbeit über die Begegnungen von Familie, Freunden und Fremden gemacht. Ich habe, etwas konkreter, die einzelnen Begegnugen photographisch festgehalten und zu einem Buch zusammengestellt.
    Was isch die schönste Erkenntnis finde ist: Fremde wurden zu Freunden. Und so war es schon immer. Nur war mir das noch nicht so wirklich bewusst.

    Damemitkamera dankt nochmals.

    25.12.2013, 19:15 von damemitkamera
    • 0

      ui, hört sich nach einer tollen Abschlussarbeit an! Wie spannend auch, dass du das fotographisch festgehalten hast, stell ich mir super interessant vor!

      27.12.2013, 12:59 von MsP.
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Gut. Soo gut. Da fang ich gleich wieder an zu träumen.
    So ergeht es mir immer während der fünfstündigen Zugfahrt zwischen Studium und Heimat. Aber leider nur dort. Diese Geschichten, Erlebnisse, ja Erfahrungen würde ich gerne mal im "Realen" erleben. An Sonntagen in den Großstadtpark schlendern, auf dem Weg dorthin alles durch meine Musik ausblenden, mich dann auf eine Bank setzen und beobachten. Ältere Herren anquatschen, sie einfach fragen, was sie so erlebt haben, wie sie es erlebt haben. Ich finds so spannend und aufschlussreich. Die Dinge von früher aus einer anderen Sicht erleben. Nicht nur die Sicht des eigenen Opas.

    23.12.2013, 00:55 von DerWesir
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön beschrieben und geschrieben :-)
    ich frag mich ja oft ob man mit einigen fremden öfter momente teilt oder ob man leute die man heute kennt früh schon mal unbewusst getroffen hat....

    20.12.2013, 19:48 von LennyL
    • 1

      Danke! Ich hab immer so ein Bild im Kopf, wie eine Weltkarte, auf der jeder Mensch eine Linie hinterlässt, in einer anderen Farbe, und die Linien kreuzen sich, wandern umeinander umher, gehen manchmal eine Weile zusammen.. :-) ich find das spannend! 

      20.12.2013, 23:57 von MsP.
    • 1

      bei mir ist es eine Karte wie von einem U-Bahnnetz.... ;-D oh mann ich hab  so langsam das gefühl so denken bestimmt noch viel mehr ;-)

      21.12.2013, 09:40 von LennyL
    • 1

      haha.. jaaa, sehr wahrscheinlich sogar!

      27.12.2013, 12:56 von MsP.
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare