Und am Anfang fanden wir's noch lustig
Als die Erde angefangen hat zu beben, hatte ich Mathe. Gibt's was Schöneres? Mathe-Zeit verschwenden durch ein kleines Erdbeben.
Als die Erde angefangen hat zu wackeln, hatte ich Mathe.
Stochastik.
Es waren nur noch 3 Minuten bis zum Unterrichtsschluss, aber ich war für jede Minute Unterrichtsverschwendung dankbar.
Es war eigentlich alles so wie immer, wenn ein Erdbeben während der Schulzeit war. Wir schauten uns alle an und sagten 'Oh.. Erdbeben.. habt ihr das auch gespürt?', aber keiner machte Anstalten, sich unterm Tisch zu verkriechen. Stattdessen grinsten wir. Auch als unser Oberstufenleiter durch die Gänge 'Alle unter die Tische!!' rief, grinsten wir.
'Unnötig.. sobald wir unter dem Tisch sind, hat's doch sowieso wieder aufgehört', dachte ich mir. Aber als wir unter den Tischen saßen, ging das Rütteln weiter.
Manche standen auch unter den Türrahmen. Unsicher schaute ich meinen Sitznachbarn an. Das Beben wurde stärker. Es war nicht so ein Oben-Unten-Beben, sondern horizontal. Ich hielt mich am Arm meines Sitznachbarn fest. Ich hatte nicht wirklich Angst. Ich wusste ja, dass das Schulgebäude zu den sichersten in der Umgebung zählte. Aber es kam so plötzlich. Und hielt so lange an. Keine Ahnung, wie lange das in Wirklichkeit war, aber es kam mir vor wie ein paar Minuten. Die Erdbeben, die ich kannte, hielten vielleicht 20 Sekunden. Wenn überhaupt. Langsam ließ das Beben nach, aber wir schwankten. Als würde man einen im Kinderwagen hin- und herwiegen. "Okay, ihr könnt euch alle wieder hinsetzen", meinte unser Lehrer. "NEIN!", unterbrach ihn eine Freundin von mir. "Es wackelt noch!" . Sie hasst Mathe genauso wie ich. Ich grinste wieder leicht.
Aber dann fing es wirklich noch mal an zu wackeln. Unsere Jalousien waren unten. Wir hassen alle das 'Öko-Licht', deshalb war es aus und im Klassenzimmer war es relativ dunkel. Die aufgeklappte Tafel knallte immer wieder gegen die Wand und machte alles irgendwie dramatisch. Ich schloss die Augen. Ich hatte immer noch keine wirkliche Angst, aber wirklich genießen konnte ich das Erdbeben auch nicht.
Ich sah nach links. Meine Freundin weinte.
Genau wie viele andere, wie ich feststellte, als sich die ganze Schule auf dem Sportplatz versammelte. Sowohl Leute aus den Grundschulklassen als auch welche aus dem Abiturjahrgang.
Wir stehen alle in einer Reihe. Alphabetisch natürlich. Nachdem unsere Anwesenheit überprüft wurde, standen wir alle einfach nur da.
Ich tröstete meine freundin. Andere unterhielten sich, ein paar spielten Fußball.
Ich ging zu einer Gruppe von 9.-Klässlern, die sich um ein Handy versammelt hatten, um Fernsehen zu gucken.
Wir sahen Bilder von überschwemmten Häusern, von brennenden Häusern, von eingestürzten Häusern. "Wo ist das?", fragte ich beiläufig und erwartete 'Sendai' .
"Das is in Chiba". Und da fing ich langsam an, zu realisieren, dass es diesmal nichts war, was mich nicht betraf. dass es diesmal nicht 'nur' so war, dass ich die Bilder der Folgen des Erdbebens im Fernsehen sehen und 'oh mein Gott' denken würde.
In Chiba wohnt meine Oma. In einem alten japanischen Holzhaus.
Scheiße.
Wir sind dann alle irgendwann in die Aula gegangen. Es gab kein Licht, die Toiletten waren wegen des fehlenden Wassers vollgepisst und es war kalt.
Durch das Notstromaggregat konnten wir ein paar Scheinwerfer-artige Lampen anmachen. Wir wurden darauf vorbereitet, die Nacht in der Schule zu verbringen. War dann aber doch nicht der Fall. Gegen 22 Uhr konnten die Schulbusse alle heimbringen.
Gestern Abend dachte ich, dass heute schon wieder alles normal sein wird.
In Tokyo zumindest.
Und jetzt hör ich die ganze Zeit von Cäsium und Wasserstoffexplosionen.
Und auf einmal hab ich Angst.
Nicht nur um meine Oma. Ich kann sie nicht erreichen, aber irgendwie denkt man doch immer, dass schon nichts Schlimmes passiert sein wird. Oder?
Ich hab einfach Angst.
Vorhin waren die Straßen voll mit Menschen. Alles Menschen, die einkaufen gegangen sind um sich das zu holen, was sie noch kriegen konnten. Die Geschäfte sind jetzt alle so gut wie leer. Man hat die ganze Zeit Helicopter und Sirenen gehört. Immer wieder gab es Beben. Mal schwächer, mal weniger schwach. Und diese Beben sind wie Psychoterror.
Jetzt sind die Straßen wie ausgestorben.
In manchen Stadtteilen gibt es (wie ich von Freunden erfahren hab) Durchsagen. Alle sollen vorsichtshalber die Fenster geschlossen halten. Es wird wahrscheinlich der Strom demnächst abgestellt.
Ein paar meiner Freunde sind schon Richtung Süden gefahren. (Wie auch immer sie das geschafft haben, die Autobahnen müssen verstopft sein). Aber der Großteil ist hier.
Über Facebook tauschen sich alle über die neuesten Nachrichten aus.
Irgendwas ist explodiert. 2 Züge sind verschwunden. Hunderte Tote wurden angeschwemmt. Tausende werden vermisst.
Und das ist einfach alles so surreal. Wie ein schlechter Katastrophenfilm, bei dem auf einmal jede Kacke zu einem Zeitpunkt passiert und man sich nur 'ja sicher' denkt.
Und diese Mischung von Ungläubigkeit und Schiss ist einfach nur zum Kotzen.
Ich weiß, dass dieser Text grammatikalisch und stilistisch totaler Müll ist. Aber ich bin grad (bzw. ... überhaupt) nicht wirklich in der Lage, irgendwas Gutes zu schreiben. Das ist einfach das, was grad in meinen Sinn kommt und das was hier irgendwie passiert.
Das is aus dem Stand von Tokyo aus gesehn.
Im Norden ist alles viel schlimmer.






Kommentare
Liebe Mukku, Japan ist hier und wir sind in Japan.
18.03.2011, 10:08 von StefanFicusDie Welt ist enger zusammengewachsen seit ein paar Tagen. Nicht wegen der Sensationslust! Wir fibern mit Eurem Eifer, mit Eurer Kraft, mit Eurem Durchhalten.
Wir gucken nicht wirklich alle "besorgt" auf unsere paar AKWs, die doch sehr sicher vor Naturgewalten sind. Wir begreifen aber unsere Probleme zunehmend als Menschheitsprobleme - und diese bekommen durch jeden einzelnen Japaner im Fernsehen, auf neon oder sonstwo ein ganz neues Gesicht. Überhaupt ein Gesicht!
Ich bin froh über die Hilfen - vor allem aus Ländern wie China und den USA. Alte, dumme Feindschaften oder Rivalitäten werden am besten durch Taten begraben.
Ein bisschen ist es wie bei der Mondlandung: wir begreifen die Welt ein stück globaler.
Zurück zu Dir, Mukku. Wir sind in Deiner Nähe, auch wenn Du Dich mal ganz schrecklich einsam fühlst!
Btw. zum Schreibstil: Authentischer kann ein Text nicht sein als der, den Du Dir da von der Seele geschrieben hast!
Es grüßt Dich und Euch ganz lieb, Stefan.
Liebe Mukku, ich wünsche dir viel Glück und allen, die bei dir sind. Wie schrecklich, das Menschen, die unsere Freunde sein könnten, so leiden. Wir hören ihre Schreie in unserem Kopf. Wenn wir dir irgendwie helfen können, sag wie! Wir werden alles versuchen!
13.03.2011, 15:14 von DerschlaueIngwerkeksalso ich fand den Text garnicht so schlecht, endlich mal ein guter ehrlicher Augenzeugenbericht!
13.03.2011, 15:07 von whatajuliaObwohl wie du selbst schreibst der Text nicht gerade die höhe der Schreibkunst ist, berührt er doch irgendwie einen. Es liest sich einfach 'echt' und 'ehrlich'.
13.03.2011, 14:41 von XeonIch hoffe du und deine Verwandten überstehen das ganze heil. Was zur Zeit passiert ist wirklich 'krass'.
Krass!!
12.03.2011, 20:13 von missbutterfly400Danke, für den sehr intensiven Text. Vor einigen Wochen habe ich ein Minierdbeben in Koblenz erlebt. Da haben die Wände ca. eine Sekunde lang vielleicht nur 2 cm gewackelt und es hat mich schon sehr irritiert. Diese dumpfe Grollen fand ich besonders gruselig. Um wie viel mehr muss es bei so einem heftigen Beben sein.
12.03.2011, 18:31 von FreydisMan denkt immer, die Erde ist fest und sicher und plötzlich wird dieses Urvertrauen erschüttert.
@Freydis ich kann nur hoffen das tokyo verschont bleibt.
12.03.2011, 19:23 von Apfeldieb_Von hier aus muss man ja ganz klar sagen, wenn das wie tschernobyl wird würde ich schleunigst zusehen da raus zu kommen.
Oh mein Gott!!
12.03.2011, 17:54 von rakastansuomeaIch bin gerade im Ausland und habe deswegen von den Beben und dem Tsunami erst total spät etwas mitbekommen und mir war bis gestern Abend noch gar nicht bewusst, welche Ausmaße das alles wirklich hat und es wird ja leider wohl auch noch viele weitere schreckliche Nachrichten geben...
Aber auch ich wünsche dir (und allen anderen!!), dass alles wieder gut wird und zwar so schnell wie möglich! Ich war echt geschockt, als ich gestern Bilder gesehen habe.... und dein Text... das war ja beim Lesen schon heftig! Vielen Dank für den Text und alles gute!!
danke für die kommentare und glückwünsche, das bedeuted mir wirklich viel!
12.03.2011, 12:55 von MukkuDanke dass Du Deine Eindrücke, Gedanken und Gefühle hier mit uns teilst! Dein Text verursacht auch bei mir Gänsehaut...
12.03.2011, 12:38 von amidalaDu hast schon recht: So lange man nicht betroffen ist, wird einem das Leid der Menschen nicht bewusst. Umso wichtiger ein Text wie der Deine, der uns mitfühlen lässt und uns für einen Moment in Deine Situation versetzt. Auch ohne Reporter dabei, der Dich fragt, ob Du nicht jemanden kennst, den es "richtig" schlimm erwischt hat. Habe ich gestern so im Radio gehört (der Moderator hatte auch eine deutsche Studentin in Tokyo am Hörer) und war schockiert, weil es das individuelle Leid herabstuft und vor Sensationsgeilheit nur so strotzt...
Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute, hoffe, dass es Deiner Oma gut geht und dass Du und Deine Lieben gut durch die nächste Zeit kommt, sowohl physisch als auch auch psychisch... So weit ich das verstehe, wird das Land noch eine ganze Weile brauchen, bevor alles wieder in geregelten Bahnen verläuft.
ich wünsche dir und deiner oma,deiner familie auch alles erdenklich gute und kraft das zu überstehen... es ist wirklich so das man oft denkt wenn so etwas in den nachrichten läuft..ach es ist ja so weit weg...aber wenn du jetzt da mittendrin bist empfindest du natürlich ganz anders....
12.03.2011, 12:06 von Vanilleloverz