Unbekannte Teilnehmer
Sie ruft nicht wieder an. Ich beginne, sie zu mystifizieren.
Das Grauen lauert, als sich meine Augen
langsam öffnen. "Das Leben hat fatale Tiefen", sagt die Stimme in
meinem Kopf. Ich drehe mich zur Seite und frage "Ist da der
Tod?"
"Nein, nur dein Handy, du Penner, jetzt geh mal ran."
Ich greife auf den Nachttisch,
vergesse im Dämmerzustand, vorher auf das Display zu schauen, meine geschundene
Stimme krächzt meinen Namen in den Hörer.
Ich höre: "Hallo!"
"Hallo? Bin ich Wahrsager? Wer ist da?"
"Na? Erkennst du
meine Stimme nicht?"
Ich hasse Spielchen. Menschen, die an den Realitäten meines Alltags vorbei anrufen, früh morgens, und sich einbilden, sie seien derart wichtig, dass ich sie sofort erkenne. Es gibt ja bloß siebenmilliarden Menschen. Welcher von denen besitzt eine derart dreiste Selbsteinschätzung?
"Mutter?",
frage ich aber die Stimme lacht mich nur an.
"Wollen sie mir sagen, dass ich bei einem Gewinnspiel mitgemacht habe und
leider noch nichts gewonnen habe, sie mir stattdessen aber ein ganz tolles
Zeitungsabo anbieten, bei dessen Abschluss ich zwei Wochen lang Lotto zum
Vorzugspreis spielen darf?"
"Nein!"
"Nein?", krächze ich.
"Du weißt wirklich nicht, wer dran ist?"
"Der Tod vielleicht? Ich hab sie schon erwartet."
"Du bist immer noch so verrückt..."
"Manche Dinge ändern sich nie... wie war noch gleich Dein Name?"
"Den hast du vergessen...."
"Ich vergess mich hier gleich wirklich..."
Rauschen in der Leitung. Aufgelegt.
Ich stehe im Bett. Mein
Puls schnellt hoch auf rasante 62 Schläge.
Blick auf das Display. "Unbekannter Teilnehmer."
"Unseriös", sag ich und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche.
Meine Stimme löst sich allmählich.
Ein Bein ist wach, das
anderes schläft. So humpel ich in die Küche runter.
"Was war das denn da vorhin für ein Telefonat?"
Ich schaue meinem Mitbewohner ins Gesicht.
"Was?"
"Das Telefonat da gerade vorhin, ich hab es bis in den Flur
gehört..."
"Ach, das war der Tod..."
"Und was wollte er?"
"Falsch verbunden."
"Ach so."
Ich kraule meinen Kopf, gähne, zwinker durch das Küchenfenster ins Morgenlicht. Schaue zurück zu ihm, beruhige mich.
"Das war nicht
einfach der Tod..."
"Ach nein?"
"Das war der unterdrückte Tod. Und weil der unterdrückte Tod so eine feige
Sau ist, hab ich ihm gedroht, ich könnte mich gleich vergessen. Da hat er
lieber aufgelegt."
"Nicht, dass er an der anderen Seite der Leitung jetzt wartet, bis du
wieder anrufst und dann: Zack! Schon bist du weg vom Fenster."
Meint er das ernst? Wir schauen einander gegenseitig mit hochgezogenen
Augenbrauen an.
Dann blicke ich erneut auf mein Handy. 10:31.
Vielleicht hat er ja Recht... vielleicht lauert ja wirklich der Tod auf der
anderen Seite und dann, Zack, bin ich weg.
Fünf Minuten vergehen.
Ich kann mich
glücklicherweise davon überzeugen, dass es ja gar nicht der Tod war, der mich anrief
und dass ich das nur erzählt habe, um Verwirrung zu stiften.
Das passiert mir öfter. Ich rede Menschen etwas ein und bin am Ende der einzige,
der daran glaubt. Dem letzten Mitbewohner hab ich einen Monat lang eingeredet,
es gäbe mich nicht, er sei schizophren gestört und säße in einem Gebüsch,
während er Selbstgespräche führt. Der wohnt aber mittlerweile in Berlin. Glaube
ich.
Ruft mich so eine
anonyme Scheißkuh morgens an, ich weiß nicht wer dran ist und kann an nichts
Gescheites denken. Der Tag ist grundsätzlich gelaufen: Ich sitze vor dem Handy und
warte, dass die Stimme vielleicht doch noch einmal anruft und wenn es der Tod ist,
dann erwarte ich, dass er sich mir fair gegenüberstellt und wir die Sache aus
der Welt schaffen.
"Willst du dich nicht mal anziehen?" sagt der Mitbewohner um 16:40, „gleich
kommt Taff auf Prosieben.
"Kleidung wird überbewertet."
Er schnalzt mit der Zunge.
"Ja, sorry... Ich zieh mich gleich an, keine Sorge.“
So kommt es dann.
Auch drei Gläser Aspartambrause ändern nichts an meiner Laune. Regen klopft gegen die Scheibe, die Welt
existiert es einfach weiter vor sich hin, doch die Stimme - sie ruft nicht
wieder an. Ich beginne, sie zu mystifizieren. Es war eine Frauenstimme,
lieblich, sanft, vielleicht erotisch.
Welcher Geist aus meiner Vergangenheit konnte mich da nicht vergessen und
wollte zurückkommen, um mich zu holen, es mit mir tagelang zu treiben, mich in
ihr Loft nach Hamburg entführen oder nach Stockholm? Vielleicht hat sie
Arsenale an Vinyl mit den besten Songs, die ich noch nicht kenne und wir hätten
wochenlang im Schlafzeug auf dem Boden gesessen und bei einer Tüte
kühlschrankgekühlter Kinderschokobons "Boah, kennste das schon?"
gespielt.
Wir hätten uns ganz sicher als Penner verkleidet, wären zum Studentensekretariat an der Universität gegangen und hätten gesagt, dass wir uns nach erfolgreicher mittlerer Reife jetzt für die gehobene Laufbahn im Bildungsssektor interessieren. Wären in ein Feminismusseminar gegangen um in der ersten Reihe sitzend Leckmuscheln zu naschen.
Aber die Stimme ruft nicht wieder an. Die Zeit bleibt nicht stehen und irgendwann sitzt wieder ein Glas Gin-Schweppes an meiner Kehle und ich versuche herunterzuspielen, worüber ich mir den ganzen Tag lang Gedanken machte.
"Was hätten wir alles erreichen können, wir Partners in Crime", seufze ich in meinen isotonischen Longdrink. Und beschließe, ich mache mein Glück lieber nicht von ihr abhängig sondern schnalle meine Tanzschühchen und sinke hinab ins Nachtleben. Der schwache Trost der Provinz.
Das Spiel, das keines ist. Bier und Smalltalk, der mich nicht verändert und mein Gegenüber ebenso wenig. Wenn man sich nicht verändert, braucht man dafür keinen Grund. Das ist wenigstens beruhigend. Ich rede mit einer Frau, wir verstehen uns auf unser Dasein als Dagebliebene, als verklumpte Helden der Heimat. Sie rückt ihre Brille zurecht, wir spüren, dass es auf Trostsex hinauslaufen könnte, wenn wir uns ans Protokoll halten und keiner etwas Dummes sagt. Dann spüre ich meine Hose. In der Tasche vibriert es. Ich greife hinein, ziehe mein Handy, sie blickt mich irritiert an, ich blicke irritiert auf mein Handy. Denke „Scheiße“, denke „Doch noch. Sowas.“
"Einen Moment", sag ich. Sie nickt und nippt.
Es ist die Stimme.
"Hallo. Erinnerst
du dich jetzt an mich?"
"Hey. Ich hab den ganzen Tag auf dich gewartet..."
"Und? Erinnerst du dich?"
In diesem Moment schaut mich die kleine Süße ungeduldig an und ich winke ihr
ab.
"Nein. Aber ich bin zu allen Schandtaten bereit... sag mir bloß endlich
deinen Namen."
"Du hast mal gesagt, Stillstand sei der Tod... "
"Und du bist?"
"Der Tod."





Kommentare
Der Tod ist also eine Frau...
Gefällt mir grundsätzlich gut, aber der Mittelteil ist too much. Schließe mich meinen Vorrednern an.
Ansonsten: guter Anfang, gute Rückführung und schöne "Details", wie z.B.
und
Mag ich!
25.02.2013, 18:35 von breitscheidtGing mir mit dem Mittelteil ähnlich wie Pixie, bzw. hätt's den für mich auch einfach nich so ausführlich gebraucht, aber sonst gutes Ding.
16.02.2013, 17:00 von Juliie"Unseriös". Meine Rede!
Gutes Feedback, ich schau mal, ob man etwas sinnvoll kürzen kann.
16.02.2013, 17:32 von MisterGambitich hab die kürzung übrigens vollzogen und würde mich über deine meinung dazu freuen
15.03.2013, 21:33 von MisterGambitYeah, ich bin verzückt! Hab ihn jetzt nochmal im Ganzen gelesen und find' das jetzt tatsächlich genau richtig dosiert. Also für meine Wenigkeit jetzt ein sowieso gutes und sehr rundes Ding.
15.03.2013, 22:30 von JuliieIch hab ihn erstmal ruhen lassen und dann wurde mir schnell an betroffenen Passagen klar, dass eure Kritik berechtigt war und auch, woran sich das ungefähr festmachen lässt.
15.03.2013, 22:34 von MisterGambitAber gut selektiert, sicherlich ne schwierige Sache.
15.03.2013, 22:37 von JuliieEs geht so. Alles rausstreichen, was eindeutig in die Kategorie "Fishing for laughter" ist und mit dem Text nicht wirklich was zutun hat.
15.03.2013, 22:39 von MisterGambitHehe. Trotz meines eigenen unseriösen Dilettantismus kann ich absolut nachvollziehen, was du meinst.
15.03.2013, 22:51 von JuliieDer Mittelteil ist halt so Dein Romantik-Schema-F.
Sehe ich sofort ein. Ich versuch, dass ich da erstmal nicht wieder auf mich selber reinfalle. Fun Fact: Ich nenne das übrigens das Hornby-Syndrom, wenn man anfängt, immer wieder das gleiche zu schreiben im anderen Gewand. Vielleicht bin ich im Moment damit infiziert.
16.02.2013, 13:36 von MisterGambitja, den text mag ich.
16.02.2013, 05:16 von iwontleavedanke!
Schön, sowas am frühen Morgen versüßt den Tag.
15.02.2013, 08:25 von halbkindmfDiskutiere nie mit dem Tod. Er ist ein Spieler und hat immer die besseren Karten.
14.02.2013, 20:29 von jetsamdein guter alter freund..hi
Stillstand ist der Tod. Hab trotzdem bis zum Ende gelesen, Pointe sitzt.
14.02.2013, 19:14 von EliasRafaelHmmmmmm, Leckmuscheln....
14.02.2013, 18:28 von Bender018danke, ich lieb deinen staubtrockenen humor und hab herrlich gelacht beim lesen!!! :D
14.02.2013, 18:05 von Kiwanuschkakonnte den protagonisten mitsamt schlafdress und aspartambrause wunderbarst vor meinem geistigen auge sehen.. und stellenweise erinnerte mich der text an "ich will auch eine freundin". absicht?
nur der schluss.. nä.. den mocht ich jetzt nich so.
ich klau bei mir selbst
14.02.2013, 18:57 von MisterGambit