MisterGambit 14.02.2013, 17:29 Uhr 20 31

Unbekannte Teilnehmer

Sie ruft nicht wieder an. Ich beginne, sie zu mystifizieren.

Das Grauen lauert, als sich meine Augen langsam öffnen. "Das Leben hat fatale Tiefen", sagt die Stimme in meinem Kopf. Ich drehe mich zur Seite und frage "Ist da der Tod?" 
"Nein, nur dein Handy, du Penner, jetzt geh mal ran."

 

Ich greife auf den Nachttisch, vergesse im Dämmerzustand, vorher auf das Display zu schauen, meine geschundene Stimme krächzt meinen Namen in den Hörer. 
Ich höre: "Hallo!"
 
"Hallo? Bin ich Wahrsager? Wer ist da?"
 

"Na? Erkennst du meine Stimme nicht?" 

Ich hasse Spielchen. Menschen, die an den Realitäten meines Alltags vorbei anrufen, früh morgens, und sich einbilden, sie seien derart wichtig, dass ich sie sofort erkenne.  Es gibt ja bloß siebenmilliarden Menschen. Welcher von denen besitzt eine derart dreiste Selbsteinschätzung? 

"Mutter?", frage ich aber die Stimme lacht mich nur an. 
"Wollen sie mir sagen, dass ich bei einem Gewinnspiel mitgemacht habe und leider noch nichts gewonnen habe, sie mir stattdessen aber ein ganz tolles Zeitungsabo anbieten, bei dessen Abschluss ich zwei Wochen lang Lotto zum Vorzugspreis spielen darf?"
 
"Nein!"
 
"Nein?", krächze ich.
 
"Du weißt wirklich nicht, wer dran ist?"
 
"Der Tod vielleicht? Ich hab sie schon erwartet."
 
"Du bist immer noch so verrückt..."
 
"Manche Dinge ändern sich nie... wie war noch gleich Dein Name?"
 
"Den hast du vergessen...."
 
"Ich vergess mich hier gleich wirklich..."
 
Rauschen in der Leitung. Aufgelegt.

Ich stehe im Bett. Mein Puls schnellt hoch auf rasante 62 Schläge.  
Blick auf das Display. "Unbekannter Teilnehmer."
 

"Unseriös", sag ich und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. Meine Stimme löst sich allmählich.

Ein Bein ist wach, das anderes schläft. So humpel ich in die Küche runter. 
"Was war das denn da vorhin für ein Telefonat?"
 
Ich schaue meinem Mitbewohner ins Gesicht.
 
"Was?"
 
"Das Telefonat da gerade vorhin, ich hab es bis in den Flur gehört..."
 
"Ach, das war der Tod..."
 
"Und was wollte er?"
 
"Falsch verbunden."
 
"Ach so."

Ich kraule meinen Kopf, gähne, zwinker durch das Küchenfenster ins Morgenlicht. Schaue zurück zu ihm, beruhige mich.

"Das war nicht einfach der Tod..."
"Ach nein?"
 
"Das war der unterdrückte Tod. Und weil der unterdrückte Tod so eine feige Sau ist, hab ich ihm gedroht, ich könnte mich gleich vergessen. Da hat er lieber aufgelegt."
 
"Nicht, dass er an der anderen Seite der Leitung jetzt wartet, bis du wieder anrufst und dann: Zack! Schon bist du weg vom Fenster."
 
Meint er das ernst? Wir schauen einander gegenseitig mit hochgezogenen Augenbrauen an.
 
Dann blicke ich erneut auf mein Handy. 10:31.
 
Vielleicht hat er ja Recht... vielleicht lauert ja wirklich der Tod auf der anderen Seite und dann, Zack, bin ich weg.

Fünf Minuten vergehen.

Ich kann mich glücklicherweise davon überzeugen, dass es ja gar nicht der Tod war, der mich anrief und dass ich das nur erzählt habe, um Verwirrung zu stiften. 
Das passiert mir öfter. Ich rede Menschen etwas ein und bin am Ende der einzige, der daran glaubt. Dem letzten Mitbewohner hab ich einen Monat lang eingeredet, es gäbe mich nicht, er sei schizophren gestört und säße in einem Gebüsch, während er Selbstgespräche führt. Der wohnt aber mittlerweile in Berlin. Glaube ich.

Ruft mich so eine anonyme Scheißkuh morgens an, ich weiß nicht wer dran ist und kann an nichts Gescheites denken. Der Tag ist grundsätzlich gelaufen: Ich sitze vor dem Handy und warte, dass die Stimme vielleicht doch noch einmal anruft und wenn es der Tod ist, dann erwarte ich, dass er sich mir fair gegenüberstellt und wir die Sache aus der Welt schaffen. 
"Willst du dich nicht mal anziehen?" sagt der Mitbewohner um 16:40, „gleich kommt Taff auf Prosieben.
 
"Kleidung wird überbewertet."
 
Er schnalzt mit der Zunge.
 
"Ja, sorry... Ich zieh mich gleich an, keine Sorge.“
 
So kommt es dann.
 

Auch drei Gläser Aspartambrause ändern nichts an meiner Laune.  Regen klopft gegen die Scheibe, die Welt existiert es einfach weiter vor sich hin, doch die Stimme - sie ruft nicht wieder an. Ich beginne, sie zu mystifizieren. Es war eine Frauenstimme, lieblich, sanft, vielleicht erotisch.
 
Welcher Geist aus meiner Vergangenheit konnte mich da nicht vergessen und wollte zurückkommen, um mich zu holen, es mit mir tagelang zu treiben, mich in ihr Loft nach Hamburg entführen oder nach Stockholm? Vielleicht hat sie Arsenale an Vinyl mit den besten Songs, die ich noch nicht kenne und wir hätten wochenlang im Schlafzeug auf dem Boden gesessen und bei einer Tüte kühlschrankgekühlter Kinderschokobons "Boah, kennste das schon?" gespielt.

Wir hätten uns ganz sicher als Penner verkleidet, wären zum Studentensekretariat an der Universität gegangen und hätten gesagt, dass wir uns nach erfolgreicher mittlerer Reife jetzt für die gehobene Laufbahn im Bildungsssektor interessieren. Wären in ein Feminismusseminar gegangen um in der ersten Reihe sitzend Leckmuscheln zu naschen.

Aber die Stimme ruft nicht wieder an. Die Zeit bleibt nicht stehen und irgendwann sitzt wieder ein Glas Gin-Schweppes an meiner Kehle und ich versuche herunterzuspielen, worüber ich mir den ganzen Tag lang Gedanken machte.

"Was hätten wir alles erreichen können, wir Partners in Crime", seufze ich in meinen isotonischen Longdrink. Und beschließe, ich mache mein Glück lieber nicht von ihr abhängig sondern schnalle meine Tanzschühchen und sinke hinab ins Nachtleben. Der schwache Trost der Provinz.

Das Spiel, das keines ist. Bier und Smalltalk, der mich nicht verändert und mein Gegenüber ebenso wenig. Wenn man sich nicht verändert, braucht man dafür keinen Grund. Das ist wenigstens beruhigend. Ich rede mit einer Frau, wir verstehen uns auf unser Dasein als Dagebliebene, als verklumpte Helden der Heimat. Sie rückt ihre Brille zurecht, wir spüren, dass es auf Trostsex hinauslaufen könnte, wenn wir uns ans Protokoll halten und keiner etwas Dummes sagt. Dann spüre ich meine Hose. In der Tasche vibriert es. Ich greife hinein, ziehe mein Handy, sie blickt mich irritiert an, ich blicke irritiert auf mein Handy. Denke „Scheiße“, denke „Doch noch. Sowas.“


"Einen Moment", sag ich. Sie nickt und nippt.

Es ist die Stimme.

"Hallo. Erinnerst du dich jetzt an mich?" 
"Hey. Ich hab den ganzen Tag auf dich gewartet..."
 
"Und? Erinnerst du dich?"
 
In diesem Moment schaut mich die kleine Süße ungeduldig an und ich winke ihr ab.
 
"Nein. Aber ich bin zu allen Schandtaten bereit... sag mir bloß endlich deinen Namen."
 
"Du hast mal gesagt, Stillstand sei der Tod... "
 
"Und du bist?"
 
"Der Tod."

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20 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Der Tod ist also eine Frau...

    Gefällt mir grundsätzlich gut, aber der Mittelteil ist too much. Schließe mich meinen Vorrednern an.
    Ansonsten: guter Anfang, gute Rückführung und schöne "Details", wie z.B.

    Ein Bein ist wach, das
    anderes schläft. So humpel ich in die Küche runter.
     
    und

    "Ach, das war der Tod..." 

    "Und was wollte er?"
     

    "Falsch verbunden."
     

    "Ach so."

    Mag ich!

    25.02.2013, 18:35 von breitscheidt
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  • 0

    Ging mir mit dem Mittelteil ähnlich wie Pixie, bzw. hätt's den für mich auch einfach nich so ausführlich gebraucht, aber sonst gutes Ding.

    "Unseriös". Meine Rede!

    16.02.2013, 17:00 von Juliie
    • 2

      Gutes Feedback, ich schau mal, ob man etwas sinnvoll kürzen kann.

      16.02.2013, 17:32 von MisterGambit
    • 0

      ich hab die kürzung übrigens vollzogen und würde mich über deine meinung dazu freuen

      15.03.2013, 21:33 von MisterGambit
    • 0

      Yeah, ich bin verzückt! Hab ihn jetzt nochmal im Ganzen gelesen und find' das jetzt tatsächlich genau richtig dosiert. Also für meine Wenigkeit jetzt ein sowieso gutes und sehr rundes Ding.

      15.03.2013, 22:30 von Juliie
    • 1

      Ich hab ihn erstmal ruhen lassen und dann wurde mir schnell an betroffenen Passagen klar, dass eure Kritik berechtigt war und auch, woran sich das ungefähr festmachen lässt.

      15.03.2013, 22:34 von MisterGambit
    • 0

      Aber gut selektiert, sicherlich ne schwierige Sache.

      15.03.2013, 22:37 von Juliie
    • 0

      Es geht so. Alles rausstreichen, was eindeutig in die Kategorie "Fishing for laughter" ist und mit dem Text nicht wirklich was zutun hat.

      15.03.2013, 22:39 von MisterGambit
    • 0

      Hehe. Trotz meines eigenen unseriösen Dilettantismus kann ich absolut nachvollziehen, was du meinst.

      15.03.2013, 22:51 von Juliie
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  • 0

    Der Mittelteil ist halt so Dein Romantik-Schema-F.

    Da würde ich mir echt mal ein bisschen Abwechslung wünschen.
    Deshalb nur ganz nett.

    16.02.2013, 10:58 von Pixie_Destructo
    • 0

      Sehe ich sofort ein. Ich versuch, dass ich da erstmal nicht wieder auf mich selber reinfalle. Fun Fact: Ich nenne das übrigens das Hornby-Syndrom, wenn man anfängt, immer wieder das gleiche zu schreiben im anderen Gewand. Vielleicht bin ich im Moment damit infiziert.

      16.02.2013, 13:36 von MisterGambit
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  • 0

    ja, den text mag ich.
    danke!

    16.02.2013, 05:16 von iwontleave
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  • 0

    In ein
    Feminismus-seminar gehen um in der ersten Reihe sitzend Leckmuscheln zu
    naschen.



    Wir hätten auch
    versuchen können, eine The Killers Coverband zu gründen und deren Songs im Rolf
    Zuckowski-Stil zu interpretieren.
    Somebody told me
    that you had a Jahresuhr, When we were in the Weihnachtsbäckerei oder Mr.
    Zebrastreifen.


    Schön, sowas am frühen Morgen versüßt den Tag.

    15.02.2013, 08:25 von halbkindmf
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  • 0

    Diskutiere nie mit dem Tod. Er ist ein Spieler und hat immer die besseren Karten.

    14.02.2013, 20:29 von jetsam
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  • 0

    dein guter alter freund..hi


    14.02.2013, 19:54 von TNT
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  • 0

    Stillstand ist der Tod. Hab trotzdem bis zum Ende gelesen, Pointe sitzt.

    14.02.2013, 19:14 von EliasRafael
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  • 0

    Hmmmmmm, Leckmuscheln....

    14.02.2013, 18:28 von Bender018
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2
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