andreaskuhn 30.01.2010, 09:58 Uhr 0 2

Un Voyage

Start bei km-Stand 92.219. Er ist 17 Jahre alt, dieser kantige Volkswagen. Augenscheinlich aus Bestandteilen etlicher verblichener Brüder geschraubt,

... hier geflickt, da erweitert. Geschenkter Gaul, welcher ein geliehener ist, im Frühherbst, der sich als Spätsommer entpuppt. Ins heckgelegene Maul geschaut sorgen seine 70 Turbodiesel-Pferdestärken immerhin für die erstaunliche Dauerreisegeschwindigkeit von »um die 110«. Bei verhaltenem Rückenwind. Nein, keine Ahnung, wieviel Kilowatt das sind, denn als dieser »T« geboren wurde, hieß das noch PS und es gab noch »ß« statt »ss«. Und ja, Kilometer pro Stunde, nicht Meilen. Schließlich sind wir in Zentraleuropa. Alte Welt.
Selbstverständlich ist er ausgestattet mit Gasherd, Kühlschrank und Wackel-Elvis an Frontscheibe; wer aber hätte Car-Audio-System mit CD-Wechsler und eins der ersten sprechenden Navigationssysteme erwartet? Frauenstimme. Klingt wie »Edda«. Also wird »es« getauft. Was spricht, braucht schließlich einen Namen, wenn möglich kurz und prägnant.
Grenze und Fahrerwechsel. Die Sperrung eines von Cleverle »Edda« propagierten Autobahnteilstücks zwingt zur mitternächtlichen Stadtrundfahrt vorbei an Notre Dame, Eiffelturm und Arc d’Triumph über den Champs d’Ellysés direkt vors Palais des Congrès. Vorzügliches Abendmahl im allgegenwärtigen Bistro an beliebiger Ecke. Vier Stunden Schlaf. Kein Tiefschlaf. Kein Halbschlaf. Dreiviertel.
Etwas verquollenes Verlassen der Mobilwohnstätte auf öffentlichem Parkplatz in Richtung Keynote. Anstehen fürs Realitätsverzerrungsfeld aka »his Steveness«. Obwohl beileibe nicht die letzten in der Reihe bedeutet das eine Stunde warten, bis sich die Tore öffnen. Sitzplätze? Vielleicht 5.000. Ergriffenes Schweigen, als »In My Life« den Äther erfüllt. Kurz zuvor ist Johnny Cash von uns gegangen. In Nordamerika. Neue Welt.
Der Beifall schwillt frenetisch an beim Auftritt der Galeonsfigur. Fotografieren verboten. Gestaltet das Abholen der wenigen Habseligkeiten ebenso zeitintensiv wie die Einlaßprozedur.
Erst am frühen Nachmittag Erreichen des Messegeländes am Porte de Versailles: Apple Expo in Halle 4. Das 21. Jahrhundert ist noch jung. Ein Tower-Mac der fünften Generation präsentiert sich wieder einmal als schnellster PC der Welt und das Notebook mit 15"-Display weckt Begehrlichkeiten. Sogenannter iPod etabliert sich als unverzichtbares Lifestyle-Accessoire, Videoconferencing nach London mit iSight-Webcam ist der letzte Schrei. Weltweit. iWelt.
Paris ist immer den nächsten ungeplanten Tag wert. Aber ein Bier auf der Prachtstraße keine 10,– €. Das schockiert. Wo doch 10,– € immerhin 20 DM sind. Quasi.
Durch Frankreich gen Süden eine eher strapaziöse Angelegenheit. Uneinigkeit zu später Stunde über Hotel oder nicht lassen die übermüdeten Reisenden auf einem Autobahnrastplatz in der Bourgogne nahe Bresse leichtes Opfer werden. Die alte Lederjacke, die brandneuen Lacoste-Turnschuhe, ein Kulturbeutel inklusive Lieblingsparfum der Dame. Das Zuschlagen der Bustür erweckt erst gemütlich beklaut aus dem Tiefschlaf. Fahrzeugschlüssel »versteckt« in der rechten Jackentasche. Sie finden sich morgengrauend auf der nächstgelegenen Mülltonne.
Das Gefühl ist ungut danach. Verliert sich aber während der eineinhalb Tage Cinque Terre. Malerische Ecke. Nur auch kein Geheimtipp mehr. Urlaubsähnliche Stimmung egal wie unvermeidlich. Lärmende Amerikaner mit angeborener Landungsboot-Mentalität auf »Sehen Sie Europa in drei Tagen«-Visite, sonnenverbrannte Engländerinnen in phosphorgrünen 40er-Jahre-Design-Badeanzügen und die unvermeidlichen Zusammenrottungen fachsimpelnder deutscher Gymnasiallehrer.
Lukullisch fischig auf hohem Niveau speisen, Absacker am pitoresken Hafen plus Zigarre.
Samstagnachmittags in der südlichsten Spitze der Toskana am südlichster Punkt der Reise. Giardino dei Tarrochi. Niki de Saint Phalle. Blick aufs Mittelmeer, die Sanftheit der Hügel und des Lichts. Der Campingplatz ein Glücksgriff, da er just an diesem Tag geschlossen wird. Ferienende. Zur Kasse bitten ist nicht mehr. In Betrieb weiterhin solarbetriebene Duschen. Ganze fünf Minuten zum endlosen Strand. Ultimativer Frischluftproberaum für eine Akustik-Band. Wie Ry in Havanna nur ohne Wim.
Anstatt abends »Kilometer machen« gen Norden am Montag vorzeitiges Abbiegen nach Capalbio.
Zeit ist Nebensache geworden. Der Name des Orts beliebig. Die Reise das Ziel.

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