Tiefenentspannt.
Ich lasse meine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen und meinen Atem fließen und bin nicht sicher, was letztendlich entspannter war, Malle oder Kloster.
Mit zwei Jobs hat man es ja schon nicht leicht. Da kommt man quasi zu nichts. Zum Glück gibt es einmal im Jahr Sommerferien. Drei Wochen am Stück, das ist schon ganz großer Luxus. Da muss man dann alles nachholen, was man sonst so verpasst und wozu man sonst so keine Zeit hat. An Erlebnissen, aber vor allem auch an Entspannung. Schließlich gehört es heute zum Alltag dazu, ausgelaugt und ausgebrannt zu sein, ist ja auch ganz normal, aber da darf die Entspannung dann nicht fehlen. Die Entspannungsbranche boomt ja auch an allen Ecken und Enden. In den Sommerferien geht es ja letztendlich auch darum, wer von den Kollegen am effektivsten seine Kräfte wieder auftankt um dann wieder voll durchstarten zu können, das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Also buche ich kurzerhand 10 Tage Mallorca mit einer Freundin und direkt im Anschluss 5 Tage alleine im Kloster. Der ultimative, erlebnisreiche und doch entspannte Erlebnis-Entspannungs-Urlaub quasi. Wie so ein Malle-Urlaub abläuft, kann man sich ja vorstellen. Tagsüber brutzelt man gnadenlos in der Sonne, was anstrengend ist, und man ständig die mahnende Worte der Mutter im Ohr hat, man soll sich doch vor Hautkrebs schützen und so weiter. Der Sand klebt an allen vorstellbaren Körperteilen, der Strandnachbar liegt allerhöchstens 1,50m weiter nebenan und daher weiß man auch, dass man nicht das einzige Hotel mit ungenießbarem Kaffee und nicht funktionsfähiger Klimaanlage im Zimmer hat. Zusätzlich gerät man mit Blick auf den Wochenausflugsplan des Reiseveranstalters in Stress. Inselrundfahrten und Städteausflüge sollte man doch mal gemacht haben, wenn man ja schon mal hier ist, man will ja auch schließlich was von der Insel sehen. Jeden Abend wird selbstverständlich gefeiert und gesoffen, damit man am nächsten Tag die Alkoholfahnen der verkaterten Nachbarn am Strand leichter ertragen kann und schließlich ist man ja auch nicht nur so zum Spaß hier und muss auch was erlebt haben. Nach 10 Tagen dann endlich wieder deutsches Festland unter den Füßen und eine fette Grippe im Gepäck, was ja auch irgendwie dazugehört, mit dem vielen Alkohol und der Klimaanlage und den vielen Menschen auf den vielen Partys.
Zwei Tage später reise ich also mit verstopfter Nase, kratzigem Hals, dröhnendem Kopf und gefühlten 40 Grad Fieber im Kloster an. Die Entspannung kommt mir gerade recht. Zum Glück bin ich sehr früh angereist, damit ich bloß noch genug Zeit für die ganze Entspannungssache habe. Beim Blick auf die „Angebots- und Veranstaltungsübersicht“, dem geschätzten 50 Seiten langen „Wegweiser für unsere Gäste“ und dem 20 Seiten langen Feedback-Bogen, der mir bei meiner Ankunft in die Hand gedrückt wird, überlege ich mir, wie ich meine To-Do-Liste am geschicktesten priorisiere. Von 6.00 Uhr bis 21.15 Uhr gibt es einen streng durchgeplanten Tagesablauf. Dient natürlich alles der Entspannung.
Leider habe ich kein Programm wie Outlook zur Hand, das mich an alle Termine rechtzeitig erinnert. Na das kann ja stressig werden. Natürlich besteht keine Pflicht, alle Termine einzuhalten. Allerdings möchte man natürlich das ultimative Entspannungsprogramm voll ausnutzen. Sonst ist man am Ende doch wieder selbst schuld, wenn man nicht entspannt hier rauskommt.
Eigentlich wäre ich ja gleich viel entspannter, wenn ich nicht wüsste, dass sich in meinem privaten und geschäftlichen Posteingang die unbeantworteten Nachrichten anstauen.
Eigentlich wollte ich ja auch mit dem Rauchen aufhören. Zumindest für 5 Tage. Aber das kann ich jetzt auch vergessen, da ich ja weder ein Handy, noch einen Laptop noch einen Fernseher habe, der mich ablenken könnte. Was soll ich denn bitte die ganze Zeit in der rechten Hand halten, wenn schon kein Handy und keine Zigarette? Außer vielleicht die Bibel, aber das wird dann doch zu mühsam, die überall mit hinzuschleppen.
Außerdem würde das nicht zu meinem äußeren Erscheinungsbild passen. Ich komme mir ja schon irgendwie als ein schlechter Mensch vor, wie ich so mit meinen Flip-Flops, braungebrannt, gerade zurück aus Malle, schulterfreies Top, kurze Hose, Tattoo am Unterarm, grelllackierte Fingernägel und ne Kippe in der Hand, durch den Klostergarten schlurfe und einer Nonne begegne, die mich überaus herzlich grüßt. Aber es ist nun mal sehr warm. Und immerhin bin ich ungeschminkt. Die können einem aber auch leid tun, die Nonnen. Was die alles verpassen im Leben. Ich kann mal eben ins Kloster gehen für ein paar Tage. Aber als Nonne kannst du nicht mal eben halbnackt, grölend und besoffen über den Ballermann laufen. Aber das ist ja jetzt auch ein anderes Thema.
Die nächsten 3 Tage verbringe ich alleine mit meiner Erkältung im Bett. Mein Handy und meinen Laptop habe ich extra, der Entspannung wegen, zu Hause gelassen. Deshalb ist weder via Facebook, whatsapp, noch durch ein Telefonat, mit Mitleid oder Ablenkung zu rechnen. Kein Gute-Besserungs-Gruß. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich richtig alleine gelassen und ich weiß nicht mehr was schlimmer ist, die Grippesymptome oder sonstige Entzugserscheinungen. Ich weiß noch nicht mal, wie viel Grad es draußen hat, da ich keine Wetter-App habe, geschweige denn einen Fernseher oder ein Radio. Auch keinen Bekannten von einer Freundin eines Freundes, der bei Facebook postet, dass es heute 28,5 Grad werden sollen und er jetzt an den See fährt. Außerdem weiß ich auch nicht, ob der neue Bundespräsident nicht schon längst wieder zurückgetreten ist oder ob die Schildkröte meiner Kollegin ihren Winterschlaf gut überstanden hat. Nach dem 3. Tag in Einzelhaft halte ich es dann nicht mehr aus und gehe zum Arzt, der mich 3 Tage lang krankschreibt, damit ich mir die verschwendete, kostbare Urlaubszeit bei meinen Arbeitgeber wieder gutschreiben kann. Die werde ich ja noch gebrauchen können im Laufe des Jahres, so zur Entspannung mal.
Zurück im Büro lasse ich meine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen und meinen Atem fließen und bin nicht sicher, was letztendlich entspannter war, Malle oder Kloster. Am meisten entspannt mich gerade das Gefühl, dass jetzt endlich der Urlaub vorbei ist und ich mir keine Gedanken mehr darum machen muss, wie ich am besten entspannen könnte.





Kommentare
Ja, ein Aufenthalt in einem Kloster wurde mir auch angeraten, allerdings war ich da skeptisch, ob ein paar Tage wirklich was bringen und habs gelassen. Du hast ja anscheinend in der Entzugsphase abgebrochen. Einzelhaft ist vielleicht auch ein wenig drastisch. Vielleicht eher regelmäßige Meditation? Buddha ist in dir.
29.07.2012, 11:56 von EliasRafael