sun-chan87 19.03.2010, 11:25 Uhr 0 0

Text 74

Sie erkannte mich nicht, denn sie kannte mich nicht.

Und überhaupt höre er ihr nie zu.
Doch er höre ihr zu und gab sinngleich alles wieder, was sie gerade gesagt hatte.
Ja, aber er wüsste nicht, was sie damit meine.
Doch das wüsste er schon und er hätte in der letzten halben Stunde Lösungsvorschläge gemacht.
Es ginge nicht um Lösungen, sondern um Beistand.
Aber er stünde ihr doch bei.

Die Studentin mir gegenüber blickte abwechselnd auf das Paar, dann gequält zu mir und versuchte sich dann vergeblich wieder auf ihr Buch zu konzentrieren. Sonst waren nur es Männer im Abteil, die dieses Gespräch belauschten, entweder blöd feixten oder ihn mitleidig anlächelten. Meine Position schien dann wohl doch etwas komplizierter, als dass ich es neutral hätte anhören oder einfach wie jeder normale Mensch Musik in meine Ohren hätte stecken können.
Denn die junge Dame, die dort lautstark alle und jeden im Umkreis von 5 Metern unterhielt, während der junge Mann an ihrer Seite die Stimme immer weiter dämpfte, bis er sie eher anzischte, war niemand geringeres als meine sogenannte Vorgängerin. Die gefürchtete Ex von ihm.

Ich erkannte sie sofort, wie sie dort auf dem Bahnsteig stand, und ich muss zugeben, meine Neugierde treib mich zu ihr. Desweiteren hoffte ich auch heimlich, dass sie in die dieselbe Bahn einsteigen möge. Den Gefallen tat sie mir. Und ihr Begleiter, der mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war, wieselte ihr hinterher. Ich ließ die beiden vor. Sie erkannte mich nicht, denn sie kannte mich nicht.
So stand ich also einen guten Meter entfernt von den beiden rum, schämte und fragte mich die ganze Zeit, was er damals so toll an ihr gefunden hatte.
Dann stellte sich mir außerdem die Frage, ob ich etwa auch so war. Ein Mädchen, das ihren Freund in der Öffentlichkeit runterputzt. Ich musterte sie verstohlen. Ein hübsches Gesicht hatte sie. Ich hatte sie bereits einmal auf einem Foto und zweimal von Weitem gesehen. Das Gesicht war es wohl gewesen, was ihm so gefallen hatte. Makellose Porzellanhaut, große braune Augen. Ein Schneewittchen mit Schmollmund. So poetisch würde er sie aber nie beschreiben.
Ich kann also behaupten, dem Feind noch nie so nah gewesen zu sein wie an diesem Abend. Während ich sie also weiter beäugte, kam ich außerdem nicht umhin mich zu fragen, warum ich mich überhaupt so für sie interessierte?
Nun gut, ich hatte dummerweise herausgefunden, dass sie von ihm damals mehr als alles andere geliebt worden ist. Sowas hatte ich ja auch durch. Unerfüllte Liebe ist ja des Öfteren stärker als jene die man als erfüllt bezeichnet. Sie war nicht so groß, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ihr dunkles krauses Haar war kürzer als meines. Sehr dünn und zierlich war sie. Und sie nörgelte die ganze Zeit. War ich auch so, fragte ich mich wieder?

Nein, ich war wohl ein einfaches Mädchen mit glatten Haaren und einer fraulichen Figur. Eines das ihre Freunde nicht in der S-Bahn anmeckert. Sie war eben eines das kompliziert ist, das ihr Haar zumeist lockig trägt und eines das viel nörgelt. Ein unerreichbares also. Eines auf das Männer stehen, auch wenn sie es nicht zugeben. Kein solch ein witziger Kumpel wie ich, mit dem man ja ach so toll reden kann.

Sie und ihr junger Begleiter, der mir mittlerweile auch sehr leid tat, stiegen lange vor mir aus. Das letzte was ich von ihnen sah, war, dass er versuchte ihre Hand zu nehmen, sie aber die ihre ruppig wegzog. Das hatte sie auch bei ihm damals immer getan.

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare

  • Organspende

    „Bitte <br /><br />alle Toten ausnehmen, ...“

    25.05.2012 von DietmarRakete
  • Organspende

    „Ganz eindeutig pro Widerspruchsklausel. Die Vorrauss...“

    25.05.2012 von Dahumm
  • Organspende

    „Wenn man doch tot ist, braucht man sein Organe eh ni...“

    25.05.2012 von rramona
  • Ding dong

    „Es ist auch schwer vernünftige Kleider zu finden. Di...“

    25.05.2012 von B.tina
  • 36 Grad

    „dachte voll sie bringt sich gleich um, was langweili...“

    25.05.2012 von Loo