hannabell 10.08.2009, 15:23 Uhr 3 7

Tatjana

Seit ich sie kenne, weiß ich den Vorteil von Bankkonten zu schätzen.

Sie ist ein Kind der Steppe mit ihrem langen, schwarz-silbernen Zopf, der mich unwillkürlich an Pferdehaar denken lässt. Ein Kind der Steppe – und meine Vermieterin. Jeden Monat bewegt sie ihren schweren Körper durch die halbe Stadt zu mir, um die Miete abzuholen. Sitzt an meinem Küchentisch. Und erzählt. Erzählt von ihrem Leben, von der Zeit, als ihr Volk noch Teil der zweitgrößten Weltmacht, die sich selbst für die größte hielt, war. Sie erzählt außerdem vom Jetzt und Hier, von ihren missratenen Söhnen und undankbaren Ex-Schwiegertöchtern, diesen Schlampen, die Tatjanas Enkelkinder von der Oma fernhalten. Sie breitet einmal im Monat bei Tee und Keksen ihr ganzes Dasein vor mir aus.

Von Tatjana kann man einiges über das wahre Leben da draußen erfahren. Das Leben, das wir mit unseren Akademiker-Jobs, unseren Akademiker-Freunden und unseren Akademiker-Weltanschauungen nur aus dem Fernsehen kennen. Tatjana ist die personifizierte RTL-2-Vorabendserie. Und ich habe sie einmal im Monat nicht nur in Farbe, sondern tatsächlich live. Und auf Russisch. Die Schwiegertöchter-Schlampen spielen dabei ebenso eine Hauptrolle wie die drei saufenden Söhne, von denen sie zwei ihrer eigenen Aussage nach sowieso beinahe abgetrieben hätte. Die durchschnittliche russische Frau hat in ihrem Leben vier bis fünf Abtreibungen, hat mir mal ein Pharmavertreter erzählt. Das ersetze hier die hormonelle Verhütung. Weil Hormone schließlich schlecht für den Körper seien. Tatjana fällt da scheinbar aus dem Raster, trieb nicht ab, sondern gebar. „Ich habe halt immer gehofft, dass es noch ein Mädchen werden könnte“, gesteht sie mir. Sie habe sich ihr ganzes Leben nichts sehnlicher gewünscht, als eine Tochter. „So eine wie Dich“, sagt sie dann immer und lächelt mich an, wodurch ihre zentralasiatischen Mandelaugen in Schieflage geraten.

In einer bestimmten Art von Filmen wäre aus unserer Begegnung bestimmt eine Freundschaft entstanden: junge Frau aus dem Westen, konsum- und erfolgsverwöhnt, trifft alte Frau aus dem Osten, vom Schicksal gebeutelt und verschroben. Am Schluss stirbt dann meistens die alte Frau und die junge Frau erkennt, ein paar Tränchen verdrückend, dass die alte Frau fast so etwas wie eine zweite Mutter für sie geworden ist. Und dass sie von ihr Dinge gelernt hat, die an keiner noch so guten Elite-Uni unterrichtet werden. Doch das hier ist kein Film. Sondern die Realität. Und in der Realität habe ich bei Tatjanas Besuchen meist einen langen, anstrengenden Tag im Büro hinter mir. Sie klaut mir mehrere Stunden kostbarer Freizeit. Drei bis vier Stunden im Monat. Plus ein bis zwei Stunden Wartezeit. Weil sie immer zu spät kommt.

Sie sitzt in meiner Küche, erzählt und erzählt. Meistens bin ich nach einer halben Stunde zu müde, um ihr genuscheltes Russisch zu verstehen und verlege mich auf nichtssagende Töne, auf „hmmmm“, „aaaahhhh“, „nuuuuuu“. Im Kopf erstelle ich währenddessen To-Do-Listen für die ganze Woche. Der Zauber von Tatjanas Leben will sich mir einfach nicht entfalten. Dafür legt sich der Geruch ihrer Füße, vermischt mit ihrem Wodka-Atem, über meine Küche. Ich denke daran, was ich in diesen Stunden alles hätte machen können. Mit Freunden in Deutschland skypen. Endlich mal wieder meine Mutter anrufen. Meine schlanke, gut gekleidete, fortschrittliche Mutter. Die ich um nichts in der Welt gegen Tatjana eintauschen würde. Lesen. Sport – Yoga, Tai-Bo, Joggen. Ins Kino gehen. Cocktails trinken. Oder einfach mal schlafen.

Ja, während Tatjanas Besuchen leide ich. Potenziert wird das Leiden, wenn Tatjana ihren Mann Anatolij mitringt. Anatolij ist ein großer, ledriger Berg von einem Mann. Seine Haut ist so trocken, dass es knistert, wenn er einem mit seiner riesigen Pranke die Hand schüttelt. Seine Füße stinken noch schlimmer als die von Tatjana. Wenn er dabei ist, sitzt seine Frau hamsterstill in der Ecke und erzählt nur dann Geschichten aus ihrem Leben, wenn Anatolij gerade den Stromzähler abliest, die Waschmaschine repariert oder eben auf den Markt geht, um einen Schraubenzieher zu kaufen. Wenn er zurück im Raum ist, schnauzt er seine Frau an: „Du langweilst das Mädchen.“ Seine Hand zuckt manchmal unwillkürlich in ihre Richtung. Ich bin mir sicher, dass er sie schlägt. Wenn die beiden meinen befremdeten Blick bemerken, lächelt Anatolij beruhigend in meine Richtung, wie um zu sagen: „Ist doch alles nur Spaß.“ Tatjana kichert dann wie ein kleines Mädchen.

Oft brechen sie erst gegen Mitternacht auf. Ich helfe Tatjana dann in ihren großen Anorak, der über und über mit silbernen Hufeisen bestickt ist und reiche ihr ihre weiße Samtmütze. „Tschüß, Mädchen“, sagt sie. Ich lächle: „Tschüß. Ich melde mich dann nächsten Monat.“ Gleichzeitig frage ich mich, wann ich eigentlich gelernt habe, so honigsüß und falsch zu lächeln.

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3 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Das mit dem Grenzen ziehen stimmt auf jeden Fall!

      Man sieht und erlebt so viel, was man einfach nicht an sich ranlassen darf... Und manchmal erkennt man sich dann selbst nicht wieder.

      Russland ist ein aufregendes Land und Moskau eine aufregende Stadt - aber mit Sicherheit nicht jedermanns Sache.

      ich leb trotzdem gerne dort, aus vielen Gründen. Auch wenn ich mich oft mal frag, ob es das eigentlich wert ist.

      24.08.2009, 13:35 von hannabell
  • 0

    interessant, bei deinen texten weiß man nie ob du nun oberflächlich bist oder doch nicht und um das herauszufinden lese ich bis zum ende und muss dann abschließend immer wieder feststellen, dass alles dazwischen auch lesenswert war

    11.08.2009, 12:55 von rolfradolfski
    • 0

      @rolfradolfski Ich glaub: Nicht oberflächlich, ehrlich. Echt angenehm. Und, ach ja, der Text liest sich auch gut.

      12.08.2009, 16:04 von coronaria
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      @oceaneyes Kann Dir gern mal ihre Adresse geben... ;)

      10.08.2009, 15:39 von hannabell

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