newsoul 30.05.2009, 17:07 Uhr 4 1

Tagträume

Hier bin ich Leben. Schön, dich endlich mal kennen zu lernen, ich hab schon so viel von dir gehört...

„Zurückbleiben bitte.“ Die Türen schlossen sich geräuschvoll und mit dem mir so vertrauten elektrischen Summen fuhr die Bahn weiter. Die gelbe U3, wie jeden Tag. Morgens hin, am frühen Abend zurück. Dann von der Haltestelle zum Supermarkt, ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Zu Hause auspacken, manchmal noch zum Sport, danach essen, Fernseher an, Fernseher aus, schlafen. Und am nächsten Tag das gleiche. Es ging immer im Kreis. Ein Leben im Hamsterrad. Einsam, alleine, leben um des Lebens Willen.
Rumms. Wieder schlossen sich die Türen. Diese Haltestelle wurde von der Kinderstimme angesagt. Einige Touristen unterhielten sich darüber, dass das ja niedlich klang. Mich interessierte es nicht mehr. Die Türen waren zu. In den nächsten zwei Minuten würde ich hier nicht mehr hinaus kommen, selbst wenn ich wollte. Anstatt in Panik zu verfallen, stierte ich vor mich hin. Vor und zurück. Diese Bahn ließ nichts anderes zu. Vor und zurück. Jeden Tag. Tausende Male. Vor und zurück. Hin und her. Und am Ende bleibt man immer genau da, wo man war. Was, wenn ich zur Seite wollte? Es ging nicht. Ich wollte nicht mehr. Ich könnte einfach weiterfahren. Nicht dort aussteigen, wo ich jeden Morgen aussteige. Weiter geradeaus fahren. Den Punkt überwinden und nicht mehr zurück wollen.
„Zurückbleiben bitte.“
Ich saß immer noch in der Bahn. Ich kannte diese Haltestelle nicht einmal. Ich fuhr weiter. Bis ans Ende. Stieg aus, setzte mich in die nächste Bahn. Obwohl es auch hier nur vor und zurück ging, wurde ich euphorisch. Denn ich wollte nur noch vor. Ich würde nicht mehr zurück fahren.
Ich rief meinen Chef an, sagte, ich käme nicht mehr. „Sind Sie krank?“, fragte er. „Nein“, sagte ich und fing an zu lachen. Gott, tat das gut. Ich fühlte mich seit langer Zeit mal wieder gesund.
Ich merkte, dass ich zum Flughafen gefahren war. Ein Zeichen meines Unterbewusstseins? Ich nahm es als Schicksal.
Rumms. Hinter mir schlossen die Türen. Um mich herum Menschen mit Koffer, Familien, Geschäftsleute mit Coffee-to-go. Ich hatte bloß mein Handy und mein Portemonnaie dabei. Ich war verrückt, sagte ich mir, und grinste. Meine Lieblingszahl war die 4, so war es schon immer gewesen. Der vierte Flug auf der Anzeige sollte es sein, beschloss ich. Egal ob Nepal, München, Kenia oder Mallorca.
Ich bekam ein Ticket. Es war Oslo. Ich würde nach Oslo fliegen. Einfach so.
Wie auf Wolken schwebend checkte ich ein, ließ mir eine Cola servieren und atmete tief ein. Es ging mir noch nie so gut wie in diesem Moment. Ich war aus dem Rad herausgesprungen. Ich hatte meinen Käfig verlassen. Ich würde bald in Oslo sein und einfach von vorne anfangen. Vielleicht würde ich endlich meinen Traum verwirklichen können, meine eigene Galerie aufzubauen. Ja, ich wollte meinen Traum leben. Ich konnte kein Norwegisch, aber das würde ich lernen. Alles neu. Ich fühlte mich, als würde ich endlich aufwachen und stieg beflügelt von einem Schwall Adrenalin aus dem Flugzeug. Hier bin ich Leben. Schön, dich endlich mal kennen zu lernen, ich hab schon so viel von dir gehört...

Rumms.

Ich schaute mich um. Ich hatte es wieder nicht gepackt, sitzen zu bleiben. Seit Jahren überlegte ich, wie es wohl wäre, einfach auszubrechen. Einfach aussteigen. Aber ich war viel zu vernünftig. War Vernunft nur die Ausrede für fehlenden Mut oder war es meine Rettung vor einem unrealistischen Kindertraum?
Es war keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Ich musste zur Arbeit. Und heute Abend zurück. Und dann einkaufen, zum Sport, fernsehen, schlafen. Ich musste zurückbleiben, bitte.

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4 Antworten

Kommentare

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    was mit ein bisschen mut alles möglich wäre...

    30.05.2009, 18:39 von iLeilani
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    ich kenn dieses gefühl. und toll geschrieben ist der text auch noch. also ich mags - empfehlung!

    30.05.2009, 18:10 von musik.suchti
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