AnnieKa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Szene No. Eins

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Szene No. Eins

Kommen Sie, schauen Sie.

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>>UND IM WAGON LAUTER PARISER KÖPFE<<

Ich laufe durch die schönste Stadt der Welt. Rechts und links Bäume, riesige mondäne Häuser, Cafés in denen junge Mädchen, die so hübsch sind, dass man fast weinen möchte, bei einem Kaffee die Geschehnisse des Tages austauschen und vor mir eine Metrostation. Ich husche die Treppen hinunter, löse mein Ticket, durchquere die Schranke, springe in die Bahn. Und im Wagon lauter Pariser Köpfe, die als solche auf Anhieb zu erkennen sind. Punktuell sitzende Frisuren, deren klare Formen sich stets mit Playmobilköpfen vergleichen lassen, stilvolle Kleidung und eine elegante Haltung, bei der selbst Jean-Marie Reynaud neidisch werden dürfte. Ich befinde mich mittendrin. Eine alte Dame. Sie beobachtet mich. Unentwegt.

>>GALOISES BLOND. DANKE.<<

Aus dem Konzept bringt sie mich. Mit ihren weisen, alten Augen, in denen noch immer das Feuer der Jugend brennt. Neben ihr ein Mädchen, so jung war ich auch mal. So jung waren wir alle mal. >>Pierre gib mal 'ne Galoises Blond. Danke..<< Ein Blick. Die Alte und ich. Wir beide mustern das junge Ding. Es ist gewiss töricht, sie einfach so rauchen zu lassen, wissen wir doch, was für gesundheitliche Folgen mit dem Genuss einhergehen. Aber auch ich kann mich in Stressituationen der Droge nicht entwehren und so verkneife ich es, sie zu ermahnen. Die Alte belässt es ebenfalls bei ein paar verächtlich wahrnenden Blicken.

>>UND PARIS SCHEINT, KOKETT WIE ES IST, IGNORIEREN ZU WOLLEN<<

Meine Augen wandern zum Fenster. Ein paar Regentropfen zeichnen sich an der trüben Scheibe ab. Der Himmel weint und Paris scheint, kokett wie es ist, ignorieren zu wollen. Mir wird kalt. Es prasselt immer mehr, triefende Franzosen steigen zu. Sie widmen sich Büchern, Zeitungen oder ihrem Nebenmann. Bei mir ist es letzterer Fall. Ein Mann, um die dreißig, lässt sich plump neben mir nieder, nimmt jedoch sofort wieder Pariser Anstandshaltung an. Er stellt sich vor, Jaques Hardy sei sein Name, als Künstler verstehe er sich. Ich bekomme Photos zu sehen. Und auf diesen zeigt Paris sein trübstes Gesicht. Ich lächle, in der Alten findet er zu seiner Enttäuschung die wahre Gesprächspartnerin, ihr Mann selbst war Photograph. Das Mädchen stößt ein Lachen aus, wie ein Schrei hallt es durch die Sitze.

>>KÜNSTLER MÜSSTE MAN SEIN<<

Ein Junge küsst das Mädchen. Nebenbei rauchen sie. Die Alte steigt aus. Sie sei überall zuhause, in ganz Paris, das hatte sie Monsieur Hardy erzählt. Wahrscheinlich macht sie sich nun auf, das passende Heim für die Nacht zu suchen. Nach einer fünf minütigen Fahrt verlässt auch Hardy selbst die Bahn, er maschiert zu einem FotoFix an der Station, legt sich flach auf den Kabinenboden und schreit. Der Automat knipst. Künstler müsste man sein.

>>DER JUNGE GIBT SICH ALS CHANSONNIER<<

Die beiden Jugendlichen sind nun dazu übergegangen, sich mit Musik die Zeit zu vertreiben. Der Junge gibt sich als Chansonnier, das Mädchen fällt in die Rolle der treuen Bewunderin. Mit leuchtenden Augen betrachtet sie seinen Mund, um ja keinen der Töne zu überhören. Dabei singt er gar nicht mal so schlecht. Alte französische Klassiker. Vom Leben, der Liebe, vom Tod. Herzzerreißend, -erweichend, -berührend. Das Mädchen zeigt schon nach wenigen Strophen Desinteresse. Er scheint enttäuscht, singt nicht weiter. Sein Handy klingelt. Lange unterhält er sich, so gelöst, wie man ihn auf dieser Fahrt das erste mal sieht. Jetzt nimm seine Freundin den enttäuschten Part ein.

>>VIELLEICHT WAR PARIS NICHT MEHR ALS EIN TAGEAUSFLUG<<

Am Hauptbahnhof verlassen sie den Wagen. Vielleicht war Paris nicht mehr als ein Tagesausflug, vielleicht geht es jetzt wieder nach Hause. Vielleicht kommen sie aus einem kleinen Provinznest oder aber aus einer Millionenstadt. Der Junge schreitet selbstbewusst wie ein richtiger Mann voran, das Mädchen schlendert hinterher. Paris wird ihr fehlen. Sie verdrückt eine Träne. Ich tue es ihr gleich.

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Ich bitte Sie, morgen um diese Zeit an diesem Ort wieder hereinzuschauen. Das Ende der Geschichte wird verbüffend sein, der wer schreibt spannendere Drehbücher als das Leben selbst?

1 Antworten

Kommentare

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    Ich weiß, dass ich Gauloises falsch geschrieben habe.

    26.12.2008, 14:08 von AnnieKa
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