LinaOrangina 15.12.2007, 16:15 Uhr 6 7

Sympathie ohne Worte

Während einer Busfahrt baute ich eine besondere Art von Sympathie zu ihm auf, die er erwiderte und die hoffentlich für immer unausgesprochen bleibt...

Es ist dieses Gefühl, was man nach einem langen, anstrengenden und meistens noch dazu öden und ereignislosen Tag hat, wenn man abgehalftert und kaputt im Nachhausebus oder -Zug sitzt und die vergangenen Stunden in Gedanken noch einmal durchlebt. Es ist dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben und gewissermaßen gerade in diesem Moment zu verpassen, wenn man im trägen Alltag gefangen ist und sich oft mit Banalitäten beschäftigen muss, anstatt die Welt zu bereisen oder anderweitig seinen Horizont zu erweitern. Es ist dieses Gefühl, dass dieser Tag noch etwas Besonderes in petto haben muss, dass es das doch nicht gewesen sein kann.

Dieses Gefühl war es wohl, was mich eines Abend dazu bewegte, eine Art von Sympathie zu ihm aufzubauen, etwas an ihm zu finden. Ich kann und konnte den Aspekt an ihm, der für mich interessant erschien, bisher nie definieren, wahrscheinlich, weil es mehr Einbildung als Tatsache ist und er für mich mehr Mittel zum Zweck als wirklich ein Mensch, den man unbedingt kennenlernen muss.

Es handelt sich jedenfalls um meinen Busfahrer, den ich an eben diesem besagten Abend während der Fahrt im Rückspiegel zu beobachten begann. Ich weiß nicht mehr, wie sich das genau entwickelt hat, aber ich hatte auf einmal den Drang, ihn anzusehen, ihm beim Fahren zuzuschauen und zu versuchen, auf seinen Charakter zu schließen. Ich fragte mich, was für ein Mensch er wohl ist, ob er Freude an seinem Beruf hat, ob er ein ruhiger, zurückhaltender oder eher extrovertierter Typ ist, ob er eine Frau hat, die zuhause mit dem Abendessen auf ihn wartet oder eine Freundin, mit der er einen gemütlichen Abend im Kino geplant hat, alles in allem versuchte ich von seinem Gesichtsausdruck darauf zu schließen, ob er glücklich mit seinem Leben ist. Allein dadurch machte ich mir selbst unbewusst die eher langweilige Fahrt etwas angenehmer.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass der Fahrer ebenfalls in den Rückspiegel blickte- offensichtlich waren ihm meine Blicke aufgefallen, denn von dem Moment an schaute er immer öfter zu den Sitzen hinter sich und ich nach vorne zu ihm- das "Spiel" hatte begonnen. Natürlich konnte ich nicht wissen bzw. mit Sicherheit sagen, dass er mich anschaute, aber eigentlich war genau deswegen von da an jede Busfahrt mit ihm als Fahrer ihrer Eintönigkeit zu einem kleinen Teil beraubt. Irgendwie war es plötzlich spannend zu erfahren, ob er sich bei der nächsten Fahrt (die oft erst zwei Wochen später stattfand) genauso verhalten, ob er meine Blicke erwidern würde, ob er sich vielleicht sogar an mein Gesicht erinnern könnte. So ging das einige Zeit und eigentlich war es nicht von ernsthafter Bedeutung- ich fand und finde den Mann weder besonders anziehend noch kann ich mir vorstellen, dass wir auf gleicher Wellenlänge liegen könnten...Er ist an sich ein unscheinbarer 30- bis 40-jähriger Mann, der mir eigentlich nur wegen seines örtlichen Dialekts (negativ) auffallen würde. Trotzdem freute ich mich immer ein bisschen, wenn ich ihn sah- einfach, weil es bedeutete, dass die Busfahrt einen gewissen Reiz bekam und nicht länger das Langweiligste des Tages darstellte.

Ich konnte selbst zu dem Zeitpunkt, als ich ihn in den Rückspiegel lächeln sah noch nicht mit 100%-iger Gewissheit sagen, dass dieses Lächeln für mich bestimmt war- es konnte nach wie vor jeder andere Fahrgast gemeint sein. Nichtsdestotrotz spürte ich aber, dass es doch an mich gerichtet war und ich begann zurückzulächeln. Eines Tages war sogar er es, der anfang, mir Blicke zuzuwerfen...Als ich nach der nächsten Fahrt ausstieg, wollte ich es wissen: Ich schaute durch die Einstiegstür direkt zu ihm um zu sehen, wie er reagiert. Als ich ihn mich anlächeln sah, wusste ich, dass er das wortlose "Spiel" mitspielt und ich musste ganz von selber grinsen. Am nächsten Morgen begrüßten wir uns schon an der Tür lächelnd und ich hatte langsam leichte Bedenken, dass andere Fahrgäste etwas merken und es falsch interpretieren könnten. Von meiner Seite hatte das Ganze nichts mit einem Flirt zutun, sondern eher mit einer Art von Sympathie, die ich ihm gegenüber empfand, es handelt sich wohl einfach um die Situation, wenn man einen Menschen sieht, den man nicht kennt und den man, ohne es erklären zu können, sofort irgendwie mag. Auch von seiner Seite aus bin ich mir sicher, dass er sich aus den selben Beweggründen so verhält und ich könnte mir schon vorstellen, dass das "Spielchen" auch für ihn die Busroutine ereignisreicher und positiver macht.

Das Einzige, was ich wirklich hoffe, ist, dass er mich nicht eines Tages doch noch (darauf) anspricht. Das würde den Reiz des Spiels kosten und meine Busfahrten wären wohl wieder so ereignislos wie zuvor...Es ist einfach dieses Unausgesprochene was in der Luft liegt, was die Situation besonders und geheimnisvoll macht, weil keiner von uns weiß, was der Andere denkt und fühlt, es ist nur diese stille Übereinkunft, dass wir uns sympatisch sind und uns freuen, wenn wir uns sehen....

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6 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ich überlege mir oft, ob Busfahrer es wohl als nervend empfinden, wenn man sie "anstarrt". Ab und an ertappe ich mich dabei, dass ich mangels Beschäftigung (Buch vergessen, keine Lust auf Musik, etc. ...) den Busfahrer angucke, eher so gedankenverloren, einfach nur betrachtend. Und jedes Mal denke ich mir, ob der oder die Gute sich dann wohl so fühlen, wie man sich selber fühlt, wenn einem eine Person zu Nahe kommt, die persönliche Grenze überschreitet.

    Generell finde ich es immer interessant zu beobachten, wie und mit welchen Gesichtsregungen und mit welcher Körpersprache ansich sich die Busfahrer grüßen.

    16.11.2011, 19:15 von topfbluemchen
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    Sehr schöne Erlebnisbeschreibung.
    Ich mag besonders den ersten Absatz...ich kenne solche Tage und Gedankengänge auch.

    16.11.2011, 18:41 von TimeDrop
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    Danke! Das ist eine wirklich schöne Geschichte...aber geht das nicht jedem so?
    Ich für meinen Teil fahre auch immer mit offenem Auge mit der Bahn in der Hoffnung auf einen stillen Flirt, bei dem dann unumwunden der Gedanke kommt "was wäre wenn?"

    25.08.2010, 21:21 von ChronistderWinde
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    Wir brauchen mehr so schöne erlebt Geschichten. ;)

    22.06.2010, 11:38 von beaming
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    sehr süße geschichte aus dem alltag. ich musste die ganze zeit grinsen :).

    17.10.2008, 21:19 von burzeliii
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