carpium 13.03.2010, 02:44 Uhr 0 3

Streifzug durch Port-au-Prince, Haiti

Mein Fuss stösst gegen etwas weiches. Eine Mülltüte denke ich oder ein Stück Stoff. Doch es ist ein Körper. Eine alte Frau, ...

...die vor mir auf dem Bürgersteig liegt. Etwas zusammen gerollt. Ihr rotes T-Shirt und der schwarze Rock sind schon mit dem Staub der Stadt bedeckt. Sie rührt sich nicht, aber sie lebt. Ganz leicht ist der Atem in ihrer Brust zu sehen. Hat sie meinen Fuss überhaupt gespürt?
Um sie herum tobt der tägliche Irrsinn. Autos fahren wild umher, folgen keiner Spur, sondern weichen nur den schlimmsten Löchern aus. Zwischen den Autos, Trümmern und Verkaufsständen suchen sich Haitianer zu Fuss ihren Weg. Springen zur Seite, wenn ihnen ein Fahrzeug viel zu schnell zu nahe kommt. Zwei Polizisten stehen auf der Kreuzung und regeln den Verkehr. Aber wer kümmert sich um diese Frau? Niemand beachtet sie. Sie ist Teil der Trümmer und des Drecks geworden. Und der ist drei Wochen nach dem schweren Beben für alle längst natürliche Umgebung.

Mittlerweile ernähren die Trümmer die Armen sogar oder beschützen sie. Zu Hunderten klopfen sie Eisenstangen aus den zerstörten Betonwänden und Decken. An einem Lastwagenwrack biegen sie die meterlangen Stangen gerade. Dann verschwinden sie mit ihrer Beute im Dunst der Stadt.
Aber was heisst schon Stadt? Von oben sieht Port-au-Prince aus wie eine Geröllwüste. Fünfstöckige Gebäude sind flach wie Pfannekuchen. “Pancake” sagen die Menschen dann auch dazu. Stockwerke sind zu Bruchstücken zermahlt. Wie konnte hier jemand überleben? Wie kann man hier jetzt überleben?
“Wir wissen nicht, wer mehr Glück hatte: Wir die überlebten oder die, die schnell sterben durften!”
Es sind die traurigsten Worte, die ich bisher gehört habe. Und die Haitianerin zeigt nur um sich herum. Ihre Landsleute leben auf den Strassen und den grossen Plätzen. Alte Planen dienen als Wände oder auch als Dach. Verrostete Wellblech-Stücke und Holzreste geben den Behausungen etwas Stabilität.
600 solcher Plätze hat die UNO allein in Port-au-Prince gezählt. 600 Plätze an denen die Menschen kaum Toiletten haben, sich in Pfützen waschen und in Angst leben. Vor dem Regen, der irgendwann kommen wird und vor den 7.000 Verbrechern, die nach Beben aus den Gefängnissen fliehen konnten.
Jeden Tag streiten sich die Menschen hier um Lebensmittel, um Wasser und um die besten Fundstücke aus den Trümmern. Dabei sind sie wie grosse Kinder. Laut und uneinsichtig, wenn sie an den Reissäcken zerren - friedlich und zufrieden, wenn sie etwas ergattert haben.
Die anderen laufen zu den Lastwagen, schreien noch lauter. Hoffen, dass auch für sie ein Sack herausgezogen wird.

Das ist das eine Gesicht der Stadt. Das andere lächelt. Ja, es lächelt. 37 Sekunden hat die Erde hier gebebt und vielen alles genommen. Das Haus, die Familie, manchen sogar die Zukunft. Doch diese Kinder vor mir lächeln mich an. Freuen sich über ein Foto, nehmen den Fremden an die Hand, zeigen ihm ihr Zuhause. Es sind alles Waisen. Kinder, die in ihrem alten Heim verschüttet waren, Freunde verloren haben und froh sind, wenn es etwas zu essen gibt.
Ein Junge sitzt etwas abseits. Er starrt auf die anderen, aber mitspielen will er nicht. Nach ein paar Minuten erzählt er mir zögerlich seine Geschichte. Berichtet wie er nach dem Beben gleich zwei mal gerettet wurde. Er war verschüttet und wurde ausgegraben. Dann aber wurde er völlig geschwächt ohnmächtig und die Retter dachten, er wäre tot. Es war keine Zeit ihn zu untersuchen. Zu viele brauchten Hilfe. Und in diesen ersten Tagen herrschte das Chaos. Kein Krankenwagen, den man rufen konnte, kein Notarzt der kam. Den Jungen warf man zu den Toten am Strassenrand. Stunden später wacht er auf. Unter ihm Tote, neben ihm und sogar auf ihm lagen Leichen. Er schreit. Stundenlang. Doch die Retter in den Strassen denken es sind Hilferufe aus den Trümmern. Erst spät - für unsere Vorstellungskraft viel zu spät - werden sie auf den Jungen aufmerksam, ziehen ihn aus dem Leichenhaufen.
Und jetzt sitzt dieser Junge abseits seiner Freunde und schweigt wieder. Ich bin noch gefangen in seinen Worten. Starre ihn wahrscheinlich schon seit Minuten an. Er sieht meinen Blick, erwidert ihn und lächelt.

Wieso lächeln diese Menschen? Wieso weinen sie nicht? Aber ich ich sehe keine Tränen. Bei dem Jungen nicht und auch nicht in der Stadt. In den Krankenhäusern ja. Dort weinen viele Kinder. Wenn ihnen die Verbände gewechselt werden. Da wo sie früher Arme und Beine hatten und jetzt nur noch Stümpfe sind. Noch liegen sie etwas beschützt in den Krankenzimmern. Noch müssen sie nicht raus ins Nichts. Ein Pfleger schaut in den Raum, sieht die vielen Amputierten und geht raus auf den Gang. Er weiß um ihre hoffnungslose Zukunft. Wenn in Deutschland ein Kind ein Arm oder ein Bein verliert, dann bekommt es eine Prothese, Therapien und Förderung. In Haiti bekommt es - nichts. Die einzige Prothesenfabrik des Landes liegt in Trümmern. Geschulte Therapeuten gibt es nicht. Geschätzte 6.000 Amputationen gab es nach dem Beben. Diese Menschen zu versorgen, ihnen eine Zukunft zu geben. Das ist für Haiti wohl genauso wichtig, wie der Wiederaufbau. Der Pfleger dreht sich zu mir um und sagt ganz leise: Eine ganze Generation ist amputiert. Was soll nur werden?

Die Antwort kennt hier noch niemand. Bald beginnt die Regenzeit und dann werden die Notlager von den Wassermassen weggeschwemmt. Es könnten Seuchen kommen, es könnten weiter viele Menschen sterben.

Ja, die Menschen in Haiti brauchen noch heute Hilfe. Sehr viel Hilfe, aber Trost brauchen sie von uns nicht. Den haben sie selber.

Wir haben nur unser Rückflug-Ticket.

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