pepperonina 26.09.2008, 15:44 Uhr 0 1

Sonntag ist Selbstmord.

Er quälte sich aus den surrealen Welten seiner Alkträume zurück in sein versifftes Bett.

Ein unheimliches Geräusch, blechern und scheppernd, hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Die Hitze hatte sich während der späten Morgenstunden in seinem Kabuff in gleichem Maße ausgebreitet, wie sie den Sauerstoff schlichtweg absorbiert hatte.

Sein Körper zerfloss unter ihm in Schweiß, sein ausgetrockneter Mund fühlte sich an wie eine Salzhöhle und selbst das Atmen kostete ihn eine Anstrengung, die es nicht wert zu sein schien. Immerhin gelang es ihm, die rasselnden Tonfolgen in einem – zumindest geistig lichten Moment – als seinen eigenen schnarrenden Atem zu entlarven.

Denn als er seine verklebten Augen qualvoll öffnete, stellte er fest: ER WAR BLIND!!!

Der erste Schock ließ ihn hochfahren, um sogleich wieder, von der unangemessenen Anstrengung erschöpft, gebrochen auf seine Bettstatt niederzufallen.

Beachtlich schnell stellte er nach etlichen Schrecksekunden erleichtert fest, dass er noch immer die Sonnenbrille trug und kombinierte mit überraschender Geistesschärfe, dass er vermutlich wohl deshalb nichts sehen konnte. Mit einer schwachen Handbewegung fegte er sie sich vom Kopf. Immer noch Dunkelheit.

Ob es sich lohnen würde, die schwarzen Jalousien zu öffnen? Seine Ermattung nahm ihm die Entscheidung ab. Die Hitze war einfach zu überwältigend. Und wieso fühlte sich sein Kopfpolster gleich zermatscht und klebrig an wie seine Gedanken?
Er fühlte sich seekrank, von Übelkeit und Sauerstoffmangel hilflos ans Bett gefesselt, der Tod schien ihm als leichter Ausweg.

Obwohl, selbst das Sterben war an so einem Tag mit Anstrengung verbunden, so dauerte es in seinem jetzigen Zustand und bei – zumindest medizinisch gesehen – vollem Bewusstsein sicherlich noch endlose bittere Stunden, bis er abtrat. Und das, ohne auch nur die Hälfte seiner – unlängst in einem Zustand vorübergehender lebensbejahender Euphorie – angefertigte „50 things to do before you die“-Liste abgearbeitet zu haben.

Es fehlten noch so essentielle Dinge wie

1. sich scheiden zu lassen (gut, dafür fehlte ihm ohnehin eine Frau und seit er im vergangenen Mai zu später Stunde der Pfarrersgattin unflätige Obszönitäten nachgrölte, bevor er unter dem lauten Applaus der ihn anfeuernden Dorfbevölkerung mit einem – wie ihm dünkte – flotten Lied auf den zum Pfeifen geschürzten Lippen, schwankend versucht hatte, eine Straßenlaterne zu begatten, galt er ohnehin nicht mehr als Feuchttraum der ansässigen Frauenzimmer und so stellte dieser Punkt an sich ja schon eine nur schwer zu überwindende Hürde dar),

2. wollte er vor seinem Ableben noch unbedingt als Marilyn-Manson-Double seine eigene Triangelversion des Eurythmics-Hits „Sweet Dreams“ im koreanischen Karaoke-Club „The Korean Karaoke-Club“ vortragen, an der er monatelang mit einem an Besessenheit grenzenden Perfektionismus gefeilt hatte,

3. MUSSTE er Harry von Schwängel (Sohn), diesen arroganten Sproß eines Adelsgeschlechts, endlich einmal beim Halma demütigen und

4. konnte er nicht abtreten ohne zumindest seinem engen Vertrauten Schulz den Soundtrack für seine eigene Trauerfeier diktiert zu haben.

Vor allem Letzteres schmerzte ihn sehr. Sich vorzustellen, jemand möge in wohlgemeinter Absicht, jedoch wegen eines nicht wieder gut zu machenden Mangels an Wissen Elton Johns „Candle in the wind“ von einem gregorianischen Männerchor zum Besten geben lassen oder eine Panflötenversion von „November rain“… Das durfte nicht passieren, er musste leben!

„Wasser!“, brach es krächzend aus seiner trockenen Kehle hervor. Doch wer sollte ihn hören? Sein im Übermaß ambitionierter, jene einen Brechreiz hervorrufende Art von Ehrgeiz besitzender Mitbewohner (er wusste nicht mehr, wie er hieß, doch ihn nach 1 ½ Jahren des Zusammenlebens noch nach seinem Namen zu fragen, erschien selbst ihm etwas unhöflich), dem er wohl schon lang ein Dorn im Auge war, hatte schon längst das Haus verlassen. Und selbst wenn er ihn hören würde, dämmerte es ihm in seinem zu zerbersten drohenden Schädel, wäre es ihm wohl eine Freude, ihn dahinsiechen zu sehen.
Endlich setzte er sich auf, völlig resigniert und etwas desillusioniert. Die Pizza, auf der er eingeschlafen war, schmiegte sich sanft um seine untere Gesichtshälfte. Er zupfte sich die Käseflusen aus dem Bart und stopfte sich Gorgonzola, reif und lecker, in den Mund. Als er seine Beine endlich aus dem Bett schwang, tappte er in eine Pfütze aus bröckeligem Nass. Seine Augen hatten sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt. So sah er, dass er wohl in der Nacht, anstatt das Fenster zu öffnen und – wenig nobel – hinauszubrechen, sein Mötley Crüe-Poster zur Seite gerissen und gegen die Wand gekotzt hatte.

So konnte es nicht weitergehen. Er würde ein Leben als respektabler Bürger beginnen. Gleich morgen würde er seinen Kumpel Schulz anrufen, der sich seinen kargen Sold in diesem Homo-Schuppen als Gogo-Tänzer aufbesserte. Ob er es wohl ernst gemeint hatte, als er sagte, dass er einen klasse Hintern habe?
„Vielleicht liegt meine große Zukunft ja im Tanz“, murmelte er selbstvergessen. „Und wenn nicht, dann werd ich eben Zirkusdirektor!“

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