Sarah_Kuttner 13.01.2011, 10:50 Uhr 5 5

Sie hängt an der Nadel

Nur ein weiterer alberner Retrotrend - oder das beruhigendste und befriedigendste Hobby der Welt? Autorin Sarah Kuttner gesteht: »Ja, ich stricke.«

Auf dem Heimweg geriet ich an einen anstrengenden Taxifahrer. Kaum saß ich auf dem Rücksitz, fragte er: »Und, wat ham Sie heute Produktives jemacht?« Ich murmelte: »Ich war zu Gast in einer Fernsehsendung.« Mir ist vollkommen klar, wie affig sich das anhört - aber was sollte ich sonst sagen? Er atmete aus, als wäre ich ihm eine untragbare Last. »Nee, ick meinte: Hammse richtig wat herjestellt?« Ich versuchte es mit meinem Buch. »Ich habe ein Buch geschrieben!« - »Na ditt hammse ja nu ooch nich richtig produziert, wa?«

Zwanzig frustrierende Minuten später, in denen ich mich mit zornesroten Bäckchen gegen den Vorwurf der Nutzlosigkeit zu verteidigen versuchte, stieg ich wütend und ohne Trinkgeld zu geben aus dem Taxi aus. Erst im Hausflur fiel mir ein, was ich hätte sagen sollen, aber es war zu spät, um auf die Straße zu laufen und dem Taxifahrer hinterherzubrüllen: »Ich bin sehr wohl produktiv, Sie blöder Arsch! Ich stricke!«

Angefangen hat das Stricken bei mir genauso wie Stricken seit Jahrhunderten anfängt: mit einer Oma. In meinem Fall: meiner Oma. Vor etwas über einem Jahr bat ich sie, mir dieses geheimnisumwobene Handwerk beizubringen. Ich bin generell ein Freund von Friemeleien mit der immer gleichen Abfolge von Arbeitsschritten. Mit Knallfolie kann man mich stundenlang unterhalten, ich wäre auch geeignet als Erbsenauslöserin oder professionelle Krabbenpulerin.

Oma freute sich über mein Interesse, zückte Wolle und Rundnadeln und fing an, mir leidenschaftlich, aber auch nahezu unverständlich die Grundschritte zu erklären. Masche aufnehmen, rechte Masche, linke Masche, Randmasche. Ein mühseliges Unterfangen. Besonders den Moment, in dem man den Faden holen und auf eine bestimmte Art durch eine Masche ziehen muss - für Oma war das der uninteressanteste Schritt, den sie besonders schnell, unnachvollziehbar und mit einem schnittigen »und zack!« vollzog. Jeder, der selbst mal etwas lernen möchte, weiß, dass ein schnelles »und zack!« für Verwirrung und Frustration sorgt.

Irgendwann hatte ich den Dreh trotzdem raus. Ich ging mit den ersten drei Reihen holperig kraus rechts Gestricktem (mein Übungsstück musste weiterverarbeitet werden, ich arbeite sehr ergebnisorientiert) nach Hause, um den ersten Schal meines Lebens zu stricken.

Zu Hause machte ich einen nicht nachvollziehbaren Fehler (ziemlich sicher an einer »und zack!«-Stelle) und saß plötzlich mit einem Haufen loser Maschen auf dem Sofa. Also zog ich meinen zweitwichtigsten Erziehungsberechtigten zu Rate. Das Internet.

Auf YouTube fand ich einen zauberhaften Videoblog einer Dame mit österreichischem Akzent (eliZZZa13), die sehr langsam und vermutlich mit einer Brillenkamera die Grundschritte des Strickens erklärte. Sicher mit weniger Liebe als Oma, aber eben auch mit weniger »zack!«. In dieser Nacht saß ich bis vier Uhr morgens an einem roten Schal. Dessen Fortschritt ich alle halbe Stunde fotografierte.

Stricken macht süchtig, sagt man. Witzbolde sagen kichernd: »Du hängst an der Nadel.« Stimmt! Sobald der Schal fertig war, forderte ich mich heraus. Jetzt eine Decke, bitte schön! Bunt, aus verschiedenen Stücken. Wenn schon keine Patchworkfamilie, dann bitte eine Patchworkdecke! So verbrachte ich drei Monate damit, insgesamt 42 topflappengroße Quadrate zu stricken und dann miteinander zu verbinden.

Ich will nicht lügen: Es waren anstrengende drei Monate. Ich strickte, wo und wann immer es ging: beim Fernsehen (ich habe die zweite Staffel von »Mad Men« nicht gesehen, nur gehört), im Flugzeug, backstage, vor und nach Lesungen, beim Kaffee mit Freunden (Mein Freund fand das enorm unhöflich, ich nicht. Stricken wirkt in alten Filmen immer durchaus kleidsam) und immer, wenn ich irgendwo warten musste.

Ein weiteres Klischee über das Stricken ist ja, dass es beruhigt. Stimmt auch! Ich bin ein aufbrausender Mensch, aber das Stricken hat diverse Male meine Beziehung gerettet. Ich beanspruche sogar die Erfindung des Begriffes »runterstricken«. Im Grunde ist es eine weniger sexy Variante von Yoga. Wenn ich heiße Wangen und ein galoppierendes Herz bekomme, setze ich mich in die nächste Ecke und stricke mich runter.

Wie jede exzessive Tätigkeit hat natürlich auch das Stricken Nachteile: Besonders in den ersten Wochen schlief ich schlecht. Wenn ich als Teenager zu lange Gameboy gespielt hatte, stapelte ich im Schlaf weiter geometrische Figuren aufeinander oder sprang mit dem Kopf gegen kleine Quader, um Münzen zu bekommen. Mit dem Stricken ging es mir auf uncool erwachsene Art genauso. Eine zünftige REM-Phase konnte mein Körper partout nicht mehr einleiten, weil ich wie eine Bekloppte im Schlaf weiterstrickte. Seither verbiete ich mir, direkt vor dem Schlafen zu stricken. Ein weiteres Manko ist, dass ich beim Stricken irgendwas physisch falsch mache. So sehr es mich geistig entspannt, so sehr verspannte mich das stundenlange Stricken besonders am Anfang rein körperlich. Ich musste mich wegen akuter erstrickter Verspannungen tatsächlich zweimal professionell massieren lassen.

Nach sehr langen drei Monaten waren 42 farbige Quader fertig, die ich mit meiner Nähmaschine aneinander nähte und natürlich auch mit einem selbst gebastelten Label versah. Ich will hier niemandem etwas vormachen: Ich war stolz wie Bolle. Die Decke ist riesig, sie ist schwer, vollgesogen mit Schweiß und Staub aus den verschiedensten Ecken Deutschlands, sie erzählt von meiner Schlaflosigkeit, meinen Verspannungen und Beziehungskrisen, von unzähligen gehörten Fernsehserien. Ich verschickte Dutzende Fotos an die Familie, an viele Freunde und entfernte Bekannte. Ich erntete Lob, aber auch mildes Lächeln: »Niedliches Hobby.« »Was willst du überhaupt im Sommer mit dem ganzen Strick?« Aber um Virginia Jetzt! zu zitieren: »Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner, und am Ende ein ganzer Sommer.« Und dann ein Winter! Jetzt schreibe ich diese Zeilen eingewickelt in 42 wärmende Strickquadrate. Ich könnte nicht zufriedener sein.

Natürlich war dieses Projekt nicht das Ende meiner neuen Leidenschaft. Ich habe inzwischen von der Frau auf YouTube alles Mögliche gelernt: Ich kann ein Zopfmuster stricken, theoretisch auch ein paar andere, eher altbackene Muster wie das Ajourmuster oder das Perlmuster. Ich bin allerdings Strickpurist und stricke am liebsten sehr einfache, klassische Varianten, zu groß ist die Gefahr, andernfalls wie eine Schaufensterpuppe von Urban Outfitters auszusehen.

Ich habe mir außerdem das Stricken von verschiedenen Mützen beigebracht, ich habe Stulpen und Pulswärmer und Schlauchschals für Freunde gestrickt, ich habe sogar den Dreiecksschal erfunden, der viel lässiger als ein normaler Schal aussieht und auf tausend verschiedene dekorative Arten um einen Körper geschlungen werden kann. Meiner Oma, die nach unserem gemeinsamen Abend selbst das Stricken wieder für sich entdecke, habe ich seitdem noch einiges beigebracht. Der Dreiecksschal hat sie nämlich ziemlich beeindruckt, ich habe es ihr langsam und ohne »zack!« erklärt. Seitdem schickt sie mir immer von ihrem iPhone (eine andere Geschichte ?) Fotos ihrer Fortschritte.

Von Freunden werde ich immer noch ab und zu belächelt. Auch wenn in den vergangenen Monaten das Stricken eine Art Renaissance erfuhr (zumindest lese ich immer mal wieder, dass irgendeine Zeitschrift es als den neuen heißen Scheiß deklariert), gibt es vermutlich anmutigere, billigere und auch deutlich zeitsparendere Hobbys. Und in Zeiten, in denen ein total okayer Schal bei H&M zehn Euro kostet, muss man natürlich auch nicht stricken. In einen durchschnittlich langen, selbst gestrickten Schal investiert man einiges an Zeit und mindestens 25 Euro in Wolle.

Individualitätsfetischisten, die jetzt die knochigen Fäuste in die Luft recken und skandieren: »Wir wollen, was sonst niemand hat!«, sage ich: Das ist mir egal. Ich glaube, was mich wirklich kriegt, ist, was der blöde Taxifahrer schon sagen wollte: Ich stelle etwas her. Und als jemand, der inzwischen schon fast sein halbes Leben nur vor Kameras rumsteht und nicht in einer Backstube; als jemand, der sich zumindest theoretisch fast alles kaufen kann, statt es herstellen zu müssen, ist es eine fast manische Freude für mich, etwas tatsächlich mit den eigenen Händen entstehen lassen zu können.

»Zwei rechts, zwei links« macht übrigens außer für das Stricken von Bündchen keine Sau mehr! Man erhält dabei nämlich ein fieses Neunzigerjahre- Raverpullover-Rippenmuster, und dafür kann man auch echt zu »New Yorker« gehen.

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    Kann ich nachvollziehen. Am Anfang fand ich Stricken total doof. Aber dann hat es irgendwie Spass gemacht, diese repetitiven Bewegungen, das wegdriften in Gedanken, und dann dieser Witz eines Schals den ich irgendwann anno 1998 fertig hatte. Löchrig, viel zu breit, fast quadratisch, patschrot. Egal, war prima. Viele Dinge erscheinen einem erst doof, bis man es selbst probiert. Ich stricke nun nicht mehr (ain't nobody got time for this shit!) aber vielleicht irgendwann wieder.

    24.10.2013, 10:05 von Talismere
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    Liebe Sarah und auch alle anderen Stricker/innen und die die es werden wollen ... Es gibt eine tolle Gruppe auf Facebook namens Nadelspiel, die von eben dieser elizzza gegründet würde. Mit den videos auf you Tube lernt jeder stricken ... Ansonsten gibt es auch eine eigene Community namens ravelry.com 

    24.10.2013, 09:30 von Sisa45
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    ich will das auch können. aber ich hab keine oma und bin doof.

    22.10.2013, 23:48 von Ozelotte
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      Mit der lieben elizzaaa lernt jeder stricken, auch wenn man, so wie ich, Knoten in den Fingern hat... ich stricke Socken im Akkord und bin absolut tiefenentspannt.;)

      24.10.2013, 09:46 von seiduselbst
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    Ich arbeite bei NewYorker. Da gibts keine Raverpullis mehr. =(

    22.10.2013, 23:23 von PinkahPandah
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