Kiyan 20.02.2009, 23:10 Uhr 4 6

Seelenkriege

…an Tagen wie diesem.

Stehst morgens auf und könntest schreien. Einfach so.

Vielleicht schlecht geträumt oder unruhig geschlafen. Vielleicht hat es über Nacht im Kopf aber auch nur „Klack“ gemacht und irgendetwas da drin hat sich entschieden, dir heute den Tag zu vermiesen. Und das gründlich. Dann ist alles schwarz. Als gäbe es keine Farbabstufungen mehr. Weiß existiert nicht. Dir ist zum Heulen. Fühlst dich schäbig und dreckig. Bist nichts wert. Wenn du Pech hast, geht das den ganzen Tag so. Und wie es so ist, hast du das Pech.

Es ist noch nicht mal ein Anflug von schlechter Laune. Die könnte man noch ertragen. Sie ausleben. Wütend sein. Sich ärgern oder sonst was. Einfach nichts. Es ist, als wäre kein Leben in dir. Unerträgliche Leere. Stillstand. Kein Vor, kein Zurück. Schmerzende Starre, die dich innerlich bewegungslos macht. Trotzdem tust du die Dinge, die zu tun sind. Weil es sein muss. Mechanisch und ohne Lust.

Der Verstand meldet, dass du dich nicht so anstellen sollst. Dass alles ok ist und es dir doch eigentlich gut geht. Aber nichts ist gut. Sagt das Gefühl. Gefühle können gemein sein. Und hart. Sie ersticken jegliche Regung in dir, vergiften deine Gedanken. Wenn du überhaupt in der Lage bist, zu denken. An so einem Tag wie diesem.

Und wenn du doch denkst, sind es keine guten Gedanken. Destruktiv und hämmernd. Die ganze Welt hat sich gegen dich verschworen. Einsamkeit presst dir die Brust zusammen. Erinnerst dich nur an die negativen Dinge in deinem Leben. Nichts war gut. Hast alles falsch gemacht. Glaubst, dass dich niemand mag, niemand wirklich liebt. Bist einfach nur irgendwas aus Fleisch, was darauf wartet, in der Erde zu verfaulen. Bald oder irgendwann.

Suhlst dich im Selbstmitleid ohne wirklich zu jammern. Glaubst, dass alles so ist wie du es gerade fühlst. Und das lässt dich nicht los. Starrst an die Decke und siehst die hässlichen Fratzen, die dich hämisch angrinsen und deine miesen Gefühle bestätigen.
Bist ein kleiner, nichtssagender Wicht. Hast nichts von dem verdient, was du dir wünschst. Liegst zitternd und ängstlich auf dem stinkenden, modrigen Boden deines selbstgebauten Kerkers. Gebaut aus den ewigen Selbstzweifeln. Kein Licht, keine Luft. Hörst nur das Hin- und Herhuschen der fetten Ratten, die nur darauf warten, ihre Zähne in deinen alten, verbrauchten Körper zu schlagen. Und auch das hast du verdient.

Natürlich. Was sonst.

Weißt ganz genau, dass es nicht die Fratzen sind, die dich verhöhnen. Nicht die Ratten, die dich Stück für Stück zerfetzen wollen. Du bist es selbst. Du mit deiner Hoffnungslosigkeit und der ewigen Sehnsucht nach Liebe. Kannst nicht glauben, dass nichts von dem wahr ist, was du da fühlst. Hast vergessen, dass du nicht alleine bist. Dass jemand da ist, der dich sieht und an dich glaubt. Der weiß, was du wert bist. Doch es nützt nichts. Kommt nicht an dich heran. An Tagen wie diesem.

Weil du dich selbst nicht siehst. Dein Spiegelbild ist leer. Für dich gibt es dich einfach nicht. Bist blind und taub. Hast immer noch nicht begriffen, dass die Seelenkriege mit dir selbst schon lange zu Ende sind. Dass die bösen Schatten der Vergangenheit längst verblasst sind. Dein Verstand weiß auch das. Doch das Gefühl in dir will es nicht wissen. Es hat Angst. Ist beherrscht von Unglaube und Misstrauen. Arbeitet stattdessen weiter an den dicken undurchdringlichen Mauern deines Kerkers, der sich Selbstschutz nennt. Und Feigheit vor dem Leben.

Verachtung und Hass brodelt in dir. Verachtender Hass auf dich selbst. Hast kein gutes Wort für dich übrig. Kennst es nicht anders, hast es nicht anders gelernt. Dein Verstand wehrt sich gegen diese Gefühle. Die nicht wahr sind und die dich irgendwann zerreißen werden, wenn du nicht aufpasst. Weißt genau, dass du darüber mit jemandem reden könntest. Bist dir bewusst, dass es dich von diesen Gefühlen befreien könnte. Aber du bleibst stumm. Die ungesagten Worte drohen dich zu ersticken. Niemand bemerkt deinen inneren Kampf. Niemand sieht die Verzweiflung und das Flehen nach Hilfe in deinen Augen.

Bist ein Schauspieler geworden. Beherrschst deine Rolle, perfekt bis ins kleinste Detail. In einem billigen Stück, das du selbst geschrieben hast und dessen Ende niemand kennt. Am wenigsten du selbst. Stehst auf der Bühne deines beschissenen Lebens, gezimmert aus dünnen knarrenden Brettern, die jede Sekunde zu durchbrechen drohen. Es ist, als wartest du geradezu darauf, hinuntergerissen zu werden. Zu verschwinden in der Dunkelheit des Nichts. Für immer. Dorthin, wo du hergekommen bist und wieder hingehörst. So, wie du es verdienst. Begleitet von dem tosenden Applaus der bösen Geister und Dämonen deiner verletzten Seele. Einem Publikum, dem du die Eintrittskarten selbst verkauft hast.

Nein. Es hat keinen Sinn. Du bist wehrlos dagegen. Dich werden diese Gedanken, dieses unerträglich brennende Gefühl heute nicht loslassen. Das weißt du ganz sicher. Und es kotzt dich an. Aber wenigstens ist es ein Gefühl, dessen du dir sicher sein kannst. Wenigstens das.

Morgen.

Vielleicht morgen.

Vielleicht.

Aber nicht an einem Tag, wie diesem.

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    “Was haben sie Dir erzählt?”
    Es gibt Textpassagen, die bekommt man nicht mehr aus seinem Kopf und diese Textpassage einer lieben Freundin ist in mir fest verankert, auch wenn sie nicht mir galt.
    “Was haben sie Dir erzählt?”

    Wie viel Ablehnung muss ein Mensch erfahren haben, bis er sich selbst für ein Nichts hält? Wie oft muss er vergeblich nach Liebe gesucht und Berechnung erlebt haben? Wie oft hat da ein Stärkerer seine Macht demonstriert, ohne Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse des Schwächeren?
    Oft genug, um zu glauben, dass das Falsche, das man ihm vermittelt hat, das Reale ist?

    Wie lange dauert es, das falsche Bild in ein richtiges zu verwandeln? Wie oft muss man dem vermeintlichen Nichts sagen, dass es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, sondern vor allem bunt. Und dass er so bunt ist wie kaum ein anderer? Wie oft muss er “Ich liebe Dich” hören, um glauben zu können, dass er wirklich liebens-wert ist?

    Macht das überhaupt einen Sinn? Wird er es überhaupt jemals fühlen können? Oder sein Leben lang nur nach der Liebe derjenigen lechzen, die sie ihm nie geben werden? Ist es überhaupt möglich, dass die Liebe eines Menschen die fehlende Liebe eines anderen ersetzt?

    Ich weiß keine Antwort. Aber ich bin froh, auf diese Fragen keine Antwort finden zu müssen. Weil ich die Liebe bekam, die ich brauchte.

    Dennoch denke ich, dass es irgendwann an der Zeit ist, mit der Vergangenheit abzuschließen.
    “Was haben sie Dir erzählt?” Dass Du ein Nichts bist? Ich sage Dir eins - Sie haben gelogen.

    21.02.2009, 10:02 von Songline
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    Kiyan... Wie gut, dass Du wieder da bist.

    20.02.2009, 23:22 von Steifschulz
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