wirsindamselbenheimwehkrank 21.03.2018, 21:10 Uhr 22 8

Schreibblockade

(..)

Ich wollte über einen Verlust schreiben, doch bevor ich dazu in der Lage war, verlor ich meine Sprache.
An und für sich ist das nicht schlimm, ich verliere ständig Dinge. 
Gerne auch mein Herz an fremde Männer in der S-Bahn.



Gestern erst lief ich verträumt zum Bahnhof, als ich einen sonderbaren Geruch wahrnahm. Erinnerungen an sich leicht drehende Karusselle im Wind spielten sich vor meinen Augen ab, ich übersah fast die letzte Stufe. Vor mir lief ein junger Mann, ich war mir sicher, nein - ich bin mir sicher, er war der Ursprung des Duftes. 
Ich stellte mich ein paar Meter entfernt neben ihn ans Gleis, unsere Blicke trafen sich nicht. Wir standen vor einer beleuchteten Reklametafel, darauf ein Werbeslogan für Online-Dating. Mein Unterbewusstsein griff nach meinem Smartphone, welches keines mehr ist, da ich die Lust daran verlor und meine Finger fuhren kurz über die Tasten meines neuen Handys. „Jederzeit erreichbar und trotzdem einsam“ dachte ich mir trotzig und kickte ein paar Steine mit meinen Stiefeln ins Gleisbett. 
Als die Bahn einfuhr stieg er 2 Türen weiter ein, ich beeilte mich, um ihn nicht in der Menschenmasse zu verlieren. Diese zähe Masse mit ihren dumpfen Körpern, die sich jeden Tag wie ein Virus durch diese Stadt frisst. Jeder auf seine eigene Art und Weise verloren.
Der Platz ihm gegenüber war noch frei, also setzte ich mich und sah ihn fordernd an. Er starrte auf sein Handy, ich starrte ebenfalls auf sein Display. Das war unsere einzige Gemeinsamkeit. Ich beließ es dabei.
Ist das die Geschichte, die ich erzählen möchte? Nicht wirklich.



Die meisten Dinge, die ich verliere, bleiben auch verloren. Das muss so sein. Filter, die aus der Manteltasche fallen erscheinen schließlich nicht urplötzlich wieder in jener, meine Lunge lächelt dankbar.

Einzig der Verlust der Sprache ist zeitlich begrenzt, irgendwann kommt sie immer wieder zu mir zurück, wir führen eine schäbige Beziehung. Das weiss ich, weil ich noch nie mit jemand anderem eine Beziehung geführt habe, ich bin der Sprache treu, sie ist es nicht. 
Dabei ist es nicht so, dass sie mich hintergeht, sie ist bloß abwesend und hinterlässt mir keinen Hinweis, wann sie zurück kommt. Mein Mund bewegt sich dann wie ein stummer Fisch, auf und zu, heraus kommt ein bleiernes Geräusch, mehr nicht. Meine Mitmenschen verstehen das nicht, was ich ihnen nicht übel nehme, deshalb lebe ich in diesen Phasen fernab von Zwischenmenschlichkeiten, meine Samtvorhänge ziehe ich bloß zurück um zornig der Sonne entgegen zu starren, ansonsten schweige ich. 
Dabei fühle ich mich stets etwas schlecht, des Schweigens wegen, es ist der Lückenbüßer.
Das Schweigen und ich führen eine angenehme Zweckgemeinschaft, ich gebe ihm ein Zuhause und es nimmt mir meine Einsamkeit. Dabei sprechen wir nie miteinander. Ich glaube, das ist nicht seine Art. Ich akzeptiere das und sehne mich heimlich nach der Sprache. Wenn man es sich nur lange genug einredet, hält man das Schweigen irgendwann für die eigentliche Sprache, doch das sind stets Hirngespinste, denn die Sprache weiß darum und kehrt stets pünktlich zu mir zurück.



Vor kurzem gaben Freunde ein Abendessen, die Sprache und ich gingen zusammen aus, eine Freundin beschwerte sich, ihr Freund verliere so viele Haare momentan, sie sorge sich. 
„Mit Glatze würde er aussehen wie Meister Proper“ warf die Sprache ein und ich trat ihr unter dem Tisch auf den Fuß. Sie schwieg beleidigt. 

Nun sitze ich hier, durch meine linke Ohrmuschel zieht sich ein leises Rauschen, wie eine sich langsam entfernende U-Bahn. Somit steht das schweigen auf Stand-by und die Sprache vermutlich nicht unweit davon entfernt, bloß wird es noch immer früh dunkel.

Dann und wann sagt eine leise Stimme in mir „Sie hat dich bestimmt vergessen, die Sprache“. 
Das kann ich nur belächeln. Auf verlieren reimt sich schließlich visieren.

8

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22 Antworten

Kommentare

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  • 4

    schreibblock, ade! (schwäbische mundart)

    23.03.2018, 13:25 von ga
    • 1

      na haja, desch kommd aufsch Glaiche rausch odr ned?

      23.03.2018, 20:24 von Gluecksaktivistin
    • 4

      mir senn doch koine sch'tis...

      des hoißt: des lauft uffs gleiche naus.
      oddr: isch oineweg wurscht.

      24.03.2018, 12:47 von ga
    • 1

      i bin hald aa a Frängin und kaane Schwäääbin ^^

      24.03.2018, 13:23 von Gluecksaktivistin
    • 1

      da is dr dod scho ned so hadd.

      27.03.2018, 10:06 von ga
    • 0

      Joa, mir sin die middm hardn und dem weichm "B" :D

      27.03.2018, 10:15 von Gluecksaktivistin
    • 1

      bassd scho

      27.03.2018, 12:20 von ga
    • 0

      freili

      27.03.2018, 14:26 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

    22.03.2018, 13:53 von sailor
    • 3

      oder schreiben.

      22.03.2018, 14:02 von wirsindamselbenheimwehkrank
    • 3

      Ja.
      Oder singen.

      22.03.2018, 14:03 von sailor
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  • 0

    Ich finde den Anfang gut geschrieben, aber dann wird es für mich zu introvertiert. Ich hätte eher etwas erwartet, das in der literarischen Tradition von Baudelaire steht, à la " un regard, puis la nuit" aus "à une passante", da mit dem Duft, dem Geruch, so etwas wie eine Option auf Synästhesie angelegt ist, aber dann kommt viel Grübelei und Innenschau und die Erkenntnis, dass es deswegen beim lyrischen Ich noch nicht zu einer Beziehung gekommen sei. ... Etwas mehr Action bitte, der Anfang ist so vielversprechend!

    22.03.2018, 11:34 von green_tea
    • 7

      Ich bin weder Baudelaire, noch ein Actionheld. Deswegen ist es auch nicht "à la Baudelaire" sondern nach mir.

      22.03.2018, 11:39 von wirsindamselbenheimwehkrank
    • 0

      Den Einwand finde ich gut! Mich erinnert Deine Bahnhofszene entfernt an ein synästhetisches Erlebnis, das mir vor Jahren in der Albertina widerfuhr, wo ich eine Besucherin entdeckte oder besser olfaktorisch wahrnahm, ich folgte ihr durch die ganze Ausstellung mit gebührlichem Abstand, keine Bilder, nur sie wahrnehmend. Ich folgte ihr sogar, einem Stalker oder Verrückten gleich, den ganzen Nachhauseweg, bis zur ihrer Wohnung, ohne dass sie mich wahrnahm. Ich war elektrisiert, von ihr und ihrem Duft. Ein sonderbares Erlebnis. Sie war schwarz und sehr schön, glaube ich, langes Haar aus winzigen Locken. Eine Erinnerung, mehr nicht, eine komische. Vielleicht keine, über die man schreiben sollte?

      22.03.2018, 11:44 von green_tea
    • 9

      doch doch. alles gut.
      Stalker- und VerrücktenOuting kann ein erster Schritt sein.

      22.03.2018, 12:33 von schauby
    • 0

      Nicht von sich auf andere schließen. Ich weiß, dass ich völlig normal bin, ja sogar hundsgewöhnlich, während Sie sich für etwas ganz Besonderes halten. Nicht mein Problem.

      22.03.2018, 13:10 von green_tea
    • 6

      "Sie"? :D

      22.03.2018, 19:24 von mirror87
    • 3

      Gleich und gleich

      23.03.2018, 20:26 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Aaaaalter, du gehst ab.

      27.03.2018, 20:21 von bozton
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  • 5

    Hm, ist es dann nicht eigentlich eine Sprachblockade?

    Einige schöne Metaphern drin!

    Als ich fast Sechs Jahre alt war, konnte ich wirklich fast ein Jahr nicht reden. Immer wenn ich es versuchte, zog sich etwas schmerzlich in meinem Brustkorb zu. Nun Laber ich ständig, auch Dinge die keiner hören will...
    Siehste, schon wieder. ^^

    22.03.2018, 11:13 von Fin_Fang_Foom
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  • 0

    BloKKaKe - KKK

    21.03.2018, 22:57 von glurak
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  • 0

    Und visitieren. Das reimt sich auch. ;)

    21.03.2018, 21:15 von smillalotte
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