Schokolade
Wie gichtige Finger reckt sich das Geäst vor der nun frei gewordenen Fensterfront gegenüber.
Das Laub ist weg, es hat den vormals gepflegten Rasen unter sich begraben, retardierte Kompostierung findet statt, es ist kalt und unter den Inseln aus Blattwerk, die mühsam zusammengeharkt wurden, haben sich die ersten Igel eingefunden, um ungestört durch den Winter zu schlafen.
Vorher hatte das Blattwerk die direkte Sicht auf die Fenster gegenüber vereitelt, nun aber liegt das Leben der Anderen vor. Man sieht, wie die Leute in der Küche Spaghetti abgießen und die Scheibe von innen beschlägt und wie die junge blonde Frau weiter rechts sich ein Brötchen schmiert und es vor dem Verzehr einmal gepflegt platt drückt, wie eine Herzdruckmassage sieht das aus, mit beiden Händen da rauf und einmal ordentlich zugedrückt, die Teigware knuspert crunchy bis in den Musikantenknochen hoch, das ist der Klang, den Sounddesigner gerne eins zu eins aufnähmen, um damit Tiefkühlschrippen zu verkaufen.
Abends sehen die beleuchteten Fenster aus dem Haus gegenüber aus wie lückenhaftes Tetris und gerne würde man für Ordnung in den Aussparungen sorgen, also müsste zum Beispiel die Küche aus der zweiten Etage in die erste verbracht werden, was nicht ohne Verluste einherginge, also mindestens Tassen, wenn nicht mehr. Wie das wohl klänge, eine Küche in toto einfach ein Stockwerk tiefer, ein Rumsen und Klappern, gerade bei der Waschmaschine könnte es Probleme geben.
Auch wirkt es ein wenig wie ein Adventskalender, wie diese Pappdinger, wo hinter den Papptürchen hell erleuchtete Laternchen oder Sterne erstrahlen. Allerdings korreliert die Anzahl der beleuchteten Fenster nicht mit dem Datum, es sind zum Beispiel gerade zehn Fenster erleuchtet und wir haben gerade mal den vierten Dezember.
Es sieht so aus, als sei da wieder so ein unsteter und ungeduldiger Charakter am Werke. Diese Kinder, die einfach nicht warten können. Diese Kinder, die am ersten Dezember alle Türchen aufreißen, aus der Plastikmulde hinter der Pappe die Schokolade herauspulen und später, wenn alles verzehrt ist, herumgreinen und einen neuen Kalender einfordern, nochmal, noch mehr. In der Pubertät werden sie dankbar sein, dieses Gefühl schon einmal kennengelernt zu haben, nochmal, noch mehr, nochmal wichsen, noch mehr Bier, nochmal Party, noch mehr egal von was, nur keinen Adventskalender mit dieser weißlich angeschossenen Schokolade, das nun gerade nicht. Und noch mehr Stunk mit Mutti, die damals schon gesagt hat, "nee, wenn das alle ist, dann ist das alle und dann gibt's das nicht nochmal." Das lernt man dann davon, dass Dinge nicht aus dem Wasserhahn kommen und dass da auch nichts draus wird, wenn man die ganze Zeit herumningelt und droht und am liebsten tot sein will.
Vorweihnachtliche Stille herrscht nun im Hinterhof zwischen den alten verschnörkelten Altbauten, der Rasenkantenschneider steht im Keller und niemand grillt mehr. Hie und da flackert rhythmisch ein sternförmiges Licht im Fenster, im Wind schaukelt eine Lichterkette. Man sieht nun die Raucher frierend wie die Hunde, die vorm Supermarkt angeleint warten, auf den Balkonen stehen und die Zigaretten nur zur Hälfte geraucht ausdrücken, weil es einfach zu kalt und der akute Nikotinbedarf für's erste gestillt ist. Man geht dann öfter, aber kürzer hinaus. Das geht ein natürlich ein bisschen ins Geld, wenn man die Dinger nicht alle aufraucht.
Die Frau aus dem dritten Stock, die sich ihren Pony immer selber über der Spüle schneidet, schreitet wie ein Ibis durch den dichten Laubteppich, angetan mit einer riesigen Spiegelreflexkamera mit einem Riesenobjektiv. Sie guckt sehr ernst, sie macht Kunst, sie wählt die Motive sorgsam aus und erschrickt, als die Katze behende über den Zaun hechtet und durch das Motiv hüpft, just als sie auf den Auslöser drückt. Später sieht man in den Lokalnachrichten ein Foto, einen laubbedeckten Garten, durch den eine getigerte Katze springt, wie ein Streifen, da ist richtig Dynamik im Bild, die winterliche Starre ist völlige Nebensache. Man kann die Bilder online zum Sender schicken und es ist es ist tatsächlich mal etwas ganz Anderes, nicht immer nur Sonnenauf- oder -untergänge oder Kräne im Nebel. Meine Katze im Fernsehen!
Später, im zweiten Stock, teilen sich zwei Männer einen Joint und sie tragen Jacken, denn den Joint schmeißt man natürlich nicht zur Hälfte aufgeraucht weg, nur weil man friert und man hört sie lachen und reden. Irgendwann gehen sie zurück in die warme Küche, in ihren gut geheizten Adventskalender im Tetris House und teilen sich einträchtig die ganzen Schokoladenteile aus dem Pappkalender. Für jeden zwölf Stück.






Kommentare
'aufnähmen'?? ;D
07.12.2011, 05:14 von nyx_nyxnicht? doch. sag nich, dass das nicht geht. doch!
07.12.2011, 11:44 von lavishDoch, doch... geht schon. Ich finde es nur amüsant. Ich mag diese Art der konjugation nicht wirklich gern, stolpere dabei jedes mal und schreibe selbst Sätze um, damit ich sowas vermeide. Aber amüsant finde ich es doch jedes Mal.
07.12.2011, 14:59 von nyx_nyxVom Leben gelernt: Nie, nie, nieeee den Pony selber schneiden! Auch wenn es noch so einfach aussieht. :)
04.12.2011, 12:59 von topfbluemchenmit geodreieck und lineal vielleicht?
04.12.2011, 13:08 von lavishNee, nix...man schnippelt, und schnippelt und schnippelt...und irgendwann hat man dann nen Micropony, oder wie dat heißt ;D
04.12.2011, 13:09 von topfbluemchendas ist wie tischbeine absägen. irgendwann schmeißt du den dann weg. mit den stummelbeinchen kann da ja kein normal großer mensch mehr dran sitzen:-)
04.12.2011, 13:14 von lavishhast du nicht an deinen puppen geübt topfblümchen? kahle püppchen aber super diy-pony, sag ich nur!!!
06.12.2011, 00:01 von pocketIch hab damals meiner Skipper (Barbie's jüngerer Schwester oder so) ne Kurzhaarfrisur verpasst, weil Haare ja wieder wachsen. Ich warte heute noch darauf :D Aber sag mir, was ist ein diy-Pony?
06.12.2011, 11:11 von topfbluemchenoch ich hab auch an brüdern und tieren geübt... da kommen sie wieder, manmussnurdiekonsequenzen ertragen können (hausarrest, fernsehverbot - mir tssss)... und puppen entwickeln eine aorodynamik so mit glatze unglaublich!! :D do-it-yourself-pony;)
06.12.2011, 11:33 von pocketAchsooooo :D Mein Bruder war derjenige, der sich selber immer die abstraktesten Frisuren geschnitten hat! ;) Allerdings war er auch derjenige, der auf meine Babypuppe (mit Glatze, von Haus aus!) auf die Stirn dick und fett mit Kuli (!) seinen Namen verweigt hat.^^
06.12.2011, 11:35 von topfbluemchenähm, es soll verewigt heißen...
06.12.2011, 11:36 von topfbluemchenkreativer bruder, meiner hat sich des öfteren eine sicherheitsnadel durch die augenbraue gejagt... da waren meine scherenschnittexperimente eh kinkerlitzchen...oh schön eine tätowierte babypuppe!!! (mist leertase hängt immer wieder)
06.12.2011, 11:40 von pocketUuurgs, cooler Bruder! :D Der Ex von meiner besten Freundin hatte in jungen Jahren sich selbst ne Sicherheitsnadel ins Ohrläppchen gepiekt.
06.12.2011, 11:42 von topfbluemchendeppen sinds ;) aber ja die flegeljahre gehn vorbei und während ich noch bandshirts trage und mir die haare selber schneid trägt er hemd und krawatte und geht zum starfigaro:P
06.12.2011, 11:49 von pocket:D
06.12.2011, 11:56 von topfbluemchenja das mit dem pony muss geübt sein^^ ich mache das mitlerweile auch selbst, aber am anfang ging das auch hammerhart schief und kleinlich sein ist auch ganz böse^^