einmachglas 11.09.2011, 16:10 Uhr 1 4

Schaumal! Die Sonne scheint!

Danke Deutschland, weil dieser Satz in dir Sinn ergibt.

Glasklar, azurblau und wie geleckt steht der Himmel über mir, die Sonne strahlt aus seinen Tiefen wie eine faustgroße leuchtende Perle. Ich stehe wie elektrisiert und verzaubert zwischen meinen Koffern und staune nicht schlecht.

Die Freundin meiner Mutter, die zusammen mit ihr gekommen ist, um mich vom Flughafen ab zu holen reckt den Kopf gegen Himmel, wie eine Frühlingspflanze, als wäre ihr Überleben davon abhängig und versucht jeden wärme spendenden Strahl ein zu fangen.

Ich weiß es noch ganz genau, als wäre es eben erst passiert, aber dieser Moment liegt schon mehr als 15 Jahre zurück, an dem Tag bin ich nach Deutschland ausgewandert. Ganz im Sinne meiner Vorfahren, meinen Mitmenschen auf der ganzen Welt, bin ich zu neuen Ufern aufgebrochen, aber hier geht’s es nicht um mich.


Als nächstes sagt sie „Mhhh, Sonne!“. Ich gebe zu, ich war auch sehr berührt von der Sonne, aber nicht weil sie bloß da war, sondern wegen ihrer zarten, beinahe zaghaften Berührung und vor allem hatte ich während meiner Kindheit in einer 13 Millionen Stadt (Tehran) selten so einen dunkelblauen Himmel gesehen. Wer glaubt, in L.A. Würde ein schlimmer Smog über der Stadt schweben, dem empfehle ich einen kleinen Abstecher nach Tehran. Da ist es manchmal so finster (damit ich nicht dunkel gemeint), dass man die drohende Apokalypse förmlich schmecken kann, die die Menschheit in diese Welt bringt. Jeden Tag auf´s Neue und unermüdlich speien die Auspuff-Rohre Dreck um sich und die Schornsteine der Welt schloten fröhlich vor sich hin.

In meiner Kindheit, als noch Krieg herrschte zwischen Iran und dem jetzt richtig kaputten Nachbarland Irak, da war die Luft auch besser. Es war eine der angenehmen Nebenwirkungen des Krieges, dass die Leute nicht mehr so sinnlos durch die Gegend gefahren sind, aus Angst es könnte sie eine Bombe erwischen. Wer es sich leisten konnte, ist auf´s Land gezogen und die Anderen hielten den Ball flach, verbarrikadierten sich und ihr Heim und spielten das lustige kleine Spiel des Überlebens.

Eben in jene Zeiten, da die Sonne so wunderbar und unermüdlich auf die Dächer und Straßen der stillen Stadt schien, da bin ich oft am frühen Nachmittag, nach dem Essen (als die anderen geschlafen haben), bei guten 42 Grad im Schatten raus, auf mein Fahrrad gehüpft und die steile Straße vor unserem Haus im norden Tehrans, im Zickzack hoch und wie ein Besengter runter gebrettert.

Als ich davon richtig erschöpft wurde, habe ich mich neben den großen Beton-Becken, wo viele Goldfische tummelten, in die pralle Sonne gelegt. Und damit verstieß ich gleich gegen das heilige Credo meiner Oma.

-Erstens: „Kein normaler Mensch legt sich in die Sonne, wenn er es vermeiden kann!“
(Später hab ich erfahren, dass es doch „normale“ Leute tun, aber eben nicht in meiner Stadt)


-Zweitens: „Es könnte dir eine Bombe auf den Kopf fallen, oder noch schlimmer, die Glasscherben die durch eine nahe Explosion aus dem Fensterrahmen spritzen, könnten dich blind, oder impotent machen!"


-Dritten: „Du wahnsinniger fällst noch ins Wasser während du am Beckenrand schläfst!“
(Das ist in der Tat mehrere Male passiert und ich hatte dabei einen heiden Spaß! Viel unlustiger war es auf die andere harte Seite des Beckenrandes auf den heißen Boden zu fallen und sich das Gesicht oder die Ohren zu verbrennen.)





---





Jetzt nach einer gefühlten Ewigkeit und auf einem (gefühlt) anderen Planeten ist es mir fast schon zuwider, wie sonnen-geil meine lieben Mitbürger sind.



Es ist einfach nicht das gleiche für mich. Es fehlt die postapokalyptische Ruhe in der Stadt, die Einzigartigkeit meines Tuns und die Rebellion gegen die „Obrigkeit“ und den allgegenwärtigen Krieg. Die Sonne scheint auch eine ganz andere zu sein, deshalb fühle ich mich immer wie auf einem anderen Planeten, wenn ich hier bin.




Aber ja! Ich Liebe die Sonne und ich rufe auch manchmal nach kalten und regnerischen Wochen im Kaltland namens Deutschland:



„Schau, die Sonne scheint!




Der Mensch scheint wohl im wahrsten Sinne des Wortes ein Produkt seiner Umgebung zu sein.





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Kommentare

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  • 1

    Sehr schön.

    02.02.2012, 20:20 von LIEBEMACHEN.
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