Coogar 21.07.2006, 11:31 Uhr 2 0

Saufen bis der Arzt kommt

Man gewöhnt sich an alles. Und so manches gewöhnt man sich ab. Ich habe mir das Trinken abgewöhnt und bin den Dublinern dafür sehr dankbar.

Wenn ich sage Trinken, meine ich nicht, ein gemütliches Bier nach der Arbeit oder auch ein paar mehr, wenn man am Wochenende weggeht. Ich meine Trinken im Sinne von Binge-Trinken, einen Begriff, mit dem ich wenig vertraut war, bis ich nach Dublin kam. Er bedeutet grob zusammengefasst "Saufen bis zur Bewusstlosigkeit" gerne im Zuge des allgemein beliebten 'socialising'.

Dass die Bewohner und Besucher Dublins ein gesellschaftsbejahendes Völkchen sind, ist bekannt und wahrscheinlich einer der Gründe, warum es Jahr für Jahr mehr Leute hierher zieht.
Und falls diese Leute nur ein paar Tage bleiben oder ein paar Wochen oder vielleicht einen Sommer lang, werden sie auch bestimmt gute Erinnerungen an eine äußerst lebhafte Zeit mit vielen netten Menschen mitnehmen. Es sei ihnen gegönnt.

Bleibt man für längere Zeit in Dublin (die Gründe seien dahingestellt), tun sich schnell andere Welten auf.
War man anfangs noch immer gerne dabei, wenn es um's Feiern ging, stellt man eines Morgens fest, dass es dem Job nicht so wahnsinnig gut tut, wenn man permanent verkatert auf der Arbeit auftaucht. Auch ist da dieses ungute Gefühl, dass man dem Chef gegenüber am Vortag, als es nach der Arbeit wie so oft ins nahegelegene Pub ging, etwas wahnsinnig Dämliches zugeflüstert hatte und einem nur die Hoffnung bleibt, dass er mindestens so voll war wie man selbst und sich nicht daran erinnert. Ganz zu schweigen von dem Kuss mit dem Kollegen -- belassen wir es dabei.
Natürlich kann man auch nach der Arbeit mit Chef und Kollegen ausgehen ohne zu trinken. Ich probiere das aus und beschließe kurz danach, dass ich eigentlich gar nicht mehr nach der Arbeit mit meinen Chefs und Kollegen ausgehen muss, denn im Gegensatz zu vorher kann ich mich plötzlich an alles erinnern, was an diesem Abend passiert und es ist kaum zu glauben wie peinlich einem das Verhalten anderer Leute sein kann.

Auch in meinem Privatleben ändert sich so einiges.
Ich stelle zum Beispiel fest, dass die Iren gar nicht so hübsch oder charmant sind, wie ich einst dachte. Samstag nachts in den Pubs und Clubs, die zum Brechen voll sind, hängt sich mir permanent jemand um den Hals und will einen Kuss oder meine Meinung über Iren oder mir in den Ausschnitt kotzen. Unzählige leichtbekleidete Mädels torkeln auf hohen Absätzen durch die Gegend, fegen im Vorbeigehen halbvolle Gläser von den Tischen und halten sich schließlich an irgendeinem männlichen Wesen fest, das selbst kaum noch stehen kann, um nicht das Gleichgewicht vollends zu verlieren.

Eines nachts verlasse ich das Whelan's, um nach Hause zu laufen. Das Whelan's befindet sich südlich vom Liffey, der die Stadt in der Mitte teilt, ich lebe im Norden und bekomme somit die Innenstadt in voller Pracht zu sehen an einem Samstag Morgen um drei, wenn die Pubs dichtmachen und ihre Gäste in die Freiheit entlassen.
Das Bild, das sich einem hier bietet, ist ein echter Augenöffner: Massen von sturzbetrunkenen gröhlenden Menschen schieben sich durch die Straßen, kaum einer kann sich noch auf den Beinen halten. Den Frauen sind die ohnehin spärlichen Klamotten in alle Richtungen verrutscht und gewähren einen Blick auf Körperteile, die man eigentlich gar nicht sehen will. Erwachsene Männer urinieren in aller Öffentlichkeit an Häuserwände, alle paar Meter lang übergibt sich jemand, was den üblichen Hürdenlauf am Montagmorgen erklärt.
Ich müsste mich wahrhaft ins Koma saufen, um diesen Anblick zu vergessen.

Erschreckenderweise scheinen viele Iren genau das mit voller Absicht anzupeilen. Rang zwei des Landes mit dem höchsten Bierkonsum scheint nicht auszureichen. Warum das so ist, entzieht sich meinem Verständnis.
Spaß haben ist ja schön und gut, aber hört der Spaß nicht auf, wenn man sich verkatert durch den Tag quält und schwere Gesundheitschäden riskiert, nur um sich letztendlich ohnehin nicht mehr an den „Spaß“ erinnern zu können, den man am Vorabend hatte? Leider ist trinken hier jedoch ein Volkssport und wer sich als ‚sociable’ bezeichnet, der trinkt auch. Viel und häufig.

Die Lösung für alle, die nicht mehr mitziehen wollen? Man schließt sich zusammen. Es hier einige Leute, die dem Binge-trinken nichts (mehr) abgewinnen können und mit denen man ausgehen kann, ohne am Ende im Krankenhaus zu landen. Und statt ins Pub gehe ich jetzt lieber Samstag Nacht zu privaten Parties oder bleibe einfach zuhause und quatsche mit meinen Mitbewohnern die Nacht durch.
Und dann fühlt es sich wieder richtig gut an hier zu sein.

2 Antworten

Kommentare

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    Die Iren und ihre Sauferei. Das werd ich auch nie verstehen. Ist hier in Galway übrigens ähnlich... Samstag Nacht durch die Shop Street ist ein echtes Vergnügen.
    Grüße aus Gaillimh... :)

    06.10.2006, 12:58 von Irish83
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    Das hört sich ja wirklich ziemlich krass an....
    Hätt ich garnicht gedacht.
    *

    05.08.2006, 11:11 von Schternschen
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