Samstagssandalen
Sie waren rot und ausgetreten. Ilse trug sie nur samstags, seit vierzig Jahren, immer dann, wenn es warm genug war.
Hier und dort löste sich schon einmal ein Riemchen, doch mit viel Geduld wusste Ilse sie immer wieder zu flicken.
Die Sandalen erinnerten sie an früher. Sie erinnerten sie an Hans, der sie ihr zu ihrem zwölften Hochzeitstag geschenkt hatte, nachdem sie ihm all die Male, die sie zuvor gemeinsam das Schaufenster in der Priegerstraße passiert hatten, von ihnen vorgeschwärmt hatte. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage des Jahres gewesen, einer dieser, die einem im Gedächtnis bleiben, weil sie so klar und rein sind.
Auch heute trug sie sie, denn es war Samstag. Hans saß nebenan im großen Ohrensessel und hatte die Füße auf einen Hocker gelegt. Auf seinem Schoß lag die Fernsehzeitschrift. Ilse sah ihn traurig an, denn ihr war klar, dass er in Wirklichkeit nichts damit anzufangen wusste. Aus Gewohnheit nahm er sie trotzdem jedes Mal vom Couchtisch auf, bevor er sich auf seinem angestammten Platz niederließ.
"Hans?", fragte sie vorsichtig.
Er sah sich suchend um, den Ursprung der Stimme erforschend, die zu ihm sprach. Als er seine Frau erblickte, lächelte er hilflos. Langsam ging Ilse auf ihn zu, nahm seine Hand, die er ihr fragend entgegenstreckte.
"Lass uns spazieren gehen, die Sonne scheint so schön.", sagte sie.
Hans stand auf, unbeholfen, und ging langsam zum Fenster.
"Ja", murmelte er.
Er drehte sich zu ihr um und Ilse sah in seinen Augen, dass er bereits nicht mehr wusste, warum er sich aus dem Sessel erhoben hatte. Sie ging auf ihn zu, nahm ihn geduldig beim Arm und zog ihn sanft in Richtung Haustür. Vorbei am Esstisch, auf dem sie schon das Abendessen gerichtet hatte, obwohl es erst früher Nachmittag war.
Sie drehte den Schlüssel herum, öffnete die Tür. Sie konnte sie nicht mehr einfach offen lassen. Zu oft war sie schon aus dem Badezimmer gekommen, nachdem sie sich so kurz wie möglich geduscht hatte, um ihren Mann nicht allzu lange alleine zu lassen, und er war fort gewesen. Sie war dann suchend durch den Ort gelaufen, um ihn schließlich in der Wohnung der Nachbarin zu finden, die ihn durch die Schrebergärten irrend gefunden und mitgenommen hatte. Er sagte dann immer, er sei auf dem Weg nach Hause. In Wirklichkeit wollte er aber nach Landheim zurück. Dorthin, wo er aufgewachsen war.
Ilse musste in solchen Momenten den riesigen Kloß herunter schlucken, der sonst drohte, in ihrer Kehle stecken zu bleiben und sie zu ersticken. Sie kämpfte dann mit den Tränen und fragte sich, warum Hans all die Jahre, die sie gemeinsam verbracht hatten, so einfach vergessen konnte. Sie fühlte sich hilflos und allein.
Diesmal gingen sie gemeinsam die Straße entlang, doch nach wenigen Metern drehte sich Hans um und lief zurück. Sie wollte ihm hinterherrufen, doch sah im selben Augenblick, wie sich seine Hose dunkel färbte.
"Nicht schon wieder...", dachte sie und lief ihm nach. Sie gingen schnellen Schrittes zurück ins Haus, auf direktem Weg ins Badezimmer, wo Ilse ihren Mann wortlos in die Duschkabine stellte und ihm die Kleider auszog. Sie war wütend, wollte ihn ausschimpfen, doch sie wusste, dass es sinnlos war. Er konnte ja nichts dafür, das hatte man ihr oft genug erklärt.
Als sie ihm frische Kleider angezogen hatte, setzte er sich wieder in den Sessel, sich die Zeitschrift akkurat auf den Beinen platzierend. Er sah zufrieden aus, keine Erinnerung an das eben Geschehene plagte ihn.
Ilse ging in die Küche, sackte am Esstisch auf einen Stuhl und ihr Kopf versank zwischen ihren Armen. Schluchzend ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie konnte sie nicht mehr halten, in Bächen liefen sie über ihre Wangen. 'Was bin ich doch für eine verzweifelte und einsame alte Frau', dachte sie bei sich.
Sie fragte sich, wo all die Zeit geblieben war. Sie hatten geschuftet, die Kinder großgezogen, sie das Elternhaus verlassen sehen, auch die Enkel waren nun schon fast erwachsen. Geträumt hatten sie von einem gemeinsamen und ruhigen Lebensabend. Zusammen auf der Veranda, im Schaukelstuhl zwischen grünen Pflanzen und blühenden Blumen, das war ihr Plan gewesen.
Nun saßen sie hier, umgeben von grauen Wänden. Ohne Zukunft für Ilse und ohne Vergangenheit für Hans.
Als sie sich wieder gefangen hatte, ging sie zu Hans ins Wohnzimmer. Sie nahm auf dem Zweisitzer Platz und griff nach ihrer Stickerei.
Hans hob den Kopf und sah zu ihr herüber.
"Deine Sandalen... es war ein wunderschöner Tag, an dem ich sie dir geschenkt habe."





Kommentare
wunderschön geschrieben..auch wenn es einen doch sehr mitnimmt..
27.06.2010, 14:43 von IIRich denke das ist so mit das schlimmste was einem mit seinem Partner passieren kann ... Die Person ist noch da aber nicht anwesend und hat all die Erlebnisse die man miteinander hatte vergessen ...
21.06.2010, 13:15 von LadidahhIn dem Buch "Wie ein einziger Tag" von Nicholas Sparks geht es ja auch um dieses Thema ...
,,Keine Zukunft für Ilse und keine Vergangenheit für Hans"
20.06.2010, 15:14 von ParticularlyPeculiareiei der Satz hat mich sehr traurig gemacht. Sowas Schlimmes, wenn einem durch Demenz oder Alzheimer das ganze Leben und ein Teil von einem selbst verloren geht.
Oh man. Der Text ist wirklich schön. und traurig. Man kann Ihre Verzweiflung fast spüren. Gut geschrieben.
17.06.2010, 11:28 von NejaDie Geschichte berührt mich. Mir liefen die Tränen dabei...
13.06.2010, 11:14 von Chaosqueen13Meine Oma hatte auch Demenz, zuletzt konnte Sie nicht mal mehr richtig reden oder die Menschen um sich herum erkennen. Dennoch durfte Sie daheim in Ihrem Bett, in Ihrer Umgebung sterben.
Meinem Opa, der all die Jahre genau das, was in der Geschichte geschrieben wird (und noch schlimmeres) durchgemacht hat, wird dies jedoch verwehrt bleiben. Geistig immer noch recht fit sitzt er nun im Rollstuhl und muss im Heim gepflegt werden, da dies in Seinem Haus unmöglich ist...
Danke für diesen schönen, gefühlvollen Text.
echt schön.
11.06.2010, 11:42 von erbsenhirnSehr schön geschrieben, besonders der Schlussatz.
08.06.2010, 15:58 von frau_wachsmalstiftMeine Oma hat Alzheimer... na ja. Ich finde so eine Krankheit jedenfalls schrecklich.
Dein Text beschriebt nur einen Bruchteil eines solchen Lebens, aber er beschreibt ihn sehr gefühlvoll.
Wirklich sehr gelungen.
Der letzte Satz verursachte Gänsehaut. Schön.
08.06.2010, 09:39 von Riku_HanaEin sehr schöner Text. Nicht gestelzt, wie so viele hier. Und die üblichen Verdächtigen motzen wieder rum. Geht mal ne Runde laufen, bevor ihr euren Frust hier ablasst. Aber immer den geringsten Widerstand wählen, is klar.
08.06.2010, 09:29 von SmalandaDer Text hat mich berührt. Aber auch nur, da wir in der Familie auch so einen "Fall" haben.
07.06.2010, 23:44 von ComputerKindMeine Oma. An der Erziehung und Großziehung von fünf Enkelinnen un einem Enkel beteiligt gewesen und nun scheint da nur noch eine ihr im löchrigen Gedächtnis hängengeblieben zu sein...
Da ist es etwas irritierend sich immer wieder aufs neue vorstellen zu müssen und diese einst so starke Frau so vollkommen hilflos zu erleben....