volvic 18.03.2005, 11:39 Uhr 1 0

Rumänien - ein Drittweltland?

6 Wochen Bukarest. Nicht weit weg von Europa, und dennoch so anders. Beeindruckende Gebäude und beängstigende Armut.

Ceausescus Palast des Volkes mit mehreren 1000 Zimmern. Wahnsinn! Kommt man näher, bröckelt die Fassade, eine Fassade, die an den meisten Stellen nicht einmal fertig gestellt wurde. Direkt hinter dem Palast findet man unvollendete Bauruinen. Niemand wohnt hier, jedenfalls nicht legal. Es gibt weder Strom noch Strassenlaternen.

Dieser krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich. Kinder schlafen in der U-Bahn Station. Bettler zeigen ihre entzündeten Beine, rot, blutig, eitrig. Jugendliche schnüffeln Klebstoff in Hauseingängen. Wohnblocks aus den Sechzigern, teilweise ohne Fensterglas, aber bewohnt, im Treppenhaus riecht es nach Urin. Alte Frauen verkaufen Blumen, um ihre 60 Euro Rente aufzubessern. Jedes 2. Auto ist ein fetter Porsche, Jaguar oder Benz, die anderen 90 Prozent der Bevölkerung haben kein Auto.

Seit 4 Wochen arbeite ich in Bukarest. Wohne hier, esse hier, atme hier. Ein Praktikum bei einer deutschen Firma hat mich hierher gebracht. Es ist ... interessant. Aber, wie die meisten Bukarester, würde auch ich hier nicht wohnen wollen.

Die Bevölkerung ist arm. Die Gehälter sind niedrig. Ein deutsches Monatsgehalt entspricht einem Jahresgehalt hier, oder weniger. Die wenigsten Berufstätigen können sich Luxus wie Autos oder ein eigenes Zimmer leisten. Dennoch sind die Preise sehr "westlich". Das Leben hier ist teuer, eine Minipackung Haribo 3 Euro, 500 g Barilla 1,50, die günstigsten Spaghetti in meinem Supermarkt sind teurer als bei Aldi.

Geduld. Geduld ist unbedingt nötig in dieser großen Stadt. Es gibt keine Busfahrpläne - die Fahrer könnten sie bei diesem Verkehr eh nicht einhalten. Überweisungen gibt es hier nicht, für jede kleine Rechnung muss man sich in einer langen Schlange auf der Bank anstellen. Aber die freundlichen Menschen beklagen sich nicht. Wenn etwas nicht funktioniert, dann warten sie.

Viele hoffen auf den baldigen EU-Beitritt. EU, das gelobte Land? Was versprechen sich die Menschen hier davon? Sie möchten gerne so sein wie wir, so leben wie wir, oder wie in den USA. Viele Bukaresterinnen sind gestylt, als wären sie ein Mit-dem-Arsch-Wackel-Bunny eines HipHop Videos: bunt, kurz, auffällig. Sie kleiden sich so ausgefallen, weil sie glauben, Westeuropäer kleiden sich so - jedenfalls sagte man mir das.
Die Menschen hoffen auf den Wohlstand, der ihrer Meinung nach mit dem EU Beitritt kommen wird. Sie hoffen auf den Wohlstand seit 15 Jahren, seit der Revolution. Die allermeisten warten noch immer.

In 2 Wochen fliege ich. Ich bin froh, dass ich hier bin. Dass ich sehe, dass viele Menschen anders leben müssen als ich. Dass Menschen mit Studienabschluss weniger verdienen, als ein Hartz IV Empfänger. Vielleicht wäre unsere Gesellschaft besser, wenn jeder Auf-die-Regierung-Schimpfer einmal in Bukarest wohnen würde ( mit Frau, Schwägerin, Mutter und Schwager in einer Dreizimmerwohnung )!"Wichtige Links zu diesem Text"
Palast des Volkes

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Naja, Bukarest hat auch nur 2-3 Millionen Einwohner, ich glaube nicht, dass Berlin provinziell ist - nur nicht ganz so arm wie Bukarest ;)

      23.03.2005, 09:12 von volvic

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