robert_suydam_reloaded 21.03.2016, 22:57 Uhr 0 2

rattenschrei

...

die ratte wird übellaunig im abenddämmer aus einem loch in der garagenwand hinaus auf den gehweg hoppsen, ihre schnauze emporheben und einen epochalen rattenschrei hervorbringen. 
es wird protest und widerstandswille und sehr viel frustration darin sein. einige andere ratten in der nähe werden verwundert innehalten und die ohren spitzen. sie werden etwas wie eine revolution ahnen; das unwiderrufliche ende unseliger vergangenheit und einen dämmerschimmer froher zukunft über dem horizont. 

dann werden sie sich wieder ihren geschäften widmen und aus einer nahegelegenen tür wird ein mann treten. eine frau wird ihn begleiten und er wird zu ihr sagen:
„um himmels willen. sieh nur, das fette rattenvieh dort drüben. ich glaube, die hat grad übel laut gefiept. hast du es auch gehört?“ 
die frau wird den kopf schütteln und ihn schweigend fortziehen, denn sie wird sehr glücklich sein in seiner nähe und sich auf die zeit mit ihm freuen. sie wird nicht über ratten sprechen wollen. 
trotzdem wird er ihr später beim essen in einem romantischen restaurant von einem artikel in einer zeitschrift erzählen. darin wird gestanden haben, dass ratten zwar lachen können, wenn man sie kitzelt, aber menschen können dieses lachen nur mit technischen hilfsmitteln hören. die lachfrequenz der ratten sei einfach zu hoch. 
die frau wird ein warnendes wundern in sich spüren. sie wird es zugunsten ihrer zweifelsfreien liebe verscheuchen.           

der mann wird die frau am darauf folgenden dienstag verlassen. zwei nächte vorher wird er sie in einem traum als pfeil auf sich zu fliegen sehen. sie wird in sein rechtes auge fahren wie ein blitz aus stahl und holz und befiederung. er wird mit einem schrei aus dem schlaf schrecken und es nicht länger aushalten, dass er seit drei jahren  nur mit ihr vögeln möchte und sonst nicht besonders viel empfindet, außer eben abscheu vor ihrer klebrigen anhänglichkeit, peinlichkeit angesichts ihrer kleidungseskapaden, übelkeit im ertragen ihres lieblingsduftes, genervtheit wegen ihrer behinderten freundin und ein wenig lächerlichkeit wegen ihres vegetarischen ticks. aber auch kleinigkeiten können sich zu einer mauer türmen. er wird es nicht fair finden, sie damit unnötig zu belasten und stattdessen einen klärenden brief schreiben.  

sie wird seinen brief an ihre kühlschranktür magnetet finden und seine schlüssel auf dem tisch liegen sehen. sie wird den brief lesen, wird ungläubig lachen, dann wird sie ihn erneut lesen und verzweiflung wird wie ein dickleibiger wurm von ihrem bauch her hinauf zum hals kriechen und dort pulsierend stecken bleiben. sie wird schreien wollen, aber auch daran versagen. so wird sie es fühlen: als ein weiteres und endgültiges versagen. 
dann wird sie mit offenem mund stehen und tränenlos trauern. sie wird das elend trockenpressen in der kehle und im herzen sowieso. 
das geräusch aus ihrem inneren wird nach einer halben stunde die nachbarin hervorlocken und an ihre wohnungstür klopfen lassen. die nachbarin wird wissen wollen, ob alles in ordnung ist. 
aber sie wird die tür nicht öffnen können. sie wird noch eine weile ausstöhnen und dann still sein.
die nachbarin wird zögern und lauschen und  unter dem eindruck eines überdeutlich unsichtbaren schattens die knopfleiste ihrer bluse wringen. dann wird sie gehen und das seltsame zuerst verschweigen und später mit hilflosem eifer vergessen. 

ein hübscher kammerjäger wird der nachbarin sieben tage darauf sehr ernsthaft von seiner überzeugung erzählen, dass die ratten in diesem haus besonders intelligent sein müssten. 
beide werden dann etwa zehn jahre später ihrer gemeinsamen tochter beim spielen zusehen. sie werden lächeln dabei, denn es wird ihnen eigenwillig und amüsant vorkommen, sich damals bei einem gespräch über ratten kennengelernt zu haben. aber vor allem werden sie froh sein, rechtzeitig eine bleibe am stadtrand gefunden zu haben. denn wenn ihr schönes mädchen neben einer selbstmörderinnenwohnung hätte groß werden müssen, mit all dem schrecklichen flüstern in den hausfluren und den huschenden blicken hinter gardinen und türspionen … gott, was für eine widerliche vorstellung.   











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