Bluelove 21.10.2010, 17:30 Uhr 33 17

Post.

Heute habe ich versucht, mich zu erinnern.

Ich habe versucht, mich zu erinnern, wann ich eigentlich zuletzt einen Brief bekommen habe.

Nicht die übliche und stets gleich langweilige und nervige Post. Keine Telefonrechnungen, Versicherungspolicenzusatzvereinbarungsschreiben, Einschreiben in gelben Kuverts, die mir schon von außen sagen, dass ich offensichtlich wieder mal irgendwo schneller als erlaubt unterwegs gewesen sein dürfte, Einladungen zu Infoabenden, Workshops und Schulungen, Werbung von sämtlichen Läden, von denen ich dummerweise eine Kundenkarte besitze oder besaß, Supermarktreklame, Mahnungen, Erinnerungsschreiben meines Arztes, dass die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung längst überfällig ist, sondern einen Brief.

Einen richtigen Brief. Mit der Hand geschrieben. So einen, in dem mir einfach nur mal jemand ganz lapidar erzählt, wer wie wo wann mit wem und überhaupt. Einen Brief, in dem einfach nur privater Kram steht – für alle Menschen dieser Welt völlig uninteressant, aber für mich persönlich der Höhepunkt des Tages. Einen Brief, der mir in mehr als 160 Zeichen und nicht in Tahoma oder Futura sondern in dem nur dem Schreiber eigenen Gekritzel berichtet, dass meine Freundin endlich einen Heiratsantrag bekommen hat, dass die Ernte auf der 10.000 Hektar Farm meines kanadischen Onkels dieses Jahr gut ausgefallen ist, dass das Enkelkind der Cousine meines Vaters Vincenz heißen soll oder dass das Wetter im Schwarzwald, wo meine alte Schulfreundin Sarah nun lebt, den ganzen Sommer über beschissen war. Genau das will ich lesen.

Dafür möchte ich einmal wieder abends nach Hause kommen. Um in meinem Postkasten – den schon kaum mehr jemand BRIEFkasten nennt – einen solchen Brief zu finden.

Einen Brief, den ich wie eine Trophäe ganz vorsichtig zur Seite lege und aufhebe, bis ich abends die Beine hochlegen und mich mit einer unanständig teuren Flasche Wein auf mein Sofa lümmeln kann.
Ich will es zelebrieren, diesen Brief zu öffnen, will den Inhalt genüsslich in aller Ruhe lesen, alle Bilder, die sich mit jedem gelesenen Wort auftun, aufsaugen und die Geschichte, die der Brief erzählt in meinem Kopf ablaufen lassen wie einen Film. Ohne Flimmern, ohne Werbung, ohne Lautstärke.
Wie einen Stummfilm, der mir das reale Leben erzählt, der mir die Gefühle zwischen den Zeilen so stark vermittelt, dass ich denke, mittendrin zu sein, teil zu haben an dem Leben, das sich auf dem Bogen Papier ausbreitet und dass ich den Drang verspüre, mit zu spielen in diesem Film.

160 Zeichen, halbherzig gelesen mit dem Mobiltelefon in der einen, dem Coffee to go in der anderen Hand und über die rote Ampel laufend, mit dem rechten Stiefel in eine riesige Wasserpfütze tappend, zeigen mir keinen Film.
Die E-Mail, die ich am Arbeitsplatz nebenbei lese, während ich gleichzeitig mit einem Kunden telefoniere, meine Stifte-Box sortiere und ausprobiere, ob noch jeder von ihnen seinen Dienst tut, ist schneller vergessen, als ich auf das kleine x rechts oben klicken kann.

Einen Brief, den vergisst man so schnell nicht wieder. Einen echten Brief schmeißt man nicht einfach in die Ablage P. Einen echten Brief hebt man auf, liest ihn. Zwei Mal, drei Mal, zehn Mal. Vielleicht öfter. Weil ein echter Brief einem ein kleines, scheinbar schon verstaubtes Stück Vergangenheit, Freundschaft und Nähe zurückbringen kann. Wenigstens für den Moment, in dem ich mit dem Glas Wein in der Hand und den Beinen auf dem Couchtisch da sitze und mich darauf einlasse, für eine kurze Weile in das Leben eines Menschen einzutauchen, der mir nahe steht.

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33 Antworten

Kommentare

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    ...ein schöner Text, der mich berührt und in dem ich mich wiederfinden kann. Ich habe eine Freundin, Jennie, die ich schon seit einer halben Ewigkeit kenne und die leider viel zu weit weg von mir wohnt. Nachdem es neben Job usw. mit jedem Jahr schwerer wurde, regelmäßig zu telefonieren, haben wir seit einigen Jahren angefangen, wieder Briefe zu schreiben und die Tage, an denen ich einen meist liebevoll verzierten Briefumschlag von meiner Lieben in der Post finde, gehören zu den schönsten des Jahres!

    14.11.2010, 18:20 von Helija
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    schöner text.
    Lass uns doch briefe schreiben ;)
    Ich vermiss sowas auch im zeitalter der sms und des man oder icq-accounts

    27.10.2010, 19:39 von LilCookie
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    für mich persönlich ist es ohne frage ein unterschied, ob man einen brief schreibt oder bekommt oder eine, wenn vielleicht sogar ausführliche, e-mail oder nachricht bei facebook. ein brief ist doch insofern schon viel persönlicher, als dass man sich mehr zeit fürs schreiben nimmt und dass man sich viel genauer überlegt was man schreibt, weil man eben nicht einfach die rückschritt-taste drücken und im nachhinein noch einmal alles ändern kann, wofür man in der hektik vielleicht doch nicht die "exakt richtigen" worte gefunden hat. ich kann nur für mich persönlich sprechen, einen brief zu bekommen erzeugt bei mir sehr viel mehr freude als eine nachricht über das internet und gleichzeitig hat ein brief, den ich jemandem schreibe auch mehr gewicht und bedeutung als eine nachricht, die ich "mal eben schnell" übers internet verschicke.

    ich finde sowohl das thema gut als auch den text sehr gelungen und nun werde ich meiner besten freundin, der es im moment nicht so gut geht und von der ich seit gestern wieder durch 150 km getrennt bin, einen ausführlichen brief schreiben :)

    24.10.2010, 16:00 von paulinesophie
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    gestern abend lag ein brief von einem freund im briefkasten, den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe.
    es hat mir den gesamten tag gerettet. :)

    24.10.2010, 14:26 von rampampa
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    sehr wahr und auch sehr traurig, dass es heutzutage so aussieht mit den briefen.
    ich kann jedoch mit stolz verkünden, dass ich meinen letzten richtigen, privaten brief vor 2 tagen aus dem BRIEFkasten holen durfte ! :>

    24.10.2010, 12:16 von skopue
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    Ich hab gerade heute einen Brief bekommen. Was für ein Zufall! :D

    23.10.2010, 14:36 von LisaMu
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      @LisaMu genialer Text. auf genau solche briefe warte ich auch.

      23.10.2010, 17:53 von an_go
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      @an_go Handgeschriebene Briefe oder auch Postkarten sind einzigartig. Einfach das Papier,auf dem die Zeilen geschrieben sind, die Handschrift des Schreibers und der Inhalt, der nur für den Leser bestimmt ist. Das alles zusammen macht einen Brief so unverkennbar und einzigartig.
      Bei mir häufen sich die Briefe, weil ich Freunde habe, die auch gerne Briefe oder Postkarten schreiben. Es ist einfach schön, abends müde nach Hause zu kommen und einen schönen Brief zu lesen.

      23.10.2010, 19:02 von the_Trooper
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    ja genau so ist es.
    irgendwie traurig..trotz all der zeit die man am PC verbringt,will man im endeffekt doch einfach nru mal n brief..
    aber naja,wenn man freunde hat von denen man briefe will..sollte man ihnen mal einfach mal briefe schreiben!

    23.10.2010, 13:49 von weAreAnimals
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    Ich kann dazu nur sagen ich liebe es Briefe und Postkarten zu bekommen. Deswegen schreibe ich selbst auch ziemlich viele Briefe und Postkarten!

    23.10.2010, 12:29 von ichbinsowieichbin
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    Der Text könnte wundervoller sein, wenn ein Pferd mit dem Lächeln von Richard Gere und den Eiern von Robert Redford drin vorkäme.

    22.10.2010, 23:22 von JackBlack
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      @JackBlack und dem wirren augenspiel von robert downey jr.

      23.10.2010, 14:11 von MisterGambit
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    Ich war schon immer recht schreibfaul. Mir ist schon als Mädchen immer was eingefallen, warum ich gerade jetzt diesen Brief nicht schreiben kann. Deshalb kam die E-Mail für mich wie gerufen. Es erfordert weniger Überwindung, sie zu verfassen und es geht schneller. Nichts gegen Briefe, aber ich finde es nicht schlimm, keine zu kriegen oder zu schreiben. Die meisten Briefe, die ich habe, hab ich einmal gelesen und seitdem liegen sie in einer Kiste. - Wegschmeißen ist ja doch irgendwie doof, aber reingucken tut man auch nicht mehr. Irgendwann bin ich tot und meine Enkelkinder schmeißen sie weg.

    22.10.2010, 21:44 von Lenulitschka
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