Perspektivwechsel
Das Gemüse stand auf dem kleinen Tisch. Sie reglos daneben. Draußen am Geländer sammelten sich Tropfen. Einer löste sich, fiel. Schweigen.
Sonst keiner da. Einige Stimmen in ihrem Herzen, doch sie war unsicher ob diese tatsächlich existierten. So ist das mit vielen Dingen: wenn sie nicht da sind ist man sich unsicher über ihre Existenz. An einem anderen Ort ist ein anderer Kontext und andere Kräfte wirkten vor sich hin. Und darauf hatte sie natürlich kein Einfluss. Sie hatte das Gemüse und die Lichtstimmung und hörte als Tenor oder Sopran oder unterdrückten Bass auch noch die Stimme des eigenen Herzens. Wenn die räumliche Distanz gross ist, kann man schnell den Überblick verlieren, weiss nicht mehr ob Stimmen wahrheitsgetreu sind. Im Herzen wurden sie ja zuvor während einer anderen Wahrnehmung gespeichert. Der Moment, in dem man sie als wahr empfunden hatte war vorbei. Trotzdem waren die Stimmen in diesem Moment für sie präsent, zeitlich gelöste Gedanken. Aus der Vergangenheit kriechend bildeten im jetzt Sehnsüchte, Visionen, Gewirr der Gegenwart und Zukunft.
Den Kopf auf das rote Kissen gestützt, beobachtete sie den Dampf, der vom Teller aufstieg. Sie staunte über die Grüntöne vom Gemüse, konnte es jedoch nicht essen.
Sie fühlte sich wie in einem Film oder einem Foto. Das Kissen so rot wie Tulpen und das Gemüse eben farbig echt wie spanisches Gemüse aus dem Kochbuch. Das war ein Moment, der auf einem Film oder Foto so hätte gezeigt werden können. Viele hätten das Foto angeschaut und es als schön empfunden. Es war wegen der Stimmung.
Sie machte sich darüber in diesem Moment keine Gedanken, war zusehr in der Situation vertieft als diese auf ein Bild zu abstrahieren, doch ein Zuschauer hätten es wohl auf Anhieb als Foto gemocht, sich ins Zimmer gehängt und es einfach als schön definiert.
Es lag an der Melancholie. Wenn man Melancholie auf Bildern sieht dann ist das ein Besonderer Moment. In weniger als einer Sekunde laufen im Hirn automatische Prozesse ab, die den Betrachter solcher Fotos an einen Moment seiner Vergangenheit erinnern. Meist verläuft so etwas assoziations-artig, nach dem Prinzip der Ähnlichkeit. Bilder waren Auslöser für Emotionen anderer ähnlicher Bilder aus der eigenen Vergangenheit.
Die Emotionen der Frau waren verschlüsselt hinter der Oberfläche des Moments. Ohne zu wissen dass die die Frau das Gemüse nicht essen würde und, dass die Frau anstatt dessen von dem Dampf fasziniert war und mit Dingen aus ihrer Vergangenheit beschäftigt, hätte der Betrachter das Bild als schön empfunden und sich selbst an einen schönen Moment erinnert. Wie trügerisch Fotos doch sein konnten...
Was war denn überhaupt Schönheit? War es die Verbindung, wenn Gefühl, Zeit und Verkörperung miteinander in Einklang waren? Hätte der Betrachter so schlussgefolgert – so ganz unbewusst?
Der Betrachter hätte nicht gewusst, dass sie eine starke Erkältung und Heuschnupfen hatte und es deshalb vorzog das Abendstimmungslicht von innen zu genießen. Er hätte auch nicht gewusst, dass die Person trotz der Schönheit des Bildes traurig war und auch hätte er nicht gewusst, dass sie keinerlei Appetit hatte. Der normal-Betrachter hätten gedacht sie hatte sich etwas leckeres gekocht und war kurz vor dem Verzehr.






Kommentare
...ein wunderschöner text..
25.06.2008, 20:16 von Nordwindkindeiner der gründe warum ich Fotograf werden möchte...grade die menschen zum nachdenken über sich selbst und der Momente des lebens zu animieren.
lieben gruß
nordwindkind