NadiFlanders 04.02.2007, 22:38 Uhr 4 0

People on trains who do not exist

Es gibt viele Gründe, warum man während einer Zugfahrt einfach nur seine Ruhe haben will.

Dabei handelt es sich, mögen Kritiker mich auch stalken und töten wollen, so meine ich, um eine völlig legitime Sehnsucht, an der es nichts zu beanstanden gibt. Wenn man so will, könnte man das Spiel sogar so weit treiben und behaupten, der Wunsch nach Ruhe und Entspannung und dessen Einhaltung während Zugreisen komme einem informellen Gesetze gleich. Jene sind zwar nicht schriftlich festgehalten, jedoch gesellschaftlich als Normen und Werte so weit verbreitet, dass eine Art Einigkeit über ihre Befolgung weitgehend herrscht. In diesem Falle solle sich dieses gesellschaftliche Einverständnis schlicht darauf beschränken, seine Mitreisenden nicht zu belästigen und gefälligst das Maul zu halten. Für mich absolut einleuchtend und kaum zu missverstehen. Aber ganz so simpel wie ich mir das erdacht habe, scheint es leider keineswegs abzulaufen in der kalten, vorwiegend von Maulaufreißern bestimmten österreichischen Landschaft. Denn es gibt Menschen, die fahren mit dem Zug, die gibt’s gar nicht!

Die setzen sich zu einem auf den beengten Zweier-Sitzplatz, was prinzipiell durchaus vertretbar ist, bei den Massen, die sich jedes Wochenende per Zug durchs werte Land kutschieren lassen. Da sind freie Plätze schon mal Mangelware und jeder Zugmensch soll ja schließlich auch zu seinem Plätzchen kommen. Dennoch lautet das Gebot Numero Uno in dieser kurzweiligen Zwangsgemeinschaft, für seinen Sitznachbarn so unsicht-, unhör-, untast-, und unriechbar wie nur erdenklich möglich zu sein. In der Regel klappt diese Liaison auch ganz gut, wenn es da nicht jene Menschen gäbe, die mit dem Zug fahren, die es gar nicht gibt.

Diese brauchen Ewigkeiten bis sie zur körperlichen und geistigen Ruhestellung in ihren Sitzen finden. Sie rascheln unendlich mit ihren Jacken. Schlimmstenfalls durchforsten sie diese noch lang und breit nach sämtlichen Wertgegenständen, finden dann endlich eine ihnen adäquate Stelle zur Platzierung des Krams, stolpern noch mal über ihre zahlreichen Taschen, ziehen unbeholfen die hoch gerutschte Hose wieder nach unten und lassen sich zu guter letzt seufzend, mit Ach und Krach in ihren Sitz fallen. Vom Nervfaktor her kaum zu überbieten? Es gibt noch Schlimmeres, nämlich schlimmere Menschen, die mit dem Zug fahren, die es gar nicht gibt.

Während man vor sich hin liest oder Musik hört oder jedenfalls irgendeine konstante Position und/oder Beschäftigung eingenommen hat, sind jene ständig in Bewegung. Während erstere weiter oben angeführte Gattung meist den Rest der Fahrt sozialverträglich friedlich verharrt, rutschen Letztere nach vorne oder nach hinten, wippen hin und her, strecken sich wie auf der Folterbank und bohren ihre Schultern und sämtliche, andere ihnen zur Verfügung stehenden Extremitäten unentwegt in ihre Rückenlehne. Verlagerung nach links, Verlagerung nach rechts. Dabei murmeln sie Unverständliches vor sich hin.
Sollten sie doch kurz motorische Ruhe gefunden haben, lesen Sie bei einem in der Zeitung mit, oder was man sonst grad mit Schrift Versetztes in den Händen hält. Unauffällig, wie Sie zu denken pflegen. Die Mitleserschaft lässt sich jedoch leicht nachweisen. Und zwar wenn man den Zeitungsneigungswinkel so verändert, dass es dem Nachbar/der Nachbarin unmöglich sein muss, weiter mitzulesen. Wenn diese/ dieser daraufhin ganz plötzlich aus seiner Starre wieder erwacht und sich nach anderen Unverfrorenheiten umsieht, braucht man keine noch so gut ausgebildeten US-Spezialeinheiten mehr. Die Person ist überführt.
Jene beschriebenen Sitznachbarn vergleiche ich gerne mit rotzdummen Kleinkindern. Beide geben einem ständig das Gefühl, man müsste sie unterhalten. Einen freundlichen Schwatz, das hätten sie gerne, diese Unruhestifter! Damit sie dann ganz weit und uninteressant ausholen können, woher sie ja eigentlich kommen und warum sie in der Stadt waren und dass das Wetter ja gar nicht normal sei für diese Jahreszeit.

Ein korpulenter Mann(= ein exemplarisches Beispiel für einen jener noch schlimmeren Menschen, welche mit dem Zug fahren, die es gar nicht gibt) mit dicker Brille und wenigen, zugleich abstehenden Haaren hatte sich meines Erachtens folgendes gedacht: „Ah, ein Mädchen! Der Sitz neben ihr ist frei. Soll ich mich hinsetzen? Sie hat wohlwollend und äußerst nett genickt. Ich könnte mich also setzen. Na, dann werd ich der Kleinen mal die Zugfahrt ihres Lebens bereiten!“ Gedacht, getan. In trauter Zweisamkeit saßen wir nun nebeneinander, nachdem er seinen 10minütigen Wo-platziere-ich-was-und-zum-Schluss- mich-selbst-am-besten-Tanz vollführt hatte. Meine Strategie war, so distanziert wie es die Gegebenheiten zuließen, auf diese lästige Krätze zu wirken.
Von ihm abgewandt mit einem Uni-Buch auf dem Schoß liegend, döste ich also zu guter Musik vor mich hin, das Gerumpel und Gefummel des „leicht“ komisch aussehenden Mannes neben mir zu ignorieren versuchend. Doch jener hatte nichts Besseres zu tun, als schon nach kurzer Zeit mich blöd von der Seite anzuquatschen, ob er nicht mal in das Buch mit dem interessanten Titel einen Blick rein werfen könnte.
Es ging ihm nicht wirklich um das Buch. Dessen war er selbst sich wahrscheinlich, nein sicher sogar, nicht bewusst. Aber ich weiß, dass sein nerviges Wesen hierbei wieder mit ihm durchgegangen ist. Nämlich unausstehlich nervig und anders zu sein. Ich habe ganz und gar nichts gegen diese so genannten Nerds, solange sie ihre Talente in Wissenschaft und Technik stecken und vor allem nicht mich mit ihrem Dasein behelligen. Ich würde lieber als ungebildete Buchverweigerin auf Lebzeiten gelten, als jemanden, der offensichtlich schläfrig ist, Musik hört, sich zum Fenster, abgewandt von mir in einer konstanten Position befindet und ein Buch auf dem Schoß liegen hat, nach eben diesem zu fragen.
Aber im Zug gibt es Menschen, die gibt’s gar nicht.
Die lehnen ihren Arm weit über die Lehne in den Bereich des anderen. Die fragen, ob man auf ihre Tasche aufpasst, während sie rauchen gehen, obwohl da sicher nur dreckige und unnütze Sachen drinnen sind. Die murmeln, seufzen und raunzen und sind noch dazu meist ausgesprochen hässlich.
Eine schlechte und eine gute Nachricht zum Schluss. Zuerst, wie es sich gehört, die schlechte. Es gibt diese Menschen nicht nur in Zügen. Die gute: Man kann ihnen außerhalb von Zügen in der Regel hervorragend aus dem Weg gehen.

4 Antworten

Kommentare

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    jaja, sehr treffend beschrieben.
    wenn man mit der bahn zur arbeit fährt, hat man meistens um 8 uhr schon genug für einen ganzen tag erlebt. manchmal frage ich mich auch, ob ich irgendwo so ein schild auf der stirn kleben hab: "komische, übelriechende und plauderwillige personen bitte unbedingt neben mich setzen!"

    05.02.2007, 09:12 von girasole
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    Wundervoll - auch wenn ich nur recht selten Zug fahre und meine Mitfahrer im Auto sonst gut auswaehlen kann, weiss ich genau, wovon du schreibst.. Ich haette allerdings Exemplare zu ergaenzen:
    Die Oma, die nie aufhoert zu wuehlen und einem dann ihren zermatschten Pflaumenkuchen - notfalls auch intravenoes - einfloessen will und den (darauf stosse ich immer - Hin- und Rueckfahrt!) Anwalt Mitte 40, mit Ehering, der mit mir mal einen Kaffee trinken gehen moechte usw.
    iPod, lesen... ignorieren, ich denke, dass nicht ich in diesem Moment dissoziale Zuege zeige.

    05.02.2007, 00:49 von mezzanine
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