ichmussweg 18.09.2009, 11:47 Uhr 24 6

Pas de Bock auf Paris

Politisch wahrscheinlich nicht ganz korrekt, aber ein kurzer Ausflug mit Augenzwinkern in die Hassliebe zwischen mir und Paris.

Ich muss weg. An und für sich nichts neues, nur diesmal eben geschäftlich. Nach Paris. Och, menno.

Nicht, dass ich undankbar wäre und den geflissentlichen Ausflügen in unsere weltweit verteilten Niederlassungen vollständig abgeneigt wäre, aber die Aussicht auf eine Woche Paris ruft bei mir halt eindeutig ein flaues Gefühl in der Magengegend hervor.

Bereits die Anreise gestaltet sich in aller Regel sehr unschön. Frankreich hat nämlich nicht nur Probleme mit Jugendlichen, die gerne mal Autos in Vororten anzünden und einer Präsidentengattin, die sich gerne mal für die internationale Boulevardpresse nackig macht – nein, Frankreich hat auch Probleme mit seiner Eisenbahn. Genauer gesagt hat Frankreich mit dem Vorzeigeobjekt vergangener Jahrzehnte, dem TGV, einen Zug auf die deutsche Schiene gebracht, der im Fall meines heutigen Transportmittels an Schmuddeligkeit nicht zu überbieten ist. Fadenscheinige Sitze in einem wilden Mix aus hysterischem scharlachrot und pastelligem aubergine, ein Teppichboden, bei dem man nicht mehr beurteilen kann ob das nun einfach nur Flecken aus jahrelanger Benutzung sind oder ob das noch zum Muster gehört.

Bekannterweise reist ja nicht nur das Auge mit, nein auch die restlichen Sinne wollen etwas von der Kaperfahrt in westlicher Richtung haben. Dank großzügiger Staffage mit Teppichbelag vom Boden bis zur Decke und der einstigen Nutzung als Hochgeschwindigkeitsraucherabteil riecht es im Stolz von Alstom so angenehm wie in einer bretonischen Dorfkneipe, in der seit der Ära Mitterand nicht mehr gelüftet wurde. Da macht es selbstverständlich auch nichts, daß mein französisches Gegenüber aus dem Mund riecht wie andernorts die Kläranlage.

Mir ist natürlich völlig bewusst, dass Mundgeruch keine französische Erfindung ist aber es fügt sich heute einfach so schön ins Gesamtbild, dass man den heutigen Tag quasi zur Fête Nationale de mauvaise haleine erklären möchte.

Wenn wir schon mal dabei sind, und ich bin mir ab diesem Zeitpunkt ziemlich sicher, dass dieser Text nicht unbedingt zur Verbesserung der französisch-deutschen Beziehungen beitragen wird. Andererseits - Angela, Nicolas, ein Küsschen vor dem Elysee-Palast und die Sache ist wieder in Butter.

Die Grand Nation hat natürlich große Errungenschaften hervorgebracht, auf die wir heute nur ungern verzichten würden. Dank Marie Curie haben wir eine funktionierende Nuklearchemie, die Strom erzeugt und menschliches Leid lindert. Frederic Chopin hat einige der wundervollsten Klavierkonzerte komponiert, die je ein menschliches Trommelfell erreicht haben. Beides Polen, sagen Sie? Ja schon, aber der nationalen Seele geht das Herz auf, weil doch beide zumindest zeitweise in Frankreich lebten und schwungvolle französische Namen tragen.

Madame Curie und Monsieur Chopin wären noch zu verzeihen gewesen, hätte nicht letztens einer meiner französischen Kollegen sprichwörtlich den gallischen Hahn abgeschossen und mir pünktlich zum Nationalfeiertag anlässlich des Endes des 2. Weltkrieges erklärt, dass dieser Feiertag in Frankreich eine ganz besondere Bedeutung habe, da man 1945 an diesem Tag nicht nur den Krieg gewonnen habe, nein, man habe auch die Deutsche Wehrmacht quasi mit fliegenden Fahnen in die Flucht geschlagen. Glücklicherweise fügte er im letzten Moment noch hinzu, dass man ein klein wenig Hilfestellung von den Freunden aus Übersee bekommen habe, aber prinzipiell sollte dieser Tag fortan ein leuchtendes Beispiel für die, nicht nur militärische, Überlegenheit des französischen Volkes über seine Nachbarn sein.

Obwohl ich ansonsten ein großer Freund des europäischen Gedankens bin, habe ich bisweilen mit Frankreich so meine Problemchen. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, weshalb französische Frauen jeglichen Alters und sämtlicher Attraktivitätsstufen ihre nackten und flachen bis wogenden Brüste in die Sonne strecken müssen, sobald sich ein Streifen Sand an der Küste jedes beliebigen Meeres in der Nähe befindet. Nein, natürlich sind Brüste prinzipiell nichts schlimmes, aber wollte ich welche sehen, wäre ich wohl zum einen heterosexuell geworden und würde mir zum anderen den Besuch einer Peepshow gönnen. Aber in der Bucht von Marsa Alaam möchte ich wirklich nicht sehen, wie bei Madame Junot die Brustwarzen in der kühlen Morgenbrise steif werden.

Ebenfalls völlig ratlos bin ich bei der Frage, weshalb das gesamte Europa vom Kindergarten an darauf trainiert wird, Englisch, Spanisch, Italienisch und natürlich Französisch zu erlernen, während der durchschnittliche Franzose bei einer Ansprache auf Deutsch oder Englisch (was davon schlimmer ist, hat sich mir bislang nicht erschlossen) lediglich mit einem Achselzucken oder gänzlicher Ignoranz reagiert. Charmanterweise kommt Madame Junot bei der Konversation mit Murat und Ahmed im Hotelrestaurant ganz schön ins Rudern, weil Murat und Ahmed eben eher Englisch oder Russisch beherrschen.

Zugegeben, mein Französisch ist nun wirklich nicht der Rede wert, aber ich versuche in Frankreich den Menschen und meinen Kollegen auf eine respektvolle Art und Weise zu begegnen. Und ein korrekt ausgesprochenes Bon jour, Baguette, Café au lait, Merci kann da schon helfen. Also, liebe Madame Junot und sehr geehrter Monsieur Bourdain, haben Sie Verständnis für das nicht-Beherrschen Ihrer schönen Sprache und kramen auch Sie ihr schlechtes Schulenglisch oder -deutsch hervor, wenn wir im Urlaub in Paris gerade mal vergessen haben wie wir nach Notre-Dame kommen. Wir wollen geholfen werden und zwar von Ihnen!

Eigentlich ist dieser Artikel ab hier eine Farce (was im Allgemeinen eine feine Füllung zwischen zwei Fleischscheiben beschreibt - soviel zu meinem gefährlichen Halbwissen), denn ich befinde mich bereits wieder im ICE „Limburg an der Lahn“ und somit auf dem Rückweg nach Mannheim. Ein Grund zu jubeln also? Mitnichten.

Letztendlich hatte der Aufenthalt in Paris auch seine schönen Seiten. Wer kann schon von seinem Schlafzimmer aus nach Sacre Cœur blicken und vor dem Einschlafen den Blick über das nächtliche Lichtermeer von Paris werfen? Es gibt auch deutlich schlimmeres als seine Croissants morgens von einem ebenso muskulösen wie hinreißend lächelnden jungen Pâtissier überreicht zu bekommen.

Auch meine Kollegen haben sich wie immer bemüht, meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Permanent zum Essen eingeladen zu werden bringt einen zwar ein wenig in Verlegenheit, ist andererseits aber auch eine ziemlich feine Sache. Lediglich der Ausflug in einen Stadtteil mit deutlich erhöhter Prostitutionsquote war aus meiner Sicht nicht wirklich nötig, aber nun ja, c’est la vie!

Paris und ich einigen uns darauf, dass wir einander nicht ganz grün sind und eher eine Zweckgemeinschaft darstellen. Alle paar Monate wird Paris mich ertragen müssen, wie ich nicht gerade stromlinienförmig mit zuviel Gepäck durch die Menschenmassen in der Metro stolpere und den einen oder anderen Arbeitsbeginn verzögere – excusez-moi. Gleichermaßen werde ich mich mit dem französischen Hauptstadtpublikum arrangieren, mich schubsen lassen ohne zu murren und den teilweise nicht ganz einwandfreien Hygienezustand in Pariser Sanitäranlagen dulden – in Deutschland wird schließlich auch danebengepisst.

Ich habe nun knapp 2 ¾ Stunden Zeit mich auf die heimatliche Kurpfalz zu freuen. Auf deutsche Gründlichkeit und Präzision. Das Lichtermeer, die Croissants und das nette Grinsen von meinem Bäcker werde ich vermissen – a bientôt, Paris.


Tags: Arbeiten im Ausland
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24 Antworten

Kommentare

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    Herrlich zynisch.
    Obwohl ich sagen muss, dass Paris zwar nicht mein liebstes Land ist, ich aber doch einige schöne Tage dort verbracht habe.

    11.06.2010, 20:10 von SonnenTaenzer
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    Finds total schade, dass Paris (Frankreich) so auf dich gewirkt hat ! Hat nämlich wirklich unzählige, charmante Viertel und Flecken dort...

    Punkto Fremdsprachen und Franzosen muss ich dir allerdings Recht geben, nicht gerade ihre Stärke.
    Dafür begegnet einem der Großteil, auf französisch, super hilfsbereit!

    19.12.2009, 18:05 von H---
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    Als Franzose mochte ich gerne auch ein bisschen hier zu der Diskussion beitragen...
    Klar, dass einige Punkte hier stimmen...
    In einem TGV zu sitzen, ist ja klar nicht so angenehm wie im ICE zu sitzen...es liegt meiner Meinung nach daran, dass in Frankreich "schön/elegant" (der "wilden Mix aus hysterischem scharlachrot und pastelligem aubergine" wurde von Modedesigner Christian Lacroix entworfen - was übrigens für den Reisenden nichts bringt, aber für den Stolz der Franzosen wichtig ist) und "effizient" immer wichtiger als "gemütlich/bequem" und irgendwie "menschlich" ist. Noch schlimmer als TGV ist sicher die Pariser U-Bahn, die sehr effizient ist, aber mit ihren langen Korridoren, unbequemen Treppen und mit den "tourniquets" am Eintritt sowie am Ausgang sehr unmenschlich ist.
    Was mit Fremdsprachen stimmt ja leider auch...es liegt aber auch daran, dass Franzose entweder etwas perfekt machen wollen oder die machen es lieber gar nicht. Wir wissen, dass wir schlecht englisch können und zurfolge machen wir lieber so, als wir gar keine können. Am besten wäre ja natürlich, wenn wir trotz mieser Englischkenntnissen versuchen würden, zu sprechen, so ergebe es sich auch die Möglichkeiten, diese Kenntnisse zu verbessern. Aber es passt in der französischen Kultur nicht...immer am besten sein, sonst lieber nicht. Es ist ja zur Zeit auch mit Umweltschultz / Nachhaltigkeit so....bisher sind wir im Europavergleich ganz hinten...jetzt wollen wir plötzlich alles daran setzen, um die Beste zu sein. Es gibt ja kein Platz für Durchschnittliches...dass es klar ist : persönlich teile ich jadieser Meinung nicht ...aber es ist ja nur ein Erklärungsversuch...
    Dass auf Sauberkeit in Frankreich nicht so ganz wie in Deutschland Wert gelegt wird, stimmt leider auch...aber nicht unbedingt mit den Zügen, denn die sind in der Regel genauso sauber wie die der DB. Als Raucherwagen wurden die sogenannten Delacoix-TGVWagen nie benutzt, denn die wurden für den TGV-Est neu bestellt...
    Was ich auch in dem Beitrag nicht nachvollziehen kann, ist die Bemerkungen über nackte Titen...in Frankreich ist es ja eigentlich eher eine seltene Sache...Nackheit im öffentlichem Raum ist eher Tabou und in gewisser Masse strafbar...
    Hier höre ich auf mit einem letzten Hinweis : es ist ja hier nicht unbedingt die Meinung des Durchschnittsfranzoses...ich bin selber eher Frankreichkritiker und total Deutschlandfan...
    Und tut mir leid, dass ich Deustch nicht perfekt kann :-)

    03.10.2009, 13:29 von gc1982
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    Soeben aus Frankreich zurück, freue ich mich über diesen erfrischenden Artikel ;O) PARIS selbst habe ich noch in guter Erinnerung, viel Multi Kulti und mit ein paar Brocken französisch wunderbar zu meistern. Aber an der Küste entlang wirds da schon schwerer, da gebe ich Dir recht. Von Orange, bis Narbonne über Beziers...bekommt man auf die Frage ob Sie auch Englisch oder Deutsch sprechen und mal helfen könnten, ein schnauziges "SEULEMENT FRANCE"! "Oh Entschuldigung, dass ich Sie überhaupt angesprochen habe" denke ich mir. Das saß! Nicht nur Paris, Frankreich an sich hat Dinge die ich mag und vieles was ich nicht mag. Aber mit ein wenig Respekt und Entgegenkommen sollte das alles kein Problem sein. Schade das die Franzosen die Klischees leider immer wieder bestätigen! C'est définitif.

    02.10.2009, 08:18 von sabrina1980
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    nur ein paar gedanken:

    - in frankreich fahren die züge, und das schnell und meist pünktlich (wenn kein streik ist). ich bin gerade in berlin und hier fährt hin und wieder eine s-bahn, was sich aber gerne im monatsrhythmus ändert. selten zum positiven. ein hoch auf die deutsche organisation. ist mir in frankreich nie passiert...
    - frag mal den durchschnittlichen mannheimer oder berliner etwas auf englisch. du kannst glücklich sein, wenn die (deutsche!) antwort nicht unverschämt oder respektlos ist. an eine französische frage wage ich gar nicht zu denken. und im rest westeuropas mit ausnahme von holland und teilen belgiens sieht es nicht besser aus. glorreiche ausnahme bei fremdsprachen: skandinavien. da liegt deutschland aber eindeutig nicht.
    - fkk: fahr mal bitte an einen beliebigen ostseestrand oder einen brandenburger see. und dann versuch mal über frankreich zu meckern.
    - schwulsein und nackte frauen: schwule verlangen zu recht toleranz. aber es sind immer noch ca. 90% der bevölkerung nicht schwul. sollte man vielleicht mal dran denken, bevor man sie kritisiert.
    - attraktivitätsstufen und kleidung: schau dich einfach mal vor deiner haustür (also in mannheim, "falsche" seite der quadrate) um und dann versuch dich noch mal über frankreich zu beklagen...
    - backwaren in deutschland: *wegrenn* von seltenen ausnahmen mal abgesehen (ja, grimminger ist gut erträglich, aber alles andere als deutscher standard. beweg dich mal aus mannheim raus).

    irgendwie werd ich den eindruck von dem text den eindruck nicht los, dass du einen auf deinen sehr engen horizont begrenzten blick auf deutschland hast und dann plötzlich mal deutlich mehr von frankreich gesehen hast als je von deutschland. dass der vergleich nicht gut ausfallen kann ist klar. ob frankreich aber daran "schuld" ist, ist doch eher zweifelhaft.

    29.09.2009, 01:22 von nutella
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      @[Benutzer gelöscht] wat? sippenhaft? wo?

      29.09.2009, 20:01 von nutella
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      @[Benutzer gelöscht] ich wüsste nicht, wo ich einen generalangriff auf alle mannheimer geschrieben hab...

      29.09.2009, 23:50 von nutella
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    man ist das schlecht!

    27.09.2009, 16:18 von IAmTheGroove
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    hmm.
    paris nicht leiden zu können gehört übrigens auch für pariser zum guten ton. an und für sich hab ich daran auch nichts auszusetzen, trotzdem finde ich die argumente ein bisschen abgegriffen. und wüsste gern, ob du auch angemessen bedauernd aussiehst, wenn du einem franzosen, russen oder wem auch immer nicht in seiner muttersprache weiterhelfen kannst?

    25.09.2009, 16:26 von clara.tornova
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    "Ein Big Mac ist ein Big Mac, aber die nennen ihn Le Big Macke."
    :)

    24.09.2009, 09:40 von schlampenherzchen.
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    ich finde französisch gar nicht mal sooo schlecht

    22.09.2009, 18:45 von King-Lube-III
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