frau.von.ungefaehr 05.09.2012, 11:28 Uhr 40 39

Paisley.

Da liege ich. Neben mir blutet der Kater aus.

Der wurde nicht geopfert, sondern ist nur unglücklich an der zerbrochenen Fensterscheibe hängengeblieben und einen Verband wollte er sich partout nicht anlegen lassen. Hat gekratzt und gefaucht als ginge es nicht um sein Leben sondern um die fetteste Beute seines Lebens, die ich ihm wegnehmen wollte. Es erstaunt mich immer wieder, dass Tiere ebenso rotes Blut haben wie ich selbst. Ich merke, wie durchgesuppt die Matratze schon ist. Irgendwie beruhigt mich das. Das fremde noch warme und klebrige Blut, das sich in der Kuhle um meinen Hüftknochen sammelt.

Der Kater schnauft noch einmal. Dann ist es still. Als ich wieder aufwache, hat tatsächlich schon die Totenstarre eingesetzt. Vage frage ich mich, wie man so lange schlafen kann. Andererseits habe ich nicht die geringste Ahnung, wie lange es überhaupt dauert, bis die Totenstarre bei einem schätzungsweise viereinhalb Kilo schweren Tier einsetzt. Eigentlich hat das keinen Wert. Wenn ich es wüsste, würde das Tier ja doch nicht wieder lebendig. Muss es ja auch nicht.

Was soll jetzt mit der Katze passieren? Vergraben? Oder einfach nur vom Bett werfen? Ich bemerke, dass mir auch das egal und im Grunde keinen weiteren Gedanken wert ist. Ich drehe mich zur Wand. Starre. Schlafe mit offenen Augen, blinzle bisweilen gar nicht oder übertrieben oft.

Das Muster, das mir die Herbstsonne aus Birkenblätterschatten und vorbeifliegenden, in letzter Geschäftigkeit vor Aufregung noch ungelenker als sonst fliegender Insekten, die dem Kältetod ja doch nicht entrinnen können, auf die Wände malt, ist schön, aber in seiner Schönheit mehr als egal. Aus Mücken mache ich keine Elefanten mehr.

Als das Schattentheater aus Erinnerung kurz vor Sonnenuntergang doch allzu konkret wird, drehe ich mich abrupt weg. Kullere auf die Leiche. Ach, da war ja noch was. Mit schnellen Bewegungen schraube ich mich aus dem Bett, packe das einst geliebte Tier, trete auf das Pedal des Mülleimers, drücke ihm einen Kuss auf das nach wie vor weiche Fell und lege es sanft auf leere Margarinedosen, Käserinde und zerknüllte Zeitungsreste. Er wird es schön da haben. Weich und warm.

Dann stelle ich mich vor den blindfleckigen Spiegel. Mache ein Bild von meinem Gesicht, wie jeden Tag. Es hat sich nicht verändert. Vielleicht sind die Sommersprossen blasser geworden. Wer weiß? In der Schublade unter der Spüle findet sich ein Kerzenstummel. Den zünde ich an. Das Schattentheater, nun viel einfacher gestrickt mit mir in der einzigen Hauptrolle, beginnt von vorn.

Ich lege mich wieder hin. Jetzt fehlt mir die Katze doch. Ihr warmes Schnurren. Ihr warmer Körper. Nachtwind pfeift durch die gebrochene Scheibe. Ich falle in traumlosen Schlaf.

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40 Antworten

Kommentare

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  • 1

    katze tot: kacke? oder scheiß egal? leuchtet mir nich ein...aber ob nun liebgehabt oder aber auch nicht, man wirft ein totes wesen nicht in den müll, du schuft!


     


    schäm dich!

    11.09.2012, 14:36 von maderchen
    • 0

      wie wahr!

      12.09.2012, 16:12 von missweiss
    • 0

      müll,müll, sondermüll!

      12.09.2012, 20:05 von MaasJan
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  • 1

    Das macht mich richtig traurig... ich könnte meine Katze NIE in den Müll werfen - Himmelherrgott! Ich will niemanden verurteilen, weil der Text ist gut geschrieben, aber das find ich ziemlich unpassend. So ein schönes Tier, das einen jahrelang begleitet in den Müll zu werfen, geht für mich gar nicht.

    07.09.2012, 11:27 von missweiss
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  • 0

    irgendwie rührend geschrieben, beim Aufwachen war es sicher mausekalt

    07.09.2012, 08:32 von EliasRafael
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  • 0

    niemand darf denken!

    07.09.2012, 04:16 von MaasJan
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  • 0

    PROVOKATION - das mit dem Tier!

    Jeden Tag ein Foto von sich zu machen, find ich dagegen sehr schön. :)

    06.09.2012, 23:35 von Tora
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  • 0

    Eigentlich hab' ich ja Feierabend.
    Eigentlich hab' ich ja schon gekocht, geputzt und so.
    Eigentlich bin ich ja müde und wollte hier nur kurz reinkucken, dann gleich wieder raus.
    Eigentlich...

    06.09.2012, 20:09 von somehowamusing
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  • 1

    Also langsam wird mir das unheimlich. Ich glaube, in letzter Zeit landen ALLE Texte, die an die kleine, bescheidene, schönste Seite der Welt geschickt werden, hier auf der Startseite. Man kann Neon noch nicht einmal Abkupfern vorwerfen, weil der ja noch nicht hochgeladen war. Unsere Vorgaben sind anscheinend ziemlich gut!

    Ach so. Mag ich sehr. Obwohl ja viel gedacht wird, was woanders einen Rüffel bringen wird. Den Rest schreib ich an einem geeigneten Ort ;)


    06.09.2012, 18:45 von Trebor-Faust
    • 0

      angst.
      jetzt habe ich angst!


      06.09.2012, 18:47 von frau.von.ungefaehr
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  • 2

    Man hätte die Katze auch in der Mikrowelle wieder aufwärmen können, die hält danach die Wärme noch für 2 Stunden!!

    06.09.2012, 16:22 von TAFKAW_reloaded
    • 0

      Hm, Mikrowellle, Haustier ... da fällt mir wieder das hier ein.
      Ansonsten, neben einem verblutenden, sterbenden Hausstier ein Nickerchen machen ist fast so cool wie quatzes Kommentar.


      06.09.2012, 16:36 von Cyro
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  • 0

    weird

    06.09.2012, 15:03 von LauraPhilomenaTheresa
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  • 5

    Hallo und guten Tag! Ein nettes Stückchen Täxt über Tiere. Hat mir gut gefallen. Bis auf diesen Satz: 'Hat gekratzt und gefaucht als ginge es nicht um
    sein Leben sondern um die fetteste Beute seines Lebens, die ich ihm wegnehmen
    wollte.'

    Merkste selbst, nech?

    Ansonsten: Mir kam die Erfahrung des kalten Blutes zu kurz. Die gut beschriebene wollüstige Suhlung im warmen Blute eines eben getöteten Tieres, ist nachvollziehbar und eindringlich. Aber das eklige Gefühl, das entsteht, wenn man im kalten Blute aufwacht, wird nicht mal angeschnitten. Und glaubt mir, es ist eklich! Es ist genauso eklich wie wenn man sich im Winter in die Hose pisst, erst schön warm und dann später wird es immer kälter  und klammer, der Schniedelwuz wird zum Wüzchen und kriecht später in seine Höhle... äh... wo war ich?

    Ja, das Blut, es wird auch dicker! Und bildet erste Thromboseinseln aus, bis es später eine Haut bekommt wie dicker, kalter Kakao, welche beim sich darin Wälzen an den Bartstoppeln hängen bleibt.

    Nich, dass ich nu behaupte, du hättest Bartstoppeln, jedenfalls nicht äh im Gesicht! Aber trotzdem hört sich das so an, als hättest du dich noch nie in dem Blute eines erlegten Tieres gesuhlt.

    Leider.

    Ich stelle es mir vor und es läßt mich ein Sonett summen.

    Öh.

    Achja.

    Warum wird aus dem Kater eine Katze, wenn er stürbt? Ist das etwa die Message des Textes? Aus Poisel wird Paisel?

    Oder so?

    Ach. Nich Paisel? Ich muss mal was essen.

    06.09.2012, 14:00 von quatzat
    • 0

      okaayyyy...

      .

      XD

      06.09.2012, 14:22 von Pixie_Destructo
    • 0

      wie liebebvoll

      Nich, dass ich nu behaupte, du hättest Bartstoppeln, jedenfalls nicht äh
      im Gesicht! Aber trotzdem hört sich das so an, als hättest du dich noch
      nie in dem Blute eines erlegten Tieres gesuhlt.


      06.09.2012, 14:28 von Traumversinken
    • 3

      Und wie werd' ich jetzt das Bild vom Wüzchen wieder los...

      06.09.2012, 16:31 von Juliie
    • 0

      @quatzat


      nur mal so reingeschoben


      Das Statement von dir ist besser als der Text :D

      06.09.2012, 17:46 von jetsam
    • 0

      Schsn, nu musst dich mit ihm befreunden, erst dann findet er deinen Artikel auch gut oder besser ;)

      06.09.2012, 19:47 von topfbluemchen
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