Ann-Kathrin_Eckardt 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Nur 100 Dinge besitzen

Ausmisten radikal: In einem Jahr hat Dave Bruno seinen Besitz auf 100 Sachen reduziert.

Mr. Bruno, wollen Sie auch Ihr Haus verkaufen, oder warum stehen Zelt und Campingkocher auf Ihrer 100-Dinge-Liste?

Nein, ich liebe Zelten!

Aber ein Zelt braucht man nicht zum Leben. Als Gandhi starb, hatte er gerade mal fünf Besitztümer. Sie haben sogar Ihr Skateboard noch...

... weil meine Kinder Fahrräder haben und ich ihnen irgendwie hinterherkommen muss. Natürlich hätte ich viel radikaler sein können. Aber ich wollte weder Gandhi noch Mutter Teresa nacheifern. Ich bin ein US-Durchschnittsbürger mit Haus in der Vorstadt. Daran sollte mein Experiment auch nichts ändern.

Wozu dann das ganze Experiment?

Ich wollte ein Zeichen gegen den Konsumterror setzen. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber in Amerika gehen viele Menschen nur zum Zeitvertreib in die Mall. Meine Eltern zum Beispiel: Jedes Mal, wenn ich sie besuche, haben sie eine neue Couch. Wir kaufen aus Langeweile, nicht weil wir die Dinge auch nur ansatzweise brauchen. Irgendwann passt das Auto dann nicht mehr in die Garage

? Sie haben sich während des Versuchs aber auch ein Surfbrett gekauft.

Das war die einzige Anschaffung im ganzen Jahr. Ich wollte schon lange surfen lernen, aber erst während der 100-Thing-Challenge habe ich die Zeit gefunden. Das Tolle ist: Wenn man dem Konsum abschwört, hat man viel mehr Zeit. Früher bin ich am Samstag zu Home Depot gefahren. Jetzt fahre ich an den Strand.

Das heißt, Sie gehen immer noch nicht shoppen, obwohl das Experiment vorbei ist?

Zuletzt habe ich meine Sachen im August gezählt, fast ein Jahr nach dem offiziellen Ende der Challenge. Da war ich bei 94.

Auf guynameddave.com haben Sie die Liste ins Internet gestellt. Inzwischen eifern Ihnen Menschen auf der ganzen Welt nach.

Offenbar werden viele Menschen von ihrem Zeugs erstickt. So ging es mir ja auch. Die Idee kam mir, als ich versucht habe, unser Haus aufzuräumen. Das Ergebnis war frustrierend. Als ich fertig war, sah es immer noch chaotisch aus. Ich habe kurz meinen Besitzstand überschlagen. Fünfzig Sachen fand ich zu wenig, um normal zu leben, 150 zu viel.

Aber Sie mogeln. Was Sie mit Ihrer Familie teilen, steht nicht auf Ihrer Liste.

Stimmt. Unseren Esstisch oder das Haus zähle ich nicht zu den persönlichen Dingen. Die hätte ich auch nicht weggeben können. Aber meine Nachttischlampe steht auf der Liste. Ich habe deswegen viele Mails von Menschen bekommen, die sich auch an der 100-Thing-Challenge versuchen wollen, aber alleine wohnen.

Und was sagen Sie denen?

Sie müssen sich ja nicht strikt an meine Regeln halten. Neulich wollte ein Künstler wissen, ob er jeden Pinsel und jede Farbe einzeln zählen soll. Oder die ständige Frage mit den Schuhen. Ich kann nur sagen: Ich zähle zwei Schuhe als ein Ding. Auch meine Unterhosen sind auf der Liste ein Ding. Ich kann ja nicht nur zwei Unterhosen haben und jeden Tag waschen. So was funktioniert im Alltag nicht. Mein Anzug zählt dafür als zwei Dinge, weil ich Hose und Jackett auch getrennt anziehe.

Und warum sind Ihre Bücher eine Bibliothek?

(lacht) Der Vorschlag kam von einer Australierin, als ich auf meinem Blog über meine Bücherleidenschaft schrieb. Gut, oder? Grundsätzlich geht es bei dem Projekt nicht darum, eine Bürde loszuwerden und sich gleichzeitig eine neue aufzuhalsen oder starr an Regeln festzuhalten. Dem Künstler habe ich geraten, seine Malutensilien als ein Hobby zu zählen.

Wo haben Sie mit dem Ausmisten begonnen?

Im Kleiderschrank. Da ist das Erfolgserlebnis am größten. Ich habe Outfits für eine Woche zusammengestellt und den Rest weggeräumt. Als ich die Klamotten nach ein paar Wochen nicht vermisst habe, gab ich sie weg. Dann kam die Garage dran, der Schreibtisch etc. Ich habe jetzt noch ein Hemd, eine Krawatte, einen Bleistift ? insgesamt habe ich mehr als 500 Sachen ausgemistet.

Wie sind Sie die losgeworden?

Das war das Allerschwierigste. Es ist so einfach, Dinge zu kaufen, aber sie sinnvoll loszuwerden, ist mühsam. Ich habe einige Garagenverkäufe gemacht und Sachen an Freunde verschenkt. Meine Gitarre habe ich auf Ebay versteigert, meine gute Kamera an einen jungen Brasilianer verkauft, der noch zwischen den Autositzen nach Kleingeld gekramt hat.

Von was fi el die Trennung am schwersten?

Komischerweise von meinem Holzwerkzeug. Ich bin zwar kein guter Schreiner, aber ich habe mir immer eingebildet, dass ich in der Arbeit mit Holz einmal meine Erfüllung finden könnte. Als ich das Werkzeug verkauft habe, war das gleichzeitig das Eingeständnis, dass daraus nie etwas wird. Vermisst habe ich es bislang nicht. Meine Gitarre dagegen schon. Ich muss gestehen: Ich habe mir inzwischen eine neue gekauft.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare