AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 63 45

Nomen est omen - Teil 1

Oder: Jeder wie er will - aber nicht unbedingt mit mir!

Wir sind neu in der Stadt, mein Freund und ich. Und nachdem die Argumentationstrilogie „wir richten uns noch ein – sind grad erst angekommen – die Wohnung macht so viel Arbeit“ langsam nicht mehr zieht, haben wir am Wochenende damit begonnen, uns unters Volk zu mischen. Detlef und Doro hatten eingeladen. Uns und Karin.

Detlef kennt Doro und Doro kennt Detlef. Denny kennt mich und ich kenne Denny. Sonst kennt keiner keinen und Karin kennt tatsächlich nur sich selbst. Soweit die Ausgangssituation am Samstagmittag, denn wir sind alle neu in der Stadt und aus diesem Grund auf der Suche nach neuen Bekanntschaften im Anzeigendschungel des Internets übereinander gestolpert.

Nach einigem schriftlichen Hin und Her per Mail hatten Doro und ich uns darauf geeinigt, gemeinsam mit männlichem Anhang irgendwo – man kennt ja noch nichts – essen zu gehen. Das Telefonat, in dem wir dieses Vorhaben endgültig hieb- und stichfest machen wollten, schob ich allerdings bereits einige Tage vor mir hier. Und zwar exakt seit Doros letzter Mail, die mit den Worten „Detlef und ich freuen uns“ schloss. Zwar freute ich mich ob dieser freundlichen Bekundung, doch begann mein rechtes Augenlid angesichts des Namens Detlef schlagartig und auffällig zu zucken.

Ein Detlef mag der netteste, tollste, beste Mensch der Welt sein. Irgendwo. Aber in meiner hin und wieder klischeeangehauchten Vorurteilswelt steckt hinter einem Detlef ein Bilderbuchproll mit dicker Hose, tiefer gelegter Karre und einem Niveau a la BILD-Zeitung-Witzekiste und Atze Schröder.

Als ich Denny mit „DER heißt DETLEF!“ in Kenntnis setzte, erntete ich ein schlichtes „Ja, und?“. Pah. Typisch vorurteilsfreier Gutmensch. Also trug ich mit Inbrunst meine Proletariervisionen zur Erklärung vor, wies wie so oft auf die untrügerische Weisheit meines rechten Augenlids hin und griff letztlich mit „Aber nomen est omen!“ tief in den Floskeltopf. Alles in allem erntete ich lediglich ein amüsiertes Stirnrunzeln und ein durchweg optimistisches „Das wird bestimmt richtig nett!“.

Bevor dies zur Grundsatzdiskussion ausarten konnte (Idealist/Optimist vs. Realist/Pessimist), machte ich auf dem Absatz kehrt, griff zum Telefonhörer und berichtete meiner besten Freundin vom anstehenden Detlef-Date. Ich erntete sofort schallendes Gelächter - und zwar ohne dass auch nur der Ansatz einer Erklärung oder einer Floskel nötig gewesen wäre.

Nachdem ich mich ganze 3 Tage erfolgreich um den Doro-Detlef-Anruf herumgedrückt hatte, siegt am Samstagmittag dann mein schlechtes Gewissen. Frei nach dem Motto „Verabredet ist verabredet“ wähle ich Doros Nummer.

A: „Hallo Doro, hier ist Anna. Wir hatten uns für heute Abend per Mail zum Essen gehen verabredet.“
D: „Ach ja.“
A: „Ja. Tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde. Aber wie schaut’s denn aus? Bleibt es bei unserer Planung?“
D: „Tja, also eigentlich…“
A: Boah, ist es verboten, mehr als drei Worte zu sprechen?!
„Jahaaa?!“
D: „Das ist schlecht.“
A: Okay. Ich ziehe es dir auch aus der Nase, wenns denn sein muss!
„Was ist schlecht? Habt ihr für heute Abend schon etwas anderes vor?“
D: „Ja.“
A: „Okay, macht nix. Ich melde mich ja grad auch reichlich spät.“
D: „Etwas. Ja.“
A: Puuh. Macht wirklich nichts. Mit der Ein- bis Sechssilbigkeit in Person nebst meiner persönlichen Prollvorstellung von ihrem Detlef muss ich mich auch nicht unbedingt ein Abendessen lang an einen Tisch setzen.
„Na gut, dann wünsche ich euch aber auf jeden Fall einen schönen Abend und…“
D: „Ihr könnt ja auch kommen!“
A: „Wohin denn?“
Ich kann weniger Silben als du! Ha!
D: „Zu uns nach Hause.“
A: „…“
Ich kann auch ganz ohne Silben!
D: „Die Karin kommt auch.“
A: „Wer ist denn Karin?“
D: „Die kennen wir auch aus dem Netz.“
A: Wieso klingt das so, dass ich mich für das ‚auch’ fast schämen will?
„Und ihr habt euch bisher noch nicht kennen gelernt und trefft euch dann heute zum ersten Mal?
D: „Ja.“

Schnelldenkerpause.
Doro - der Silbenkauz
Detlef – der Bilderbuchproll
Karin – das Mauerblümchen (ich kenne wirklich nur Mauberblümchenkarins! Ganze sechs an der Zahl!)
In irgendeiner Wohnung.
Und wir mittendrin.
Das klingt schrecklich!
Das wird lustig!

A: „Da sag ich doch mal spontan: klar, die Einladung nehmen wir gerne an.“
D: „Na gut, dann geb ich dir jetzt den Detlef. Der erklärt dir den Weg!“
A: Ist Wegerklären Männersache?!
„Ähh, okay.“

Detlef erklärt mir den Weg, obwohl ich 5x darauf hinweise, dass wir in Besitz eines Navis sind, und er erklärt weiter, dass er genau wie ich eigentlich aus dem Pott stamme und dass wir uns allein deshalb bestimmt prächtig verstehen werden und dass ich in seiner Bude nix zu suchen hätte, wenn ich Schiss vor großen Hunden habe und dass sein Hund wirklich groß sei und dass er groß meine, wenn er groß sage und dass er jetzt noch mit dem Motorrad wegmüsse und dass die Welt ne Kugel ist und dass bla.

Zwar macht Detlef die Silbenkauzigkeit seiner Freundin locker wett, aber da jeder seiner Sätze nach so viel Testosteron klingt, als ob er mindestens 7 Säcke sein eigen nennt, die er sich auf dem Sofa fläzend allesamt gleichzeitig kratzt, bleibt mir in Anbetracht der eindeutigen Fährte ob meiner Proletariervision glatt die Spucke weg.

Als ich auflege, werfe ich meinem Freund ein kleines Besserwisserlächeln zu und flöte: „Das wird bestiiiiiimmt NETT!“

Am Abend parken wir vor dem Haus. Durch das Erdgeschossfenster sehe ich Kerzenlichter en masse romantisch um die Wette flackern.

„Das ist bestimmt die falsche Wohnung“, murmele ich Denny auf dem Bürgersteig zu. „Wir sind ja schließlich nicht zum Schmusen hier!“ Er hält mit „Och komm, vielleicht wollten die es einfach etwas gemütlich machen.“ dagegen. Pff. Da zöge ich ‚einfach’ dem ‚gemütlich’ klar vor!

Und da winkt uns auch schon jemand aus dem Flackerfenster zu. Da dieser visuelle Romantikanschlag meine Wahrnehmung doch deutlich zu beeinträchtigen scheint, kann ich beim besten Willen nicht erkennen, ob da eine männliche oder weibliche Hand zum Gruße fuchtelt. Aber ich erkenne deutlich, dass dieser Fuchtelmensch ein Riese ist. Also entweder eine sehr füllige Frau oder ein Berg von einem Mann. Während ich noch so vor mich hin spekuliere, werde ich des Haarschopfes gewahr, der die Riesenperson ziert. Ein längeres Lockengewuschel. Aha! Das ist also Doro, denke ich Blitzhirnchen mir. Und zack – da erscheint auch schon eine zweite Gestalt am Fenster. Auch riesig. Aber dürr. Ich muss sofort an den Vollstrecker denken, der damals bei Jürgen von der Lippe…aber ich will nicht abschweifen.

Wir laufen zur Eingangstüre um das Haus herum und während wir auf die Klingel drücken, nuschelt Denny noch bedeutungsschwanger „Ich glaub, der hat nen Oliba“. Da summt die Haustür auch schon zum Einlass und ich kann mir lachender Weise ein dezent ironisches „Ja und? Das wird bestimmt riiiichtig nett!“ einfach nicht verkneifen."Wichtige Links zu diesem Text"
Nomen est omen - Teil 2

45

Diesen Text mochten auch

63 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich habe mich köstlich amüsiert (;

    02.12.2008, 10:43 von nicilistMasta
    • Kommentar schreiben
  • 0

    und wann kommt Teil 2 ?:)

    31.10.2008, 15:53 von bananski
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Es gibt Geschichten, die sind nicht erfunden und schon darum gut.
    Das mit den Karins und Detlefs kenne ich auch - und doch gibt es immer mal wieder Überraschungen - wie in Teil 2???
    Ps: gute Schreibe

    28.10.2008, 23:28 von suziewong
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dein Schreibstil ist sehr unterhaltsam! Ich freue mich schon total auf Teil 2... ;)

    28.10.2008, 06:13 von Novah
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow, der text is gut. ich bin sprachlos

    26.10.2008, 20:35 von die_landplage
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wirklich ein toller Text!

    Nur muss ich gestehen: "Detlef " und "Denny" stehen für mich auf ungefähr der gleichen Stufe ;) Namenstechnisch gesehen ;)...

    21.10.2008, 12:02 von Wolkenschaf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Herrlich! Und ich kann dich so gut verstehen! Bei mir sind Detlefs immer schwul ;-)
    Super geschrieben, flüssig, selbstironisch, furchtbar lustig, mag mehr lesen! Freu mich auf Teil 2!

    20.10.2008, 19:28 von Muscheline
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dein Schreibstil macht die Geschichte kurzweilig und ich suche gleich mal Teil 2

    19.10.2008, 15:55 von tie.he
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 7

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare