Kellerkatze 20.12.2005, 11:30 Uhr 13 0

! NEIN !

Manchmal muss man andere enttäuschen, um sich selbst treu zu bleiben. - Denn wer nur ja sagt, verneint irgendwann sich selbst.

Das erste Mal sagte NEIN ich zu meiner Mutter. Lange vor der Pubertät. Ich hatte mich mit einer Freundin verabredet und meine Ma wollte, dass ich zu Hause bleibe, einfach so, ohne Grund. Ich sagte „NEIN“, zog meine Kinderschuhe an, kletterte über das Gartentor und lief zu meiner Freundin. Als ich nach Hause kam, war meine Mutter nicht böse. Sie sagte gar nichts dazu, dass ich gegen ihren Willen weggegangen war und von da an fragte ich sie nicht mehr um Erlaubnis, wenn ich mich verabreden wollte. Dies war mein erstes kleines, selbst erkämpftes Stückchen Freiheit. Und der Schlüssel dazu war ein NEIN.

Mit 16 brauchte ich jede Menge Freiheit. Und wie an einem Schlüsselbund trug ich einen ganzen Haufen NEINS mit mir herum. NEIN zu meinen Eltern, NEIN zu meinen Lehrern, NEIN zu allen, in deren Bild ich nicht mehr passen wollte, NEIN zu allen Wegen, die mir scheinbar vorgeschrieben wurden. Mein ganzes Äußeres war ein einziges NEIN. Und mein Inneres erst recht. Und zwischen all diesen NEINS begann ich meinen Weg zu suchen, bis ich wusste, wozu ich ja sagen wollte.

Doch im Laufe des Erwachsenwerdens bekam ich nach und nach ein gespaltenes Verhältnis zum NEIN. Das, was ich ein paar Jahre zuvor jedem an den Kopf geworfen hatte, der mir meiner Meinung nach im Weg stand, wurde plötzlich ein wenig beängstigend. NEIN wurde immer gewichtiger, mächtiger, zerstörerischer. Ich begann mich davor zu fürchten, weil ich glaubte, ein einziges könnte andere Menschen verletzen, Vertrauen kaputtmachen, Freundschaften zerstören. Kurz: ich begriff, dass NEIN oft enttäuschend ist, zumindest für den, der es hört.
Deshalb begann ich, „ja“ zu sagen: wenn jemand mich um etwas bat, das mir im Grunde viel zu viel war, wenn sich jemand, mit dem ich nicht klar kam, mit mir treffen wollte, wenn jemand, den ich nicht mehr liebte nach einer zweiten Chance verlangte und auch auf die Nachfrage des Kellners, obwohl mir das Essen gar nicht geschmeckt hatte.
“Ja“ wurde so im Laufe meines Lebens zum sozialen Kitt. Mit einem „Ja“ waren die Menschen um mich herum zufrieden und ich glaubte, dass sie mich dann mögen würden.

Bis mir eines Tages klar wurde, wie unzufrieden ich selbst damit eigentlich war. Und, dass ich einige der Menschen, die mich nun endlich mochten, selbst gar nicht leiden konnte. Auf einmal fiel mir auf, dass einige von diesen Menschen selbst nur NEIN sagten, wenn ich sie um etwas bat – und mir dadurch ein ganzes Stück persönlicher Freiheit abhanden gekommen war.

Also habe ich mich auf die Suche nach meinem Schlüssel gemacht:
ich habe wieder begonnen NEIN zu sagen. Das erste war zwar zaghaft, doch das nächste schon verständlicher und das letzte war schließlich schon laut und deutlich. Zwar haben einige der Menschen in meiner Umgebung etwas erstaunt darauf reagiert, aber die befürchtete Katastrophe blieb aus. Im Gegenteil: die Leute, die ich nicht leiden konnte und die mir nur die Kraft raubten bin ich inzwischen losgeworden. Und mit jedem falschen Freund, der sich von mir distanziert, komme ich mir selbst ein Stückchen näher. Gewonnen habe ich damit eine Menge Zeit und für mich selbst und für meine wirklichen Freunde. - Denn echte Freundschaften verkraften ein NEIN."Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.palverlag.de/Selbstbewusstsein-Info.html

13 Antworten

Kommentare

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    ja, guter text :)

    15.02.2006, 16:48 von Uschigirl
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    obstsalat ich meine natürlich : alles was nach einem halbherzigem JA...

    01.02.2006, 08:48 von chicita
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    oh ja es ist so wichtig manchmal einfach nein zu sagen
    vor allem wenn man selbst ziemlich im stress ist oder einfach gerade empfindlich ist
    das gefühl nicht nein sagen zu dürfen um anderen gerecht zu werden macht angst
    und alles was nach so einem halbherzigen nein herauskommt ist eine verlogene sache

    01.02.2006, 08:46 von chicita
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    Ich schließe mich an - ein toller Artikel!! Ich selber habe auch schon solche Wandlungen von JA zu NEIN, wieder zu JA und wieder zu NEIN durchgemacht. Wer immer zu allem JA sagt wird sich selbst untreu - wie wahr". Dazu habe ich ein passendes Zitat:

    "Wer gegen sich selbst und andere wahr bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der größten Talente" (J. W. v. Goethe)

    30.01.2006, 14:48 von zigzag
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    Sehr guter Text, gefällt mir.
    Sei du selbst, steht zu dem was zu willst und was du nicht ausstehen kannst.
    Nur wer dich dann so mag wie du bist, der mag auch dich. Mit deinen Jas und deinen Neins.

    26.01.2006, 17:30 von ElLoco
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    also ich finde du hast das zu drastisch dargestellt. gib es denn nur schwarz und weiß...also ja und nein? ich denke die richtige mischung macht. natürlich will man nicht der arsch für andere sein und sich ausnutzen lassen aber andererseits kann es doch auch echt schön sein, seine freiheit für jemandem zu opfern dem man nahe steht....

    16.01.2006, 12:05 von dermoe
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      @dermoe Sehe ich eigentlich genau so. Deshalb auch der Satz: "Gewonnen habe ich damit eine Menge Zeit und für mich selbst und für meine wirklichen Freunde." Vielleicht ist das nicht so rüber gekommen!?

      16.01.2006, 14:21 von Kellerkatze
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    Kommt doch trotzdem auf die art und weise an. Für freunde öpfert man auch schonmal ein stuck seiner "freiheit", "selbst", oder wie mann es auch nennen mag. Ein geben und nehmen eben.

    15.01.2006, 16:32 von 9amir9
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    wie recht du hast!

    15.01.2006, 16:19 von moechtegern
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