Nahost in zwanzig Minuten
Wenige trauen sich heutzutage noch in den Nahen Osten zu reisen. Ich war dort und bedauere diese Leute. Es ist toll. Ihr müßt nur Geduld haben.
Nahost in 20 Minuten
Ich komme gerade aus dem Urlaub zurück. Gleich nach der ersten Comedy Lounge bin ich abgereist, die Jungs meinten es sei am besten wenn ich erst mal Gras über die Sache wachsen lassen würde und mich für ein paar Tage absetzen würde. Ich war zehn Tage in Syrien. Nicht unbedingt die erste Wahl unter deutschen Touristen. Dafür begegnet man dort auch keinen menschenähnlichen Dingen die T-Shirts tragen auf denen Dinge stehen wie „Die Flachleger e.V., Kegelfreunde Poppenreuth – Malle Tournee 2002“ oder „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ ein echter Klassiker inzwischen. Und noch einen für die ganz ausgeflippten Jungs und Mädels im Ausland: „Sumsen ist Buper – Schicken ist Fön!“.
Jedenfalls. Man merkt schon im Flug von Amsterdam nach Damaskus, dass man nicht für die nächsten 14 Tage mit Menschen aus der Nachbarschaft in einem Pauschalknast eingesperrt wird. Im Flugzeug sitzen vornehmlich Syrer, Jordanier, Libanesen und jede Menge Iraker die, wie ich mir von dem jungen Iraker neben mir erklären lasse, derzeit aus aller Welt über Syrien versuchen nach Hause zu kommen, solange es ihr Land auf der Karte noch zu finden gibt.
Und wenn man nach dem 11. September schon Schweißausbrüche beim Dönerkauf bekommen hat, ist eine Überlegung wer ob man die Nerven hat in ein Flugzeug zu steigen in dem die Araber- Europäerquote bei 180 zu drei liegt. Jedenfalls sollte man es vermeiden das koschere Menü zu bestellen.
Allerdings ist es interessant auch mal dieses Minderheitenfeeling zu erleben. Man geht lässig durch den Mittelgang bis ganz nach vorne, mustert die Passagiere mit einem intensiven Blick und verschwindet dann in der Toilette und weis genau was die jetzt denken: „Scheiße. Da will sich einer rächen!“
Eigentlich sollte der Flug ja direkt nach Damaskus gehen, wurde dann allerdings kurz vor der Landung umgeleitet wegen Nebel. In der Wüste. Bei 28 Grad Celsius. Und wohin? Nach Beirut im Libanon. Ich verbinde, mediengeprägt, den Libanon und insbesondere Beirut mit gewissen Bildern. Peter Scholl-Latour, gewandet in einer schusssicheren Weste, vor einer Ruinenlandschaft stehend, Schüsse sind im Hintergrund zu hören, der eine Horrorreportage über Mord und Totschlag liefert, die er selbst nur mit viel Glück und guten Beziehungen zum mächtigsten Milizchef des Häuserblocks überlebt. Überall Banden übellauniger, unrasierter Gotteskrieger die gar nicht gut auf Europäer zu sprechen sind und endlose Namenslisten von entführten Missionaren, Journalisten, Entwicklungshelfern und Touristen, die Jahrelang in irgendwelchen Hobbyfolterkellern verrotten und sich notgedrungen dem eigenen Geschlecht zuwenden.
Der Umstand, dass selbst der arabische Teil der Passagiere, also alle außer mir, einem norwegischen Ingenieur und einem englischen Geschäftsmann, auf die Kursänderung mit nervösem Gemurmel und Beschimpfung der Stewardessen reagierte, trug nicht unbedingt zu meiner Entspannung bei. Ich sah mich schon in den starken Armen von Øle in einem rattenverseuchten Loch verschimmeln.
Und was könnte enttäuschender sein, wenn man sein Testament bereits auf der Rückseite der Kotztüte verfasst hat und zusammen mit einem Abschiedsbrief an die Eltern dem netten Iraker neben sich gegeben hat, wenn man sich also so fühlt wie ein Afrikaner, der kurz vor der Landung in Berlin erfährt, das sein Flugzeug unplanmäßig in der brandenburgischen Provinz Landet, als unter sich eine hell erleuchtete Großstadt mit vielen Hochhäusern und einer endlosen glitzernden Strandpromenade zu erblicken und kurz darauf einen Flughafen zu betreten der so bombastisch ist und einem den polierten Marmor regelrecht entegenkotzt als befände man sich in einem feuchten Traum von Albert Speer.
Denn währen Deutschland in den letzten zehn Jahren damit beschäftigt war den Abstiegskampf aus der ersten Welt Liga zu verlieren, haben die Libanesen ihr Land heimlich wieder aufgebaut und an allen strategischen Straßenkreuzungen Benneton, H&M, Gapläden und Starbuckscafés platziert. Hoffentlich petzt keiner George W, dass es hier einiges kaputtzumachen gibt.
Es hätte also ein ganz angenehmer Ferienbeginn mit ungeplantem Zwischenstopp in der, wie die Libanesen es nennen, Schweiz des Nahen Ostens werden können, bevor man dann nach Syrien, oder wie die Libanesen es nennen, in die DDR des Nahen Ostens weitergeleitet wird. Wenn, ja wenn nicht das Flugzeug voller Iraker gewesen wäre. Denn wer erst mal H&M und Gap in seinem Land angesiedelt hat, der fürchtet sich natürlich diese Fackeln der Zivilisation von chirurgischen Präzisionsflächenbombardements wieder ausgeblasen zu bekommen. Und dafür reichen derzeit wohl schon einige Dutzend Untertanen Saddams die man durch das eigene Land fahren lässt.
Das heißt, wir wurden erst mal für zwölf Stunden im Transitbereich des Flughafens interniert bis der oberste Durchreiseminister aufgeweckt, rasiert, geduscht und befrühstückt genug war um zum Flughafen zu kommen und zwanzig verschiedene Stempel in unsere Pässe hämmern zu lassen.
Die Zeit bis das geschah vertrieb ich mir damit herauszufinden was eigentlich vorgeht. Die freundliche Dame am Schalter sprach nämlich nur Arabisch und war ohnehin voll damit beschäftigt mit 100 Menschen zu streiten die zwar arabisch konnten, aber trotzdem nicht wussten was eigentlich vorging.
Ich bekam von ihr ein Einreiseformular, komplett in Arabisch, und schrieb aufs Geratewohl einige Lebensdaten hinein in der Hoffnung, meine zwölfstellige Passnummer nicht in das Feld „mitgeführter Devisenbetrag“ einzutragen oder mein Geburtsdatum in das Feld „Datum der ersten Einreise“.
Glücklicherweise hing da ja auch noch ein Fernseher um sich die Zeit zu verkürzen. Wohlweislich in unerreichbarer Höhe aufgehängt und auf volle Lautstärke aufgedreht, so dass man auch ja keine Silbe verpasste die der 24 Stunden Muezzin Kanal einem ins Gehirn einbrannte. Anfangs ignorierte ich den Singsang ganz einfach. Ich war überrascht wie schnell ich diese Fähigkeit verlor, denn schon nach drei Stunden wünschte ich mir in einem verborgenen Kämmerchen meines Unterbewusstseins, dass im nächsten Moment ein Kreuzritterheer um die Ecke kommen würde um dem Geplärr ein Ende zu machen. Es ist erstaunlich wie schnell man zur Religion zurückfinden kann. Vor allem zu einer, die sich damit begnügt einmal die Woche ein bisschen mit Glocken zu bimmeln. Denn in Sachen Lautstärke und Soundqualität ist der Islam wohl das Punkkonzert unter den Religionen.
Allerdings sollte man solche Gedanken für sich behalten und schon gar nicht auf dem Beiruter Flughafen, umgeben von schwerst gereizten Arabern eine Debatte über Religionen damit beginnen, dem Prediger den Saft abzudrehen. Schließlich ist man Gast in diesem Land und würde sich auch strafend umblicken wenn irgendjemand zum Pfarrer auf die Kanzel klettert um an seinem Lautstärkeregler herumzuspielen.
Ich begnügte mich also damit meinen Zorn hinunterzuschlucken und mir unauffällig das Blut, das mir aus den Ohren quoll wegzuwischen. Nach Acht Stunden saß ich einfach nur noch wippend auf meinen Stuhl und hörte mich mitsummen. Ich hatte aufgegeben. Nur um nach zwei weiteren Stunden Zeuge eines höchst beeindruckenden Schauspiels zu werden. Ein arabischer Mann ging fluchend auf den Fernseher zu, rückte einen Mülleimer darunter, stellte sich darauf und zog unter dem Beifall der anderen Passagiere den Stecker aus der Dose.
Die Stile die darauf durch mein Gehirn brandete war nur mit der Wirkung von einem halben Liter Tequila, gemischt mit zwei bis drei Paracetamol zu vergleichen. Jetzt war auch endlich das Flughafenradio zu hören, das bislang vergeblich versucht hatte gegen den heiligen Mann aus dem Fernseher anzukämpfen.
Was nicht unbedingt ein Vorteil war. Denn bis ich den Flughafen zwei Stunden später verlassen durfte wurde ich mit einem bunten Pottpourie aus den größten Hits von Elton John, nachgespielt auf der Panflöte, beglückt. Dieselbe CD, die auch von vielen Friseuren bevorzugt wird. Das erklärt meinen derzeitigen Haarzustand.
All das war aber vergessen als uns endlich die Durchreise durch den Libanon gewährt wurde. Dass ich auf dem Weg nach draußen noch einmal eine Stunde durch Leibesvisitationen aufgehalten wurde, weil ein Beamter beobachtet hatte wie ich mich mit einem Iraker unterhalten hatte und die Frage äußerte: „Your friend? You talk, your friend?“ sowie Probleme hatte wegen eines, den Zöllner unbekannten österreichischen Visastempels, den ich mir spaßeshalber einmal bei einem Besuch der sympathischen, kotelettförmigen Heimat von Mozartkugeln und Adolf Hitler habe geben lassen, nahm ich mit der geduldigen Gleichmut des Geprüften hin, der den Toren des Himmels bereits in Form von Palmers Unterwäschewerbeplakaten ansichtig geworden ist, mit denen ich in den letzten sechs Stunden eine beinahe schon intime Beziehung eingegangen war.
Welche Erleichterung endlich in den Bus nach Damaskus zu steigen, nach all diesen Strapazen und seelischen Qualen, dem kafkaesken Erlebnis im Transitbereich, als mir ein Zöllner in gebrochenem Englisch zu erklären versuchte, dass ich eigentlich nicht wirklich da bin, weil ich ja nicht in den Libanon eingereist sei, aber auch nicht mehr in Holland bin, weil ich dort ordnungsgemäß ausgereist sei, quasi also in einem transzendenten Zwischenstadium existiere, oder eben nicht existiere, sondern rechtlich gesehen nicht da sei, eben dazwischen, im Transit, im Übergang, nicht dort, aber auch nicht hier.
Dafür, dass ich, einreiserechtlich betrachtet, eigentlich gar nicht existent war, hatten die letzten siebzehn Stunden deutliche Stunden hinterlassen. Wären meine Augen durch die trockene Klimaanlagenluft nicht inzwischen zu blutigen Rosinen verschrumpelt hätte ich dem Zöllner ordentlich was vorgeheult.
Nachts, allein, nicht fähig sich verständlich zu machen, orientierungslos in einem Land, von dem man bis jetzt nur in Agentenfilmen und Tom Clancy Romanen gehört hatte.
Aber immerhin waren ich, Øle und die Araber im Bus nach Damaskus. No Problem, Alles klar. John, den Engländer, hatten wir aus den Augen verloren. Er war irgendwann gegen fünf Uhr morgens verschwunden um Damaskus auf eigene Faust zu erreichen. Mich würde es nicht wundern wenn er inzwischen das neue Flittchen von irgendeinem PLO Milizchef geworden ist.






Kommentare
Fantastisch! Der Humor ist unschlagbar, und die Situationen sind so schön komisch-bitterböse eingefangen - mehr davon!
24.07.2006, 14:15 von Coogarich hatte so einen spass dabei deinen artikel zu lesen und sass zum teil prustend vor meinem bildschirm, besonders als ich die stelle mit der lautstaerke im flugzeug gelesen habe. Habe ahenliches auf einer reise erlebt. Konnte es mir bildlich vorstellen!Solltest du ein buch schreiben, lass es mich wissen!
17.10.2005, 10:19 von eskimoAKwie war denn jetzt eigentlich damaskus, denn es ist ein grosser traum von mir nach damaskus zu fahren! bin dafuer, dass du darueber auch mal berichtest!
interessant, interessant
20.09.2005, 15:16 von SinnestaeuchungIch war dieses Jahr auch in Libanon (am 12.08.2005 zurück). Schade dass du nur in den Beeindrückenden Flughafen warst. Was Libanon zu bieten hat, hat kaum ein Land zu bieten. Von der Wunderschönen Küste bis zum Gebirge ist es gerade mal eine Halbe Stunde max. eine Stunde. Libanon hat sehr viele Sehnwürdigkeiten. Wenn man bedenkt das vor paar Jahren der 18 Jährige Krieg zu ende gegangen ist, ist Beeindrückenden was das land zu bieten hat.
Ein Besuch in den Libanon ist alle male wert.
Ein genialer Artikel und eine geniale Schreibweise!
22.08.2005, 12:23 von goldi1973Mein Bruder ist geschäftlich in Beirut (um einen Werbespot für Johnny Walker (!) zu drehen) und als wir neulich telefonierten, bestätigte er mir das Stadtbild, ähnlich beschrieben wie dein Eindruck im Flughafengebäude.
Vielleicht schaffst du es ja auch mal, nicht NUR den Flughafen von Beirut zu sehen und zu erleben...
schöner Artikel, wenn auch ncht einfach zu lesen. Hing mal ähnlich in Dubai fest. Bloß können und wollen da alle Englisch sprechen
11.08.2005, 15:39 von MyCroft84