on.the.road.again 31.07.2008, 10:29 Uhr 20 9

Nach dem Beben

2006 bin ich als Studentin nach Chengdu gekommen, um mein Chinesisch zu verbessern, nun bin ich Hauptorganisatorin einer Hilfsgruppe im Erdbebengebiet

.
12. Mai 2008. Es ist dunkel geworden, und einige Studenten schlafen schon auf ihren provisorischen Feldlagern.
Wüsste man nicht, dass die Provinzhauptstadt Chengdu heute um 14.28 von einem heftigen Erdbeben erschüttert wurde, könnte man meinen, die ausländischen Studenten hätten ein internationales Picknick vor dem Studentenwohnheim gehabt und hätten sich entschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen.

Federbetten und Schlafsäcke sind nach draußen gebracht worden, ein Rucksack mit ein paar Snacks, dem Pass und wichtigsten Unterlagen und natürlich das Handy, denn erst jetzt gegen Mitternacht ist es langsam wieder möglich über das überlastete Handynetz die besorgten Anrufe der Eltern aus dem Ausland zu empfangen und gleichzeitig die Nummern der steigenden Todeszahlen aus der westlichen Presse zu erhalten.

Eine Woche später stehe ich auf der Ladefläche eines Kleinlastwagens und reiche einem alten Mann eine Kiste Wasser. Ich befinde mich in Hongbaizhen, in den kleinen Bergdörfern, die von den größeren Hilfsorganisationen und der Regierung auf Grund der geringen Einwohnerzahlen vorerst nicht beachtet werden können. Mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe in Chengdu ansässiger Westler benutze ich die Spenden, welche wir seit dem Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Richterskala vom 12.Mai 2008 sammeln konnten, um essentielle Hilfsgüter ins Krisengebiet zu bringen.

Wasser, Reis, Lebensmittelöl, Kerzen, Taschenlampen, Zelte und Medikamente sind die in den ersten Wochen am dringendsten benötigten Güter. Auch wenn die Regierung fantastische Arbeit leistete, ist das Ausmaß der Katastrophe einfach zu groß, um allen Menschen zeitgleich und ausreichend zu helfen. Dementsprechend sind die Dorfbewohner, denen wir helfen, auch verzweifelt genug um uns manchmal das ein oder andere Zelt von dem Lastwagen "zu stehlen", wenn wir nicht genügend Zelte für das ganze Dorf mitbringen können.

Wir können immer nur kleine Mengen ausliefern und müssen versuchen diese Lieferungen so gerecht wie möglich zu verteilen, Familien mit Kindern und Alten gehen vor. Trotzdem begegnen uns die Menschen immer mit einem Lächeln und großer Dankbarkeit, wofür ich sie aufs tiefste bewundere.

Ich frage die Dorfvorsitzenden in Mandarin, was am dringendsten gebraucht wird und wie viele alte Menschen und Kinder in dem Dorf leben. Manchmal gibt es ein paar Verständigungsschwierigkeiten, da auf dem Land welche tiefster Sichuan Dialekt gesprochen wird, dann kommt einer der Fahrer zu Hilfe.
Oft kommt auf diese Frage die traurige Antwort, dass viele Kinder gestorben sind. Denn um 14.28h befanden sich die Erwachsenen zwar auf den Feldern aber die Kinder saßen fast alle in den Schulen, von denen zahlreiche komplett einstürzten.

Inzwischen, über zwei Monate nach dem Erdbeben, arbeite ich als Vollzeit Mitarbeiterin für unsere Gruppe, die mittlerweile unter dem Namen Sichuan Quake Relief (SQR) effektive Arbeit leistet. Jeder Tag sieht anders aus, mal bringe ich Tafeln, Stifte und andere Schulmaterialien in verschiedene Zeltschulen, mal nehme ich an Meetings mit der Regierung aus den vom Erdbeben betroffenen Gebiet teil und an anderen Tagen begleite ich Volontäre zu den Schulen im Krisengebiet um sie dort als Englischlehrer unterzubringen.

Die Menschen, mit denen ich Tag für Tag arbeite, sind so vielfältig wie meine Arbeit selbst, doch alle möchten einen Beitrag zur Hilfe im Erdbebengebiet leisten, sei es das französische Konsulat, das uns Spenden von französischen Schulen gibt oder eine Studentin aus Neuseeland, die ihren Urlaub nutzt um im Krisengebiet zu helfen.

Auf der Anderen Seite stehe ich in engem Kontakt mit den Kindern, Lehrern und anderen Menschen im Krisengebiet. Meist sind dies einfache Bauern die seit dem Erdbeben fast alles verloren haben, doch trotzdem nicht verbittert sind. Inzwischen kennen sie mich schon und jedes Mal wenn ich zurück komme werde ich freudestrahlend mit einem "ah, da bist du ja wieder, schau unsere Bai Laoshi ist wieder da" begrüßt (Bai ist mein chinesischer Nachname, Laoshi heisst Lehrerin wird aber auch als einfache Höflichkeitsfloskel hinter den Nachnamen gestellt).

Die Kinder, welche etwas mehr Zeit mit mir verbringen, fragen mich über Deutschland aus, ob es dort Methoden gibt Erdbeben vorauszusagen, was man dort isst oder wollen einfach eine Umarmung.
Auch mit der Chinesischen Regierung habe ich immer wieder Kontakt, mal positiven mal negativen.
Die Beziehung zur Regierung hängt natürlich immer von der derzeitigen politischen Lage ab, auch wenn die Regierung kurz nach dem Beben ausländischen Journalisten und NGOs gegenüber unerwartet offen war, gibt es immer wieder Rückschläge.
Als in einigen Städten Eltern gegen Korruption demonstrierten deren Kinder in eingestürzten Schulen starben, war es für ausländische Volontäre extrem schwer ins Krisengebiet zu fahren. Aus Angst vor negativer Publicity wurden alle Straßenblockaden verstärkt und Ausländer durften nur mit Sondergenehmigung ins Erdbebengebiet.
Wie sich die Beziehung zwischen den ausländischen Hilfsorganisationen und der Regierung entwickeln wird ist schwer zu sagen. Die lokalen Regierungen der am schlimmsten betroffenen Bezirke sind verzweifelt genug um auch ausländische Hilfe entgegenzunehmen, aber in welchem Umfang diese von der Zentralregierung in Beijing genehmigt wird ist ungewiss.

Insgesamt werden die Aufbauarbeiten in Sichuan noch mindestens drei Jahre andauern. Bis ich Ende September zurückkehre werde ich weiter für SQR arbeiten und jede Woche ins Krisengebiet fahren.

Nach zwei Jahren, in denen ich kein einziges Mal in Deutschland war, werde ich zurückkehren, und auch wenn ich mich auf meine Familie und Freunde freue, weiß ich doch, dass mir der Abschied schwerfallen wird.

Das Wenchuan Erdbeben vom 12. Mai 2008 hat mein Leben im wörtlichen und übertragenen Sinne stark erschüttert zum Teil sehr positiv und zum Teil negativ. In einen komplett "normalen Alltag" zurückzukehren, in dem fast niemand das Erdbeben und seine Folgen miterlebt hat, wird eine Herausforderung sein und auch der Gedanke, nicht mehr im Erdbebengebiet zu helfen, ist im Moment schwer vorstellbar.

Bilder aus dem Erdbebengebiet.

9

Diesen Text mochten auch

20 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Faszinierender Artikel... Ich habe 2009/2010 ein Schuljahr in einer Stadt nahe Chengdus verbracht und die Ausmaße dieses Bebens waren noch deutlich sichtbar. Viele weiße Baracken mit diesen markanten blauen Dächern in denen die Leute hausen die seitdem kein Dach über dem Kopf mehr haben.
    Wie als wäre es gestern gewesen, konnte jeder der das Beben im März 2008 miterlebt hat, beschreiben wie alles abgelaufen ist. Die Bilder werden sie nie wieder löschen können.
    Die Risse im Wohnhaus meine chinesischen (Gast)familie machten die Situation nur noch deutlicher... auch 2/3 Jahre nach dem Unglück fehlt schlichtweg zu viel Geld um alle Schäden zu reparieren.
    Das "Leben nach dem Beben" mitzuerleben war eine der spannendsten und prägendsten Erfahrungen in meinem Leben.

    06.03.2011, 19:49 von KathaChina
    • Kommentar schreiben
  • 0

    toller text, bemerkenswerte eindrücke, die dein leben bereichern positiv und negativ. toll. ich bin zu unsozial, aber bewundere das an anderen menschen. sehr sehr gut.

    09.08.2008, 11:01 von analog
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hey an Alle,
    danke für die ganzen guten Wünsche- die ich natürlich gut gebrauchen kann :)
    Grad bin ich Qingchuan wiedergekommen (7 Stunden minivan) wo es gestern nacht wieder ein längeres Nachbeben gab.

    Für alle die Interesse haben unter http://www.flickr.com/photos/29230610@N03/ gibts Photos zu sehen (bei Neon klappts mit dem hochladen derzeit irgendwie nicht).
    Lieben Gruß aus Chengdu

    04.08.2008, 17:58 von on.the.road.again
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke für die Informationen und viel Glück für dein weiteres Engagement.

    04.08.2008, 15:18 von Freydis
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich bin mal wieder zufällig auf einen deiner bebartikel gestoßen.
    ich finde es so klasse über neon etwaqs darüber zu hören.
    hab die nachrichten im chinesischen fernsehen gesehen...
    aber danach taucht ja alles wieder ab.
    hätte nicht gedacht, dass es 3 jahre sein werden!

    03.08.2008, 18:17 von monecule
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wow, es ist echt super was du für die Leute dort tust! Da mein Vater bis vor kurzem in Chengdu gewohnt hat, und auch während des Bebens außerhalb der Stadt in einem Bergdorf im Erdbebenzentrum war, habe ich über ihn und meine Freunde aus Chengdu alles aus erster Hand mitgekriegt. Deshalb hat mich das Beben sehr erschüttert, ich hab im Fernsehen Plätze in Chengdu gsehen, an denen ich schon so oft war und Freunde haben mir Bilder geschickt. Ich finds klasse, dass du dich so für die Menschen einsetzt, so ein Engagement sollten mehr Menschen zeigen!

    03.08.2008, 14:01 von _niniel_
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hi!
    Also,ich finds gut,dass jemand mal wirklich als insider darueber berichtet, wie es in China laeuft(bzw. in einem Teil davon=Sichuan), weil man so oft sooo viel negatives hoert in den westlichen Medien, dass ich mich schon fast frage, ob es denn wirklich stimmen kann,dass die so streng sind mit Zensur und kein Zutritt fuer Auslaender etc.
    Und an misspringle:
    dank deiner so-sehr-von-dir-selbst-Eingenommenheit hast du nicht bemerkt,dass auch noch andere vor dir Kommentare in Richtung "das hatte ich doch aber schon mal gelesen" gepostet hatten.
    Merci fuer mal ein bisschen Abwechselung hier auf neon, und ganz viel mehr Courage noch, on.the.road.again!

    03.08.2008, 04:07 von sweetie_pie
    • 0

      @sweetie_pie schnucki, meiner wurde aber kommentiert.
      nicht weinen, das war nicht böse gemeint.

      04.08.2008, 22:00 von misspringle
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    toller artikel.

    01.08.2008, 23:26 von oneandall
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare

  • Organspende

    „Ganz eindeutig pro Widerspruchsklausel. Die Vorrauss...“

    25.05.2012 von Dahumm
  • Organspende

    „Wenn man doch tot ist, braucht man sein Organe eh ni...“

    25.05.2012 von rramona
  • Ding dong

    „Es ist auch schwer vernünftige Kleider zu finden. Di...“

    25.05.2012 von B.tina
  • 36 Grad

    „dachte voll sie bringt sich gleich um, was langweili...“

    25.05.2012 von Loo
  • Ding dong

    „Schon nach dem ersten Absatz hab ich mich kaputt gel...“

    25.05.2012 von NeverGrowUp