susiderkins 21.02.2011, 12:17 Uhr 1 3

Mitbewohner

Vor kurzem saß ich in Berlin in einem Café, als ich meine ehemalige Mitbewohnerin aus der Uni vorbeigehen sah. Berlin ist groß. Aber nie groß genug.

Ich duckte mich spontan hinter meinem Sushiteller, und entdeckte dabei, dass 4 cm hohe Reishäufchen mit Fisch sicherlich nicht als gelungene Deckung Furore machen werden.

Doch das Glück war mir hold, sie sah nicht in meine Richtung.

Wieso eigentlich, fragte ich mich dann, wollte ich auf keinen Fall jemanden treffen, mit dem ich lange Zeit auf einigen Quadratmetern zusammen gehaust hatte? Lag es an ihr? An mir? Oder am WG-Leben an sich?

Eigentlich erinnere ich mich gerne daran.
Weil es genau das ist: Erinnerung.

Meine erste Mitbewohnerin setzte sich mir am Morgen des ersten gemeinsamen Frühstücks gegenüber, um mir, wie sie selbst so schön sagte, „jetzt mal ganz ehrlich alles über sich zu erzählen“.
Schade eigentlich, dass sie die Missbrauchs-/ Entführungsgeschichte ihrer Vergangenheit nicht schon am Tag des WG-Castings erwähnte.
Ich weiß bis heute nicht, wieviel davon erfunden war oder nicht, jedenfalls führte es dazu, dass ich einige Nachsicht bei ihr walten liess.

Gelegenheit dazu hatte ich, als ich nach einem Wochenende bei der Familie wieder in die WG zurückkehrte, und mich beim Eintreten in die Küche instinktiv duckte, da ich annahm, mir selbige zukünftig mit einem Schwarm flatternder Fledermäuse teilen zu müssen. Wie zum Geier hatte sich unsere Küche übers Wochenende in die Attendorner Tropfsteinhöhle verwandelt?

Nun, die Erklärung war simpel: Lisa hatte sich „irgendwie unausgeglichen gefühlt“, gottseidank aber meine kompletten schweineteuren Malerutensilien entdeckt, und nach einigem lohnenden Herumexperimentieren einen brandneuen Farbton namens „angetrocknete Leberwurst“ entdeckt. Diesen brachte sie mit enormer Energie und noch mehr Zugabe von dekorativem Sand, den sie der Farbe beimischte, komplett auf Wände UND Decke der schlauchförmigen, nicht allzu großen Küche auf.

Erfreulicherweise zierte einige Wochen später auch noch ein expressionistischer Espresso-Regenbogen eine der Wände, nachdem Lisa meine Espressokanne austestete, ohne sich vorher zu erkundigen, ob denn die Gummidichtung auch wirklich IMMER drin sein muss.
Aber wahrscheinlich dämpft allzu viel Wissen am Ende nur den Entdeckergeist.

Meine zweite Mitbewohnerin lehrte mich, dass nicht zwangsläufig alle Weibchen ein Nest sauberhalten.

Wenn ich heute Menschen sehe, die stundenlang fasziniert vor einer Skulptur im Museum verharren, erinnert mich das an meine meditativen Betrachtungen von Heikes Stapeln schmutzigen Geschirrs. Es ist erstaunlich, wie leistungsfähig ein Kleber ist, der aus Essensresten gewonnen wird. Egal, wie hoch und schief diese Stapel wurden - sie hielten stand. Ich rechnete jeden Tag mit einem Besuch der Cherokee-Indianer, die ihren Totempfahl zurück forderten.

Die Orte in der Küche, an denen Heike ihre Nahrung zubereitete, erwiesen sich als wahre Nahkampfzonen. Es ist ja aber auch wahr, wieso soll man sich einem Komposthaufen in den eigenen vier Wänden entgegenstellen?
Nachdem sich eine Dekontaminationskammer zwischen der Küche und dem Rest der Wohnung leider als zu unpraktisch erwiesen hatte, lernte ich, dass ich alle wichtigen Orte in der Küche erreichen konnte, ohne den Boden zu berühren, wenn ich vom Schrank über den Tisch bis zur Spüle sprang.
Ich danke an dieser Stelle meinem FH-Hausmeister noch heute für das Geschenk eines zweiten Kühlschranks, so dass unsere Lebensmittel getrennt aufbewahrt werden konnten.
Für den Fall, dass Heike an ihren Kühlschrank ran musste, hatten wir ein Frühwarnsystem entwickelt, so dass genug Zeit bieb, sich mit der Zigarette oder anderem offenen Feuer in Sicherheit zu bringen.

Eines Nachts bin ich damals aufgewacht, weil jemand versuchte, die Tür zu meinem Zimmer zu öffnen. Was nicht funktionierte, da ich meine Tür immer verschlossen hielt.
Ein Blick durchs Schlüsselloch konfrontierte mich mit der unangenehmen Tatsache, dass wir zwei Einbrecher in der Wohnung hatten. Ja Mensch. Blöd.
Ein Anruf bei der Polizei erschien mir als ein durchaus vernünftiger Schritt.
Rrrrinnnggg... *klick* „Polizeinotruf, was haben sie für ein Problem?“
„Nun ja“, flüsterte ich, nachdem ich meinen Namen und Adresse genannt hatte, „in meiner Wohnung sind Einbrecher.“ „Welche Hausnummer, hatten sie noch gleich gesagt?“
„75“
„Sind sie sicher? Nicht 72?“
„Na hören sie mal, ich werd doch noch wissen, wo ich wohne.“
„Hmmm. Einen Moment mal.“
*klick*
WARTESCHLEIFE!!!!!
Bis dahin wußte ich noch nicht einmal, dass der Polizeinotruf eine Warteschleife hat!
Aber das ist ja das Schöne am Leben. Man lernt ständig dazu.

Bis die Helfer in grün eintrafen, hatten sich die Einbrecher längst verkrümelt.
Mitgenommen hatten sie auch nichts, was mich nicht wunderte, was hätten sie schon mitnehmen sollen außer dem Müll?
Mir wurde erklärt, dass sie durch den Keller eingedrungen seien, was sie zuvor auch schon in Nummer 72 getan hatten.

Ich persönlich halte es für viel wahrscheinlicher, dass sie aus Heikes Kühlschrank kamen.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    hahaha saulustiger text hat mir den tag versuesst.
    danke dafuer

    20.04.2011, 16:58 von Schafkissen
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