Garmonbozia 21.10.2011, 11:14 Uhr 24 38

Midlife Crisis

6:00 Uhr. Da ist er wieder, dieser Mensch.

Er startet die Kaffeemaschine, wankt ins Wohnzimmer, holt sich zwei Duplo und würdigt mich keines Blickes. Der übliche Beginn eines üblichen Werktages. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, womit dieser Mensch seinen Lebensunterhalt bestreitet. Dabei feiere ich in fünf Monaten schon meinen zweiten Geburtstag. Damals, als ich jung war, hat er mich noch beachtet, dieser Mensch. Regelmäßig streckte er mir seine Finger entgegen, in welche ich herzhaft hineinbiss. Sein Blut schmeckte süßlich, süßlicher als mein Blut. Es war so schön. Doch jetzt ist alles anders. Dieser Mensch interessiert sich nicht mehr für mich. Sein einziges mich betreffendes Anliegen stellt das rechtzeitige Befriedigen meiner nötigsten Bedürfnisse dar. So werden mir jeden Tag um 21:00 Uhr körnige Köstlichkeiten serviert. Die Porzellanschüssel vor meinem mit Stroh ausstaffierten Holzhäuschen ist stets mit Wasser gefüllt. Aber von Liebe keine Spur. Als dieser Mensch realisiert hatte, dass seine Liebe nur noch auf Sparflamme läuft, hat er mir einen Spiegel in den Käfig gestellt. Ich sollte mich in die dort zu bewundernde Gestalt vergucken, um die plötzliche Ablehnung seitens dieses Menschen besser ertragen zu können. Doch ich bin nunmal kein Wellensittich. Ich erkenne mich im Spiegel. Auch jetzt, da ich mich verstört mustere und mit dem Kopf hin und her wackele. Hospitalismus. Nach acht Stunden im Laufrad sind die Symptome immer am schlimmsten. Also schlurfe ich in mein Schlafgemach, mache es mir gemütlich, schließe die Augen und vergesse. Das übliche Ende eines üblichen Werktages. Aus meiner Sicht. Aus der Sicht des Hamsters.

23:00 Uhr. Dieser Mensch döst einsam vor dem Fernseher, während ich mir bereits seit zwei Stunden wie ein Wahnsinniger einen abstrampele, ohne auch nur das geringste Stückchen vom Fleckchen zu kommen. Vor einer halben Stunde hat sich dieser Mensch seinen Handywecker gestellt. Auf 5:55 Uhr, wie ich vermute. Morgen ist Dienstag. Ich brauche keinen Wecker. Ich habe meinen Biorhythmus, welcher selbst am Wochenende nicht aus dem Ruder gerät. In spätestens 25 Minuten wird dieser Mensch aus seinem Dämmerzustand erwachen, verzweifelt auf sein Handy starren, den Fernseher abschalten und schließlich das Wohnzimmer verlassen. Er wird einen Teil seiner Welt betreten, den ich nur vage zu erahnen vermag. Ich werde unterdessen noch ein Weilchen auf der Stelle rennen, ehe es um 1:00 Uhr an der Zeit ist, die Krallen zu säubern. Im Rahmen meines täglichen Hygieneprogramms schießen mir immer die glorreichsten Eingebungen durch den Kopf. So kam ich gestern - derweil ich den gröbsten Schmutz von meiner linken großen Kralle entfernte – auf die Idee, mich eines Tages reglos in eine Ecke meines Käfigs zu legen und auf diese Weise einen unerwarteten Herztod zu mimen. Vielleicht würde ein derartiger Anblick die Hamsterliebe dieses Menschen neu entflammen. Aber wahrscheinlich würde er bloß teilnahmslos an der Szenerie vorbeiflanieren und sich sodann dem Media-Markt-Prospekt widmen, dieser Mensch. Dieser Mensch, der keinen Schimmer hat, dass sein Dasein von Tag zu Tag immer mehr zu einer Metapher verkommt. Einer Metapher für ein gewöhnliches Hamsterleben. Einer Metapher für mein Leben. Eigentlich hat er mich ja gar nicht verdient.

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24 Antworten

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    Interessant und traurig. Toller Text.

    17.11.2011, 14:27 von wunschpunkt
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    "Nach acht Stunden im Laufrad sind die
    Symptome immer am schlimmsten."

    Herzzerreißend.

    16.11.2011, 10:22 von Jackie_Grey
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  • 1

    außergewöhnliche denkrichtung..ich würd nie dran denken aus solch einer perspektive zu schreiben.schön! :)

    24.10.2011, 00:31 von intelektuelle_Liebe
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    super. :)

    23.10.2011, 19:27 von colakind_26
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      Hat der Hacienda-Bauer später den Stein auf ihn gehauen und Albert gemeuchelt? Rotziger Kommentar, der lustig klingen soll. Find ich trotzdem gruselig.

      16.11.2011, 10:25 von Jackie_Grey
  • 0

    ...5:55 geht auch mein Wecker...

    22.10.2011, 10:18 von angelfly
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      die rache / der sprache / ist das gedicht

      E. J

      21.10.2011, 13:52 von Spielverderberin
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      Nein Frau Sasali, ich fand dein Gedicht sogar gut, daher auch das komische Herz da.
      Neon hat mir den Rest meines Postings gemopst, fand ich später dann aber auch nicht mehr allzu tragisch ;)

      21.10.2011, 14:27 von Spielverderberin
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    • 0

      Ach, manchmal hab ich nichts gegen ein hübsches Missverständnis, lässt sich ja meistens klären. Anders als die Herzverheimlichungen und diverse andere "Umstände" hier, schätz ich :)

      21.10.2011, 14:38 von Spielverderberin
    • 1

      ich find das kleine Gedichtchen besser als den Text. Genaugenommen find ich das Gedicht sogar sehr gut :)

      21.10.2011, 15:16 von topfbluemchen
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      Macht nix. Ich bin ja auch ein heimlicher Fan deines Gedichts.

      21.10.2011, 16:55 von Garmonbozia
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