Midlife Crisis
6:00 Uhr. Da ist er wieder, dieser Mensch.
Er
startet die Kaffeemaschine, wankt ins Wohnzimmer, holt sich zwei Duplo
und würdigt mich keines Blickes. Der übliche Beginn eines üblichen
Werktages. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, womit dieser
Mensch seinen Lebensunterhalt bestreitet. Dabei feiere ich in fünf
Monaten schon meinen zweiten Geburtstag. Damals, als ich jung war, hat
er mich noch beachtet, dieser Mensch. Regelmäßig streckte er mir seine
Finger entgegen, in welche ich herzhaft hineinbiss. Sein Blut schmeckte
süßlich, süßlicher als mein Blut. Es war so schön. Doch jetzt ist alles
anders. Dieser Mensch interessiert sich nicht mehr für mich. Sein
einziges mich betreffendes Anliegen stellt das rechtzeitige Befriedigen
meiner nötigsten Bedürfnisse dar. So werden mir jeden Tag um 21:00 Uhr
körnige Köstlichkeiten serviert. Die Porzellanschüssel vor meinem mit
Stroh ausstaffierten Holzhäuschen ist stets mit Wasser gefüllt. Aber von
Liebe keine Spur. Als dieser Mensch realisiert hatte, dass seine Liebe
nur noch auf Sparflamme läuft, hat er mir einen Spiegel in den Käfig
gestellt. Ich sollte mich in die dort zu bewundernde Gestalt vergucken,
um die plötzliche Ablehnung seitens dieses Menschen besser ertragen zu
können. Doch ich bin nunmal kein Wellensittich. Ich erkenne mich im
Spiegel. Auch jetzt, da ich mich verstört mustere und mit dem Kopf hin
und her wackele. Hospitalismus. Nach acht Stunden im Laufrad sind die
Symptome immer am schlimmsten. Also schlurfe ich in mein Schlafgemach,
mache es mir gemütlich, schließe die Augen und vergesse. Das übliche
Ende eines üblichen Werktages. Aus meiner Sicht. Aus der Sicht des
Hamsters.
23:00 Uhr. Dieser Mensch döst einsam vor dem Fernseher, während ich mir
bereits seit zwei Stunden wie ein Wahnsinniger einen abstrampele, ohne
auch nur das geringste Stückchen vom Fleckchen zu kommen. Vor einer
halben Stunde hat sich dieser Mensch seinen Handywecker gestellt. Auf
5:55 Uhr, wie ich vermute. Morgen ist Dienstag. Ich brauche keinen
Wecker. Ich habe meinen Biorhythmus, welcher selbst am Wochenende nicht
aus dem Ruder gerät. In spätestens 25 Minuten wird dieser Mensch aus
seinem Dämmerzustand erwachen, verzweifelt auf sein Handy starren, den
Fernseher abschalten und schließlich das Wohnzimmer verlassen. Er wird
einen Teil seiner Welt betreten, den ich nur vage zu erahnen vermag. Ich
werde unterdessen noch ein Weilchen auf der Stelle rennen, ehe es um
1:00 Uhr an der Zeit ist, die Krallen zu säubern. Im Rahmen meines
täglichen Hygieneprogramms schießen mir immer die glorreichsten
Eingebungen durch den Kopf. So kam ich gestern - derweil ich den
gröbsten Schmutz von meiner linken großen Kralle entfernte – auf die
Idee, mich eines Tages reglos in eine Ecke meines Käfigs zu legen und
auf diese Weise einen unerwarteten Herztod zu mimen. Vielleicht würde
ein derartiger Anblick die Hamsterliebe dieses Menschen neu entflammen.
Aber wahrscheinlich würde er bloß teilnahmslos an der Szenerie
vorbeiflanieren und sich sodann dem Media-Markt-Prospekt widmen, dieser
Mensch. Dieser Mensch, der keinen Schimmer hat, dass sein Dasein von Tag
zu Tag immer mehr zu einer Metapher verkommt. Einer Metapher für ein
gewöhnliches Hamsterleben. Einer Metapher für mein Leben. Eigentlich hat
er mich ja gar nicht verdient.





Kommentare
Interessant und traurig. Toller Text.
17.11.2011, 14:27 von wunschpunkt"Nach acht Stunden im Laufrad sind die
16.11.2011, 10:22 von Jackie_GreySymptome immer am schlimmsten."
Herzzerreißend.
außergewöhnliche denkrichtung..ich würd nie dran denken aus solch einer perspektive zu schreiben.schön! :)
24.10.2011, 00:31 von intelektuelle_Liebesuper. :)
23.10.2011, 19:27 von colakind_26Hat der Hacienda-Bauer später den Stein auf ihn gehauen und Albert gemeuchelt? Rotziger Kommentar, der lustig klingen soll. Find ich trotzdem gruselig.
16.11.2011, 10:25 von Jackie_Grey...5:55 geht auch mein Wecker...
22.10.2011, 10:18 von angelflyArmer Hamster,
21.10.2011, 13:11 von Sasalikann nur laufen,
huckt im Käfig,
kackt auf Haufen.
Dummer Mensch,
wird’s nie verstehen,
dreht sich im Kreis,
kann gar nichts sehen.
die rache / der sprache / ist das gedicht
21.10.2011, 13:52 von SpielverderberinE. J
@Spielverderberin
21.10.2011, 14:20 von SasaliFrage: Ist dann das Zitat die Sprache derer, die nichts Eigenes zu sagen haben?
Nein Frau Sasali, ich fand dein Gedicht sogar gut, daher auch das komische Herz da.
21.10.2011, 14:27 von SpielverderberinNeon hat mir den Rest meines Postings gemopst, fand ich später dann aber auch nicht mehr allzu tragisch ;)
Nun, dann hab ich dich MissVerstanden...
21.10.2011, 14:30 von SasaliJa, NEON ist etwas "Herzschwach" auf'er Brust denn irgendwie werden auch die Herzchen-Alerts nie angezeigt, jedenfalls nciht bei mir. Ich hatte das auch schon mal angemerkt, bisher ohne jegliches Feedback.
Ach, manchmal hab ich nichts gegen ein hübsches Missverständnis, lässt sich ja meistens klären. Anders als die Herzverheimlichungen und diverse andere "Umstände" hier, schätz ich :)
21.10.2011, 14:38 von Spielverderberinich find das kleine Gedichtchen besser als den Text. Genaugenommen find ich das Gedicht sogar sehr gut :)
21.10.2011, 15:16 von topfbluemchenOh vielen Dank topfblümchen! ... und sorry Garmonbozia!
21.10.2011, 15:26 von SasaliMacht nix. Ich bin ja auch ein heimlicher Fan deines Gedichts.
21.10.2011, 16:55 von Garmonbozia